Verschwundener Journalist: Saudi-Arabiens Märchen aus 1001 Nacht

Saudi-Arabien will den Tod des regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi als aus dem Ruder gelaufenes Verhör darstellen. Die Glaubwürdigkeit dieser Version ist gering.

Michael Wrase, Beirut
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Das saudische Konsulat in Istanbul – was spielte sich hinter dieser Tür ab? (Bild: Petros Giannakouris/AP (16. Oktober 2018))

Das saudische Konsulat in Istanbul – was spielte sich hinter dieser Tür ab? (Bild: Petros Giannakouris/AP (16. Oktober 2018))

In Beirut und anderen Städten des Nahen Ostens kursieren Fotos, auf denen sauber abgetrennte Arme und Beine zu sehen sind, bei denen es sich angeblich um Leichenteile von Jamal Khashoggi handle. Die grauenvollen Aufnahmen, betonen Experten, seien mit Sicherheit «Fake News». Sie sollen die ohnehin schlechte Stimmung gegen den saudischen Kronprinzen weiter anheizen.

Um der «Verleumdungskampagne» entgegenzuwirken, hat das Regime in Riad seine Verbündeten aufgefordert, dem Königshaus mit zum Teil grotesken Lobhudeleien den Rücken zu stärken. So pries der libanesische Grossmufti, Scheich Abdul Latif Deryan, die saudischen Herrscher am Dienstag als «weise, rationale Regenten», die sich nun «Hetztiraden ausgesetzt sähen, welche die Gefühle von einer Milliarde muslimischer Gläubiger zutiefst verletzt» hätten. Regierungssprecher in Bahrain, Abu Dhabi und Kairo verteidigten das Königshaus als einen Grundpfeiler der Stabilität. Für die höchst wahrscheinliche Ermordung von Jamal Khashoggi wird keine Erklärung gesucht. Stattdessen verkündeten am Dienstag acht arabische Staaten, dass sie an der Seite ihrer von «heimtückischen Feinden» angegriffenen saudischen Brüder stünden.

Interview «ausser Kontrolle geraten»

Diese befinden sich seit genau zwei Wochen in akutem Erklärungsnotstand. Nicht einmal die Verbündeten in den USA wollen glauben, dass Jamal Khashoggi am 2. Oktober das saudische Generalkonsulat in Istanbul lebend verlassen hat, wie Riad dies bis heute gebetsmühlenartig beteuert. Um den immensen Imageschaden zu begrenzen, müsste Riad daher eine glaubwürdigere Version der Ereignisse in Istanbul präsentieren. Das ist bisher nicht geschehen. Nach Informationen von CNN und Al Dschasira plant Riad jedoch den Mord als eine Art Versehen oder «bedauerlichen Betriebsunfall» darzustellen.

Khashoggi sei während einer Befragung kollabiert und dann «völlig unerwartet gestorben». Das «ausser Kontrolle geratene Interview» sei ohne Genehmigung aus Riad geführt worden. Die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. Die 14 saudischen Geheimpolizisten sowie der Forensiker, die vor der Ermordung des 59-jährigen Journalisten nachweislich nach Istanbul eingeflogen wurden, fehlen in der revidierten Geschichte aus 1001 Nacht. Die mutmasslichen Mörder müssen, der Glaubwürdigkeit halber, vermutlich noch «integriert» werden, weshalb die «überarbeitete Version» der Legende noch auf sich warten lässt.

Königssohn im Visier der USA?

Trotzdem kann sich der US-Präsident offenbar mit einem Teilgeständnis der Saudis anfreunden. Der saudische König habe im Telefongespräch mit ihm angedeutet, dass «boshafte Killer» am Werk gewesen seien. Salman, so Donald Trump weiter, habe ihm versichert, «von nichts gewusst zu haben». Was vermutlich sogar stimmt. Denn nicht der demente König, sondern dessen Lieblingssohn und Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) hält in Riad das Heft des Handelns fest in der Hand. Experten gehen davon aus, dass er die Ermordung von Jamal Khashoggi befohlen hat. «MBS war geradezu besessen von dem Gedanken, mit Khashoggi auch das letzte Schwergewicht unter den Regimekritikern zu liquidieren», sagte ein in Beirut akkreditierter Diplomat aus der arabischen Golfregion. «Und er geht noch immer fest davon aus, dass die Amerikaner diesen Mord auch schlucken werden.»

Tatsächlich sind die USA im Nahen Osten auf Saudi-Arabien als Bündnispartner angewiesen. Von einer Schwächung der Allianz könnte der Iran profitieren. Das heisst aber nicht, dass Washington seine Nahostpolitik ausschliesslich auf den als unberechenbar beschriebenen Königssohn abstützen muss. Als strategische Partner von Riad sind die USA in Saudi-Arabien blendend vernetzt. «Mittelfristig», so arabische Diplomaten in der libanesischen Hauptstadt, «dürften die Amerikaner nach Wegen suchen, um MBS kaltzustellen oder ihn loszuwerden.»

Tiam sagt Teilnahme an Investorengipfel in Riad ab

Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam will nun doch nicht an die nächste Woche stattfindende dreitägige Investorenkonferenz in Riad reisen. Das berichtete das Portal «finews.ch» am Dienstag. Die Credit Suisse zählt zu den wichtigsten Partnern der Konferenz, die auch «Davos der Wüste» genannt wird. Thiam gehört wie andere Wirtschaftsführer dem Beratungsausschuss der Veranstaltung an. Am Montag sagte die Bank noch dem «Tages-Anzeiger», dass Thiam trotz der internationalen Proteste gegen das saudische Königshaus wegen der mutmasslichen Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi an der Konferenz teilnehmen wolle. Am Dienstag wollte die Bank keine Stellung nehmen. (dlw/sda)

Kommentar

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