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Nordirland: Ein verfluchtes Land?

Eine harte Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland würde den wichtigsten Pfeiler des Friedensabkommens von 1998 zerstören. Wiederholt sich die Geschichte?
Cedric Rehman
Ein Plakat bewirbt Geldwechseldienste zwischen den Ortschaften Newry und Dundalk in der Nähe der irisch-nordirischen Grenze. (Bild: Charles McQuillan/Getty Images (23. August 2018))

Ein Plakat bewirbt Geldwechseldienste zwischen den Ortschaften Newry und Dundalk in der Nähe der irisch-nordirischen Grenze. (Bild: Charles McQuillan/Getty Images (23. August 2018))

Die vier Wachtürme der britischen Armee standen wie die dreibeinigen Herrscher aus John Cristophers Science-Fiction-Romanen auf dem Faughill Mountain. Anders als die von Ausserirdischen gesteuerten Maschinen in Christophers Büchern verharrten die Metallungeheuer an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland als Augen und Ohren einer von Feinden umzingelten Armee an Ort und Stelle. Helikopter flogen fast pausenlos um die Türme herum und zogen ihre Kreise über dem Fort der britischen Armee auf dem Grenzhügel.

Damian McGenity versucht, das Geräusch der Rotoren zu beschreiben. «Es klang wie ein Schwarm wütender Hornissen», sagt er. Der 45-Jährige wischt das Foto von der britischen Grenzanlage auf dem Display seines Smartphones mit seinem Daumen weg und steckt das Mobiltelefon in die Manteltasche. Er schaut durch das Fenster eines Hotels auf den Faughill Mountain gegenüber. Nichts ist auf dem Bergrücken mehr zu sehen von einer Grenze oder dem Bürgerkrieg. Das Fort und die Festung verschwanden 2006. Nur Nebelfetzen ziehen träge über den Hügel hinweg.

Lieber teurerer Schnaps, als Wartezeit an der Grenze

McGenity könnte von dem Sofa in dem Hotel aufstehen und zu Fuss zur Arbeit gehen. Er betreibt eine Postfiliale am Fuss des Faughill Mountains, 300 Meter vom Boden der Republik Irland entfernt. Der Nordire lebt nicht davon, Pakete anzunehmen. Er verkauft in einem der Filiale angeschlossenen Lebensmittelgeschäft vor allem Schnaps. Die Kunden kommen aus Irland. Die Regierung in Dublin macht das Trinken immer teurer. Aber die Iren haben es leicht, der Nüchternheit zu entgehen – noch. An Wochenenden, wenn die Iren vorglühen, steht nicht selten eine Flasche Whisky aus dem Norden auf dem Tisch. Der Familienvater hat Angst, dass er sich bald von seiner wichtigste Einnahmequelle verabschieden muss. Sollten jene recht behalten, denen nichts mehr einfällt, was eine harte Grenze noch aufhalten kann, werden die Iren wohl lieber teureren Schnaps kaufen, als vor Checkpoints zu warten. McGenity fürchtet aber viel mehr als den Verlust seines Wohlstands. Er redet von seinem zweigeteilten Leben. Der bessere Teil der letzten 45 Jahre sei nun in Gefahr. «Ich bin in einem Kriegsgebiet aufgewachsen und frage ich mich oft, wie ich das geschafft habe. Und jetzt lebe ich seit 20 Jahren wie ein normaler Mensch», sagt er.

