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VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG: Historiker zum Koreakrieg: «Eine menschengemachte Hölle»

Ohne den Koreakrieg wäre der hasserfüllte Antiamerikanismus in Nordkorea nicht denkbar. Die Teilung des Landes behindere die Aufarbeitung der Vergangenheit, sagt der Historiker Unsuk Han. An eine Wiedervereinigung glaubt er dennoch.
Isabelle Daniel
Mit ihrem Bruder auf dem Rücken stapft eine koreanische Jugendliche an einem Panzer der US-Armee vorbei. (Bild: R.V. Spencer/Keystone (Haengju, 9. Juni 1951))

Mit ihrem Bruder auf dem Rücken stapft eine koreanische Jugendliche an einem Panzer der US-Armee vorbei. (Bild: R.V. Spencer/Keystone (Haengju, 9. Juni 1951))

Interview: Isabelle Daniel

Unsuk Han, Nord- und Südkorea kämpften im Koreakrieg gegeneinander. Inwiefern unterschieden sich die Erfahrungen der Zivilbevölkerung in Nord und Süd?

Im heutigen Grenzgebiet gab es über zwei Jahre ständige Stellungskriege, die viele Opfer auf beiden Seiten forderten. Während dieser Zeit wurde das gesamte nordkoreanische Territorium hinter der Frontlinie durch die US-Luftwaffe bombardiert. Die Bevölkerung in Nordkorea musste in diesen zwei Jahren sehr leiden. Seit der chinesischen Beteiligung im ­Koreakrieg hatte US-Präsident Harry Truman den Einsatz von Nuklearwaffen erwogen, ihn schliesslich jedoch nicht in die Tat umgesetzt. Die USA stationierten im Dezember 1957 eine taktische Nuklearwaffe in Südkorea. In Nordkorea war deshalb, auch unter der Zivilbevölkerung, die Angst vor einem US-Luftangriff – und besonders einem Nuklearangriff – immer sehr gross.

Wie wirken sich diese Erfahrungen auf die Erinnerungskultur aus?

Die Erinnerung an den Koreakrieg unterscheidet sich in Nord- und in Südkorea stark, besonders in Bezug auf die Rolle der USA in dem Krieg. In Nordkorea werden die Erfahrungen während des Koreakrieges mit dem ideologischen Antiamerikanismus verknüpft. Die Luftangriffe der US-Armee in Nordkorea zwischen dem Yalu und der Frontlinie haben dort fast alles zerstört. Die Bevölkerung musste zwei Jahre lang in einer menschengemachten Hölle leben und produzieren.

Und in Südkorea?

In Südkorea erinnert man sich der Amerikaner als Befreier vom Krieg und Retter vor der nordkoreanischen Invasion. Der Oberbefehlshaber der US-Armee, General Douglas McArthur, wurde lange als Kriegsheld und als Retter Südkoreas verehrt, weil er die alliierten Truppen in Inchon erfolgreich landen liess und damit die wesentliche Wende im Krieg herbeiführte. Die Inhaftierungen, Massaker und Entführungen vieler Südkoreaner wurden als nordkoreanisches Kriegsverbrechen verbucht. Über die Massaker an der eigenen Bevölkerung aufgrund von Beschuldigungen, pronordkoreanische Anhänger zu sein, wurde hingegen lange geschwiegen. Das wurde erst nach der Demokratisierung seit Ende der 1980er-Jahre allmählich aufgearbeitet.

Inwiefern spiegelt sich das nord­koreanische Geschichtsbild in der staatlichen Propaganda?

Obwohl viele der Massaker in Nordkorea nicht durch US-Streitkräfte, sondern durch rechtsradikale paramilitärische Truppen aus Südkorea verübt wurden, werden in Nordkorea die USA für sie verantwortlich gemacht. Eine grosse Rolle für die Konstruktion dieses Geschichtsbildes spielt das Sinchon-Museum in Nordkorea, auf dessen Gelände im Koreakrieg 35 000 Zivilisten von südkoreanischen Paramilitärs getötet wurden. Kim Il Sung hatte diesen Ort 1957 besucht und befohlen, ein Museum aufzubauen. Die südkoreanischen paramilitärischen Truppen werden in dem Museum allerdings nur als Handlanger der Amerikaner dargestellt. Wann immer in Nordkorea eine Bedrohung von aussen ausgemacht wird, wird die Erinnerung an die Opfer des Massakers im Sinchon-Museum verstärkt.

Wie wird in Südkorea an die Massaker erinnert?

Massaker fanden auch in Südkorea statt. Einige wurden vom nordkoreanischen Militär verübt. Diese Verbrechen wurden ausführlich untersucht und in der antikommunistischen Bildungspolitik stets betont. Gedenkstätten und der Gedenktag am 6. Juni erinnern an diese Verbrechen. Es gab aber auch Massaker an Zivilisten, die von südkoreanischer Seite verübt wurden. Die Erinnerung daran wurde lange unterdrückt, erst seit Ende der 80er-Jahre ist eine Aufarbeitung dieser traurigen Geschichte möglich. Das gilt auch für die von der US-Armee verübten Massaker. Ein grosser Teil der Südkoreaner sieht die US-Armee aber bis heute als Retter vor der nordkoreanischen Invasion an. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den US-Verbrechen im Koreakrieg ist zwar kein Tabu mehr, solche Forschungen werden aber von den konservativen südkoreanischen Medien immer wieder scharf kritisiert – ganz im Geiste des Kalten Krieges.

