70 Jahre Hiroshima
«Vielleicht der schlimmste Tag in der Geschichte der Menschheit»

Japan nutzt das Trauma der Überlebenden des Atombombenabwurfs für den Kampf für atomare Abrüstung. Mit der Aufarbeitung seiner eigenen Kriegsvergangenheit tut sich das Land aber schwer. Eine Spurensuche.

Felix Lill, Hiroshima
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Gedenken an die Opfer: Einwohner von Hiroshima entzünden im Friedenspark Kerzen. KIMIMASA MAYAMA/EPA/Keystone
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Vor 70 Jahren fiel eine Atombombe auf Hiroshima
Vor 70 Jahren fiel eine Atombombe auf Hiroshima
Vor 70 Jahren fiel eine Atombombe auf Hiroshima
Vor 70 Jahren fiel eine Atombombe auf Hiroshima
Vor 70 Jahren fiel eine Atombombe auf Hiroshima
Besucher beten beim Friedensmuseum
Besucher beten beim Friedensmuseum

Gedenken an die Opfer: Einwohner von Hiroshima entzünden im Friedenspark Kerzen. KIMIMASA MAYAMA/EPA/Keystone

KEYSTONE

Die Geschichte von Tamiko Shiraishi beginnt so, wie sie viele Überlebende erzählen. «Der Himmel war klar, ein schöner Tag.» Die zwei Soldaten, die die Mutter des siebenjährigen Mädchens seit Monaten beherbergte, hatten für die tägliche Patrouille ungewöhnlich früh das Haus verlassen. «Mein Vater war bei der Marine, er war schon seit Monaten nicht mehr zu Hause. Die beiden Soldaten wurden wie grosse Brüder für mich. Bevor ich an jenem Morgen zur Schule ging, hoben sie mich in die Luft und kitzelten mich durch.» Zum letzten Mal.

Die erste Stunde der Erstklässlerin Tamiko Shiraishi dauerte nur einige Minuten. Die heute 77-jährige holt tief Luft, bevor sie weiterredet. «Plötzlich wurde es hinter den Fenstern ganz grell.» Fenstersplitter flogen durch die Luft, eine kräftige Druckwelle schob die Schüler durch den Klassenraum. «Als wir kurz darauf vor die Tür traten, sahen wir unseren Schulhof in Trümmern.»

Waren die Bomben nötig? Und waren sie richtig?

Das Generalargument war bisher: Der Einsatz der Atombombe gegen Japan habe den Krieg auch im Pazifik beendet und so vermieden, dass die US-Army eine verlustreiche Invasion der Inseln durchführen musste. Vorgesehen waren 190 000 Soldaten, «mindestens ein Drittel von ihnen», sagte man Präsident Truman, würden wahrscheinlich fallen.
Der Einsatz der Atombomben wäre daher taktisch berechtigt und moralisch gerechtfertigt gewesen.

Unbestrittene Tatsache ist: Japan war am Boden. Seine Städte und seine Industrie waren zerstört, seine Bevölkerung hungerte. Japan war auch kapitulationswillig.

Sein Fehler war, nicht direkt mit den USA, sondern via Moskau zu verhandeln. Mit der Sowjetunion hatte Japan einen Neutralitätspakt abgeschlossen und ihn auch trotz Hitlers Drängen eingehalten. Die Sowjets verfolgten eine andere Agenda. Sie wollten ihren Einfluss in Asien vergrössern.

Die US-Regierung wusste Bescheid, weil sie seit 1939 Japans Codes geknackt hatte. Truman und sein Aussenminister Byrnes befanden sich aber schon im Rennen mit den Sowjets. Sie stellten sich gegenüber den Japanern taub. Stalin hatte die Rote Armee bereits in Marsch gesetzt. Das liess die Japaner kapitulieren. Nicht die Atombomben. (chb)

«Vielleicht war es der schlimmste Tag in der Geschichte der Menschheit», flüstert Tamiko Shiraishi durch das Mikrofon, das sie nah an ihre Brust hält. Die Zuhörer in Hiroshimas Friedensmuseum sind still, einige schluchzen. Tamiko Shiraishi, die ihre Haare von grau auf braun gefärbt hat, erzählt, wie sie nach der Explosion panisch nach Hause rannte. Auf dem Weg taumelten ihr Verletzte entgegen, Häuser waren zusammengekracht oder standen in Flammen. «Wo bleibst du denn!», rief ihr die Mutter von der Haustür aus entgegen, zog Glassplitter aus Tamikos Hinterkopf. «Ich fragte meine Mutter: ‹geht die Welt jetzt unter?›»

«Nie wieder»

70 Jahre sind vergangen, seit Hiroshima von der ersten militärisch eingesetzten Atombombe erschüttert wurde. Wie keine andere Stadt der Welt steht Hiroshima seitdem für totale Zerstörung, und nutzt das Trauma seiner Söhne und Töchter für einen weltweiten Kampf um atomare Abrüstung. Überlebende wie Tamiko Shiraishi, die jede Woche im Friedensmuseum von ihrer Erfahrung berichten, sind das lebendige Gedächtnis der Stadt. «Nie wieder», sagt Tamiko Shiraishi und legt das Mikrofon weg, weil sie dies nur mit ihrer eigenen Stimme sagen will: «Nie wieder darf auf der Welt eine Atombombe fallen!»