Bald könnte es damit vorbei sein, fürchtet er. McGenity ist sich sicher, dass sein «normales Leben» und das aller anderen Nordiren davon abhängt, was künftig auf und um den Faughill Mountain herum geschieht. Der Nordire lädt zu einer Fahrt entlang des Berges ein. Er steuert seinen Geländewagen über eine Landstrasse, die es bald so nicht mehr geben könnte. «Jetzt sind wir in Irland», sagt McGenity, als er an einem Gebäude vorbeifährt, auf dem ein Plakat für «Money Change» wirbt. Vielleicht 100 Meter später, sagt er. «Willkommen im Vereinigten Königreich.» So geht die Fahrt weiter. Die Strasse kreuzt irisches Territorium und setzt ihren Verlauf in Grossbritannien fort. Die Route sei vor 1998 mit Betonblöcken gesperrt und teilweise von der IRA vermint gewesen, erzählt er. Eine Strasse, die keine Länder verbindet, sondern in Abschnitten zerrissen zwischen den Fronten lag. Eine Ausnahme sei sie im grenznahen County Armagh aber nicht gewesen, meint McGenity. «Es gab Dörfer, die vielleicht ein paar hundert Meter voneinander entfernt sind, aber dazwischen lag ein- oder zweimal die Grenze. Da konnte es einen ganzen Tag dauern, um das andere Dorf zu erreichen», sagt der Nordire.

Nach 1998 habe die geöffnete Grenze die Region völlig verändert. Der grenznahe County Armagh galt vom Beginn des Bürgerkriegs 1969 bis in die 90er als «Banditenland». Die IRA hatte die Kontrolle am Boden. Die britische Armee bewegte sich nur mit Helikoptern. Die britische Armee blockierte Strassen und sprengte Brücken, um den Waffenschmuggel zu blockieren.

Jugend hat Besseres zu tun, als Bomben zu legen

Mit der offenen Grenze kamen Jobs in den Landkreis. Einst von der Welt isolierte Städte wie Newry profitierten aufgrund ihrer Nähe vom wirtschaftlichen Aufschwung des keltischen Tigers Irland. Junge Männer konnten Arbeit dies- und jenseits der Grenze finden. Sie gründeten Familien, bauten Häuser, und obwohl die Region immer noch stramm zur irisch-republikanischen Sinn Féin stand, verschwanden die Paramilitärs aus den Dörfern. Jene, die den Kampf nach 1998 fortsetzen wollten, fanden eine Basis vor, die gerade begann, sich mit Ikea einzurichten oder Ferien in Thailand zu machen. Die Jugend von Armagh hatte Besseres zu tun, als Bomben zu legen.

Historischer Check-Point zwischen katholischem und protestantischem Stadtteil in Belfast. (Bild: Matthias Graben/Imago)

Historischer Check-Point zwischen katholischem und protestantischem Stadtteil in Belfast. (Bild: Matthias Graben/Imago)

Damian McGenity hält vor einem Schild wenige Kilometer vor Newry. Die gefürchteten Grenzanlagen erheben sich schwarz auf gelbem Untergrund. Das Plakat wirkt wie ein Abbild der Albträume vieler Nordiren. Das Schild der «Border Communities against Brexit» fordert Respekt für das Votum der Nordiren gegen den Brexit beim britischen Referendum im Juni 2016. McGenity gehört zu den ersten Mitgliedern der nordirischen Organisation der Brexit-Gegner. Das EU-Parlament zeichnete seine Organisation 2017 mit dem Europäischen Bürgerpreis aus. Doch was hilft es, wenn nach einem Nein des britischen Unterhauses bei der anstehenden Abstimmung über den Brexit- Deal der britischen Premierministerin Theresa May Realität werden könnte, wovor das Plakat warnt. Die Region sei auf Touristen und Investoren aus dem Süden angewiesen. Eine harte Grenze könnte sie fernhalten. «Bis zu 30 Prozent der Jobs hängen direkt von Irland ab», sagt McGe­nity. Doch schlimmer als drohende Arbeitslosigkeit seien die Kontrollen selbst für die Region. «Die Menschen hier sehen sich als Iren. Aber sie haben durch die offenen Grenzen das Gefühl, dass die Einheit schon fast da ist. Wenn die Leute wieder vor Checkpoints stehen, ist das für sie so, als hätte es das Karfreitagsabkommen nie gegeben», sagt McGenity.

Vielleicht ist sein Land ja verflucht. Damian McGenity erinnert daran, wie die IRA in Armagh schon in den 60er-Jahren von der Wut junger Männer über die Grenze und das trostlose Leben in ihrem Schatten profitiert hat. Jetzt drohen neuer Zorn, neue Trostlosigkeit – und wer weiss, meint der Nordire, auch eine neue Generation der IRA. «Manche sagen, das könne nicht mehr passieren, aber das haben sie auch über den Brexit gesagt», meint er.

