Kommentar
Vergeltungsangriffe werden Assad nicht beeindrucken

Die türkische Armee reagiert auf den Tod von fünf ihrer Staatsbürger mit einem massvollen Beschuss syrischer Stellungen entlang der gemeinsamen Grenze. Und was tun Ankaras Nato-Verbündete?

Michael Wrase
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Menschen bringen sich nach dem Angriff aus Syrien im türkischen Grenzgebiet in Sicherheit

Menschen bringen sich nach dem Angriff aus Syrien im türkischen Grenzgebiet in Sicherheit

Keystone

Fast schon reflexartig fordern sie den türkischen Premier Recip Tayyip Erdogan zu „Besonnenheit und Zurückhaltung" auf. Dabei ist das Mass längst voll. Nach dem Tod von vier türkischen Kindern und ihrer Mutter, die - wie Tausende von syrischen Zivilisten - Opfer des ruchlos ums politische Überleben kämpfenden Diktators in Damaskus wurden, sollte es an der Zeit sein, die Ära Assad zu beenden.

Doch dafür scheint es inzwischen zu spät zu sein. Die Risiken einer grossangelegten militärischen Intervention, auf die sich weder die Türkei noch die Nato gründlich vorbereitet haben, sind zu hoch. Anstatt eine umfassende Strategie zum Sturz des Assad-Regimes zu entwickeln, legten sich die so genannten „Freunde Syriens" auf ein Vorgehen in kleinen, zögerlichen Schritten fest: Ankara hiess die Deserteure der syrischen Armee willkommen und kümmerte sich um ihre Ausbildung sowie vermutlich auch um ihre leichte Bewaffnung. Gleichzeitig gestattete und gestattet die türkische Regierung Tausenden von Dschihadisten aus allen Teilen der Welt die ungehinderte Einreise nach Syrien. Die im „Heiligen Krieg" erfahrenen Islamkämpfer, so die vage Hoffnung, sollen den Sturz des Assad-Regimes herbeiführen.

Dies ist ihnen bislang nicht gelungen. Für das Assad-Regime sind die „Heiligen Krieger" ein willkommener Anlass, den Konflikt in Syrien als „ausländische Verschwörung" darzustellen. Selbst viele Türken teilen diese Ansicht und glauben daher auch, dass das Risiko einer Intervention in Syrien zu gross ist. Laut Umfragen ist die Mehrheit der türkischen Bevölkerung gegen ein militärisches Eingreifen in Syrien.

Wie kompliziert die Lage in Syrien ist, zeigt sich exemplarisch in der Region um die türkische Grenzstadt Akcakale, wo am Mittwoch fünf Türken von syrischen Mörsergranaten getötet wurden. Die Ortschaft liegt nur wenige Kilometer vom syrischen Grenzposten Tel Abyad entfernt, der vor der Eroberung durch syrische Rebellen von kurdischen Freischärlern gehalten wurde, die sich mit dem Assad-Regime verbündet haben. Seit Montag kämpfen sie mit Unterstützung der regulären syrischen Armee um die Rückeroberung des Grenzpostens.

Sollte die türkische Armee die syrische Grenzstadt einnehmen, stünde sie nicht nur Assads Soldaten, sondern auch syrischen Kurden gegenüber, die die Ziele der türkischen PKK unterstützen. Der Versuch, den - aus türkischer Sicht - „kurdischen Sumpf" in Syrien trockenzulegen, ist sicherlich verlockend. Dem grossen Ziel, dem Sturz des Assad-Regimes, kommt man damit aber vermutlich nicht näher. Es bestünde die Gefahr, dass die türkische Armee im „syrischen Sumpf" versinken könnte. Nicht einmal im Nord-Irak, wo sich um die Berg Cudi die Rückzugsgebiete der PKK befinden, haben die türkischen Streitkräfte in den letzten Jahren erfolgreich und nachhaltig intervenieren können.

Angesichts der komplizierten Lage im syrischen Bürgerkrieg wird sich Erdogan daher auf heftiges Säbelrasseln beschränken müssen. Erdogan dürfte sich auch im Klaren sein, dass die zersplitterten syrischen Rebellen letztendlich keine verlässlichen Partner sind. Seit Monaten hoffen sich auf eine militärische Intervention der Türkei, die gestern zwei Drittel der türkischen Parlamentsabgeordneten grundsätzlich abgesegnet haben. Es ist das gleiche Gesetz, das bereits seit Jahren für den Nord-Irak gilt, wo die PKK aber noch immer ungestört schalten und walten kann.

Das gestern beschlossene Interventionsgesetz für Syrien ist nach Ansicht des türkischen Vize-Premiers Besir Atalay „keine Kriegserklärung". Glaubt man Erdogans Berater Ibrahim Kalin, dann hat die Türkei zumindest im Moment „kein Interesse an einem Krieg mit Syrien". Aber die Weichen dafür sind immerhin gestellt. Assad, so scheint es, scheint die Signale aus Ankara zur Kenntnis genommen zu haben. Der Diktator, heisst es in Ankara, habe sich für die tödlichen Mörserattacken entschuldigt. In seinem Land wird er aber weitermachen wie bisher. Die türkischen Vergeltungsangriffe werden ihn nicht beeindrucken.