Sie forschen auch zum Geschichtsunterricht in Ostasien und Europa. Wie wird der Koreakrieg in südkoreanischen Schulen vermittelt?

Das Massaker in Sinchon ist in der südkoreanischen Schulbuchdarstellung ein Tabu, weil es die wichtigste Grundlage in der nordkoreanischen antiimperialistischen und antiamerikanischen Ideologiebildung darstellt. Die Massaker durch südkoreanische Truppen, etwa auf der Insel Cheju oder in Geochang, sind zwar kein Tabu mehr. Auch sie werden aber in Schulbüchern nicht ausführlich und nur indirekt dargestellt. Schulbuchkonflikte münden in Südkorea oft in gesellschaftliche Debatten, auch weil die führenden konservativen Medien die antikommunistische und antinordkoreanische Meinung der Bevölkerung schüren.

Verhindert der aktuelle Konflikt eine Aufarbeitung der Vergangenheit?

Ja. Ich glaube, erst wenn wir wiedervereinigt sind, können wir offen über diese Aspekte reden und diskutieren – und sie auch in den Schulbüchern thematisieren. Bis dahin wird es immer Schwierigkeiten mit einem offenen Umgang mit der Vergangenheit geben.

Die heutige Grenzlinie wurde 1945 von den Amerikanern gezogen. Genau diese Grenze war 1896 schon einmal definiert worden – von der japanischen Kolonialmacht. Gibt es in Bezug auf die Kolonialzeit eine gemeinsame Erinnerung in Südkorea und in Nordkorea?

Im nationalistischen Sinne ja. Trotzdem wird die Kolonialherrschaft sehr unterschiedlich interpretiert. In Nordkorea gab es einen Zusammenhang zwischen der Staatsgründung und dem Beginn der Herrschaft von Kim Il Sung mit seiner führenden Rolle in der nationalen Befreiungsbewegung gegen die Japaner. Seine Rolle als Führer des Partisanenkampfes gegen das japanische Militär bildet eine starke Legitimationsbasis seiner Alleinherrschaft und Juche-Ideologie. Insofern spielt die antikoloniale Befreiungsbewegung in der nordkoreanischen Erinnerungspolitik eine grosse Rolle. Für uns in Südkorea hat eher die Bildung der provisorischen Regierung 1919 in Schanghai eine wichtige Bedeutung im kollektiven Gedächtnis.

Welchen Stellenwert hat die provisorische Regierung in der nordkoreanischen Erinnerungskultur?

In Nordkorea wird die provisorische Regierung ganz anders interpretiert: als rechtskonservative und zersplitterte Organisation, die keine führende Rolle in der Nationalbewegung gespielt habe. Aber in der Kritik der japanischen Kolonialherrschaft, etwa in Bezug auf wirtschaftliche Ausbeutung, Zwangsarbeit, Soldatenrekrutierung, das System der Sexsklaven – sogenannte Trostfrauen für japanische Soldaten: Da herrscht eine gemeinsame Erinnerung. Es gab auch Konferenzen, an denen Historiker aus Süd- und Nordkorea gemeinsam diese Themen behandelt haben.

Die Möglichkeit einer koreanischen Wiedervereinigung wird oft mit dem deutschen Fall verglichen. Wie sinnvoll ist dieser Vergleich?

Gerade wegen der Erfahrung des Koreakrieges ist unsere Wiedervereinigung viel schwieriger als in Deutschland. Die aus dem Krieg resultierenden Hassgefühle stellen ein grosses Hindernis dar. Trotzdem sollten wir von den deutschen Erfahrungen lernen. Es gab langjährige Annäherungen zwischen Ost- und Westdeutschland. Diese Annäherungspolitik sollten wir langsam wiedereinsetzen.

Aktuell dominiert eher die Angst vor einer Eskalation des Konflikts.

Eigentlich wollte der neue Präsident Moon Jae In die über längere Zeit ausgesetzte Annäherungspolitik fortsetzen. Das wird wegen der ständigen Provokationen aus Nordkorea sehr erschwert. Trotzdem müssen wir versuchen, mit der nordkoreanischen Führung zu sprechen. Vor 17 Jahren, unter der Präsidentschaft von Kim Dae Jung, hat zum ersten Mal eine südkoreanische Delegation Pjöngjang besucht. Dieser Besuch hat sich nachhaltig auf die Meinung der südkoreanischen Bevölkerung ausgewirkt, wo man in der Folge eine Wiedervereinigung wieder für möglich hielt. Ein ähnlicher Mentalitätswandel wäre auch in der nordkoreanischen Gesellschaft möglich.

Halten Sie eine Wiedervereinigung noch für möglich?

Ja, davon bin ich überzeugt. Es braucht aber zuerst den politischen Wandel. Insofern unterstütze ich die Rede Moons vor der UNO. Wir sollten das durch die Konfrontationspolitik der neunjährigen konservativen Regierung verlorengegangene gegenseitige Vertrauen zurückgewinnen. Das wird zur langfristigen Annäherung führen. Wenn wir diese «Sonnenscheinpolitik» weiter fortsetzen, dann werden wir durch dauerhaftes friedliches Miteinander «Wandel durch Annäherung» wie in Deutschland auch auf der Koreanischen Halbinsel ermöglichen. Ob wir weiter bis zur Vereinigung weitermarschieren können, ist sekundär. Hauptsache ist, Frieden zu bewahren.

Zur Person

Der promovierte Historiker Unsuk Han ist Leiter des Tübingen Center for Korean Studies an der Korea University in Seoul. Er forscht unter anderem zum Geschichtsunterricht in Ostasien und Europa.

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