Rund 60 Kilometer von Newry entfernt macht sich ein Experte für den Nordirlandkonflikt Gedanken, ob Geschichte sich wiederholen kann. Die Frage liesse sich nicht mit einem Satz beantworten, meint Cathal McMannus. Der Soziologe sitzt an seinem Schreibtisch an der Queen’s-Universität in Belfast. Seine Regale sind voll mit Akten über Gräueltaten aus 30 Jahren Bürgerkrieg. Ja, meint er, der Brexit gefährde den wichtigsten Erfolg des Friedensvertrags von 1998, die offene Grenze zu Irland. Eine Säule des Abkommens verschwinde gar, die EU als Basis für Vertrauen und Zusammenarbeit auf der irischen Insel. «Die EU wurde im Karfreitagsabkommen nicht extra erwähnt. Das mussten sie auch nicht, weil es in den 90ern unvorstellbar war, dass Grossbritannien oder Irland nicht mehr Teil der EU sein könnten», sagt er.

Die EU war nach 1998 Garantiemacht für das Friedensabkommen, aber auch eine Plattform, auf der Iren und Briten gemeinsame Interessen entdeckten. Dennoch, ein Bürgerkrieg werde nach dem Brexit nicht wieder ausbrechen, sagt er. Soziale Unruhen und Terroranschläge auf neue Grenzanlagen seien gut vorstellbar, meint er – aber Krieg? Dazu fehlten den heutigen Paramilitärs beider Seiten schon allein das Waffenarsenal der früheren Kombattanten, meint er.

«Nicht im Krieg, aber voller Hass»

Gefahr sieht er vielmehr, dass der Brexit die bereits in Agonie liegende politische Ordnung Nordirlands implodieren lässt. Die protestantische DUP wolle die harte Grenze, sagt er. Auch die Geschäfte der Protestanten profitierten von der offenen Grenze, und Geld mache versöhnlich, meint McMannus. Für die grösste Protestantenpartei war das eine Entwicklung, die unbedingt gestoppt werden musste. Jetzt, wo Theresa May von der DUP als Mehrheitsbeschafferin im Parlament abhängt, könnten die Protestanten mit einem Nein zu ihrem Brexit-Deal den mit der offenen Grenze verbundenen Friedensvertrag von 1998 aushebeln.

Das sogenannte Karfreitagsabkommen sah vor, dass sich die DUP und ihre Feindin, die irisch-republikanische Sinn Féin, die Macht teilten. Bereits seit Anfang 2017 verweigern die DUP und Sinn Féin die gemeinsame Regierungsbildung auch wegen des Brexit-Streits. Nord­irland ist inzwischen länger ohne eigene Regierung, als es Belgien je war. Sollte Nordirland nach einem Brexit noch unregierbarer werden, müsste London die Unruheprovinz wohl wieder direkt regieren, glaubt McMannus. Das wäre das Ende des Karfreitagsabkommens. Es könnte die letzte Chance für die DUP sein, ein Referendum über eine irische Wiedervereinigung zu verhindern, sagt er. «Das Karfreitagsabkommen erlaubt ein Votum, und schon in wenigen Jahren sind die irischen Republikaner demografisch in der Mehrheit. Der Brexit ist ein Geschenk für die DUP», sagt McMannus. Wo sieht er Nordirland in zehn Jahren? «Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir wieder dort landen, wo wir in den 50er-Jahren waren. Ein Nordirland, das vielleicht noch nicht im Krieg mit sich ist, aber voller Hass und wahrscheinlich von London regiert», sagt McMannus. Nun hat er sie doch in einen Satz gegossen, seine Antwort, ob Nordirland nach dem Brexit seine Geschichte wiederholen könnte. Wie ein Nordirland aussehen würde, das wieder brennt, hat der Gemeindearbeiter Gerard Deane im Juli dieses Jahres fassungslos auf Twitter verfolgt. Er war in den Ferien, als seine Heimatstadt Derry am 8. Juli für ein paar Tage in die Anarchie glitt. Ein katholischer Mob griff Wohnhäuser von Protestanten im Fountain-Viertel mit Brandbomben an. Militante beschossen die Polizeistation in der zweitgrössten Stadt Nordirlands mit Maschinengewehren. Sie patrouillierten mit Masken aus Wollmützen an Barrikaden im katholischen Viertel Bogside. Es schien für ein paar Tage fast, als würden Paramilitärs «Free Derry» wieder gründen. So nannte die IRA das Territorium in der Stadt, das sie bis zum Einmarsch der britischen Armee 1971 unter Kon­trolle hatte. Der Spuk endete am 13. Juli. Die Polizei räumte die letzten Barrikaden in der Bogside ab und wurde dabei von Kindern im Grundschulalter mit Steinen beworfen.