Für Millionen Touristen ist das Friedensmuseum die wichtigste Destination. Es liegt mitten im Friedenspark von Hiroshima, der genau dort angelegt wurde, wo die Bombe explodierte. Ein Monument ragt hier neben dem anderen. Im ersten Saal des Museums zeigen allein zwölf Grossaufnahmen den Atompilz. Die zerstörerische Kraft der Uranbombe wird aus allen Winkeln gezeigt. Wie es dazu kam, findet kaum Erwähnung. Das Massaker der Japaner im chinesischen Nanking heisst hier knapp «Vorfall», der japanische Angriff auf den pazifischen US-Stützpunkt Pearl Harbor 1941 wird kaum beschrieben. Wie auch die Heimatfront die Kriegsmaschinerie des Kaiserreichs unterstützte, ist kaum eine Randnotiz wert. Japans rassistische Eroberungsallianz mit Deutschland und Italien wird nicht kritisch besprochen. Wer es nicht besser weiss, kann nach der Tour durchs berühmte Friedensmuseum nicht anders, als ausschliesslich Mitleid zu empfinden.

Die jungen Japaner von heute sind die letzte Generation, die vom grossen Knall direkt von Zeitzeugen wie Tamiko Shiraishi erfahren kann. Vor kurzem zeigte eine Umfrage, dass die Mehrheit der Schüler aus Hiroshima und Nagasaki nicht weiss, an welchen Tagen die Atombomben fielen. In anderen Landesteilen sind junge Menschen im Schnitt noch schlechter informiert. Ähnlich sieht es aus, was die Gräuel des eigenen Militärs im Ausland angeht: Japan vergisst. Und das, ohne die eigene Geschichte jemals richtig aufgearbeitet zu haben?

Sicher hat daran auch die Regierung ihren Anteil, die auch im Geschichtsunterricht kaum über den Verlauf des Zweiten Weltkriegs lehren lässt. In einem klimatisierten Hörsaal der Städtischen Universität Hiroshima reisst Yui Mukoji ihren Arm in die Luft. In den schwülen Sommerferien besucht die 21-jährige Politikstudentin neben gut 50 weiteren Studenten aus verschiedenen Ländern den Intensivkurs «Hiroshima and Peace», der der Desinformation entgegenwirken soll.

Der erste Akt des Kalten Krieges

«Warum mussten die USA drei Tage nach der Bombe über Hiroshima eigentlich noch eine über Nagasaki abwerfen?» will Yui Mukoji wissen. Der Schulunterricht hat ihr diese Frage so wenig beantwortet wie ihre Eltern. Der Amerikaner Robert Jacobs, an den Yui Mukoji ihre Frage gerichtet hat, bemüht sich um Ausgleich. Der Professor für Geschichte zappt durch die Folien seiner Präsentation, die Bilder der verwüsteten Stadt zeigt. «Militärisch gesehen war schon die erste Atombombe nicht unbedingt notwendig. Japan war so gut wie geschlagen, im August 1945 lagen fast alle Grossstädte in Trümmern.» Aber die US-Regierung hatte so viel Geld investiert, dass der Sprengstoff auch eingesetzt werden musste. «Dann kam hinzu, dass zwei Bombentypen entwickelt worden waren: eine Bombe aus Uran, eine aus Plutonium. Um zu sehen, welche besser ist, musste man beide ausprobieren. Und letztlich waren die Abwürfe auch eine klare Kampfansage der USA an die Sowjetunion.»

So stehen die Toten von Hiroshima und Nagasaki auch als erster Akt des Kalten Krieges. «Vor diesem Hintergrund ist der Abwurf der Bomben sicher nicht zu rechtfertigen», sagt Jacobs. Der Hörsaal schweigt. Rechtfertigt die amerikanische Abgebrühtheit vielleicht den Narrativ der japanischen Opferrolle, den Hiroshima gerne erzählt? Muss man automatisch Verständnis für die japanische Opferrolle haben, sobald man die Zeugnisse von Menschen wie Tamiko Shiraishi gehört hat?

Besuch bei Yasuyoshi Komizo, dem Vorsitzenden der internationalen Städtevereinigung «Mayors for Peace», der sich über 6000 Städte aus aller Welt angeschlossen haben, um gegen Atomwaffen zu kämpfen. Komizo will Japans Gräueltaten nicht kleinreden. «Am 6. August 1945 kämpften wir einen Krieg, den wir selber zu verantworten hatten. Aber das heisst nicht, dass den Menschen hier nicht sehr Schlimmes widerfuhr.» Hiroshima habe das historische Mandat, das eigene Schicksal als politisches Mittel zu nutzen, zum pazifistischen Zweck.

«Dafür brauchen wir Überlebende wie Frau Shiraishi. Und wir müssen uns beeilen, alle Atombomben der Welt abzuschaffen. Bis 2020 wollen wir es erreicht haben.» Ein purer Idealist sei er nicht. «Aber wir sind es den Menschen doch schuldig. Und zwar nicht nur den Jungen, sondern zuerst jenen, die vor 70 Jahren die Explosionen erleben mussten.» Das klingt klug, ambitioniert, visionär. Nur liesse sich dies nicht schneller erreichen, indem sich Japan, und vor allem Hiroshima, offensiver zu seiner Vergangenheit bekannte?

Doch Japans Premierminister Shinzo Abe, der das Militär seit zweieinhalb Jahren aufrüstet, hat die noch immer nicht verheilten Kriegswunden in Ostasien eher wieder weiter aufgerissen. Er interpretiert Japans pazifistische Verfassung seit kurzem so, dass er das Militär auf Auslandseinsätze schicken kann.