So sah der Alltag 1972 aus: Britische Truppen helfen einer Zivilistin um eine Barrikade herum. (Bild: AP)

So sah der Alltag 1972 aus: Britische Truppen helfen einer Zivilistin um eine Barrikade herum. (Bild: AP)

Deane zeigt auf einem Spaziergang durch Derry seine geteilte Stadt. Die Stadtmauer aus dem 17. Jahrhundert thront auf einem Hügel und wird an manchen Stellen von einem Zaun überragt. Die «Friedenslinie» trennt die katholische Bogside vom protestantischen Fountain. Die Strassen gleichen einem Friedhof ohne Gräber. Plaketten mit Kreuzen erinnern an die Toten des Bürgerkriegs. Als Anlass für die schlimmsten Unruhen in der Stadt seit 1998 gilt ein Marsch des protestantischen Oranier-Ordens. Er wollte zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder an den Sieg Englands über Irlands Katholiken 1690 erinnern. Aber der Anlass sei nicht die Ursache gewesen für die Zerstörungswut der Katholiken, meint Deane. Die wahre Ursache sei der Brexit gewesen, sagt er. 78 Prozent hätten im mehrheitlich katholischen Derry für einen Verbleib in der EU gestimmt mit Blick auf die auch hier nahe gelegene Grenze zu Irland, erklärt Deane. «In der Bogside liegt die Arbeitslosenquote bei zum Teil 75 Prozent. Und jetzt kommt wohl eine Grenze, die noch mehr Jobs gefährdet und die keiner wollte. Das ist ein gefährlicher Cocktail», meint der Sozialarbeiter.

Die nordirische Psyche sei für andere Europäer nur schwer zu verstehen, meint der Sozialarbeiter. Die Identität der Nordiren beruhe auf der Feindschaft zueinander. «Zu viel Aussöhnung weckt Ängste, sich selbst zu verlieren und Verrat an der eigenen Gruppe zu üben», sagt er. Deshalb verharre Nordirland seit 20 Jahren in einer Art Fegefeuer zwischen Himmel und Hölle, Frieden und Krieg. «Menschen, die sich ihrer nicht sicher sind, neigen dazu, sich über Ablehnung anderer zu definieren», meint er. In der Seele verletzte Menschen fühlten sich ausserdem schnell missachtet. «Genau das geschieht jetzt mit dem Brexit. Die Menschen sagen, sie hören uns nicht zu. Also sorgen wir dafür, dass sie uns nicht überhören können», sagt er.

Die Europäische Union habe nach 1998 viel Geld ausgegeben, damit Projekte wie Deanes «Holywell Trust» den Traumatisierten aus beiden Volksgruppen Raum zur Aussprache gibt. Der ­Brexit nimmt aber nun die EU auch als Financier des Friedens aus dem Spiel. London verspricht, für ausfallende Fördermittel aufzukommen. Aber ob die Zusagen gelten, wenn Grossbritannien nach dem Brexit in eine tiefe Rezession stürzt, glaubt der 45-Jährige nicht. Europa sei in den vergangenen 20 Jahren jener Anker für Nordirland gewesen, sagt er. Es scheint, als treibe das gebeutelte Land nun unbekannten Ufern entgegen.

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