US-Wahlkampf
Vier Generationen wollen ins Weisse Haus: Die Suche nach dem Superstar

Erstmals debattieren die führenden demokratischen Präsidentschaftskandidaten vor laufenden Fernsehkameras. Die Erwartungen sind hoch, obwohl das Format nicht geeignet ist, um die Wähler aufzuklären.

Renzo Ruf, Washington
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Joe Biden: Ehemaliger Vize-Präsident, Jahrgang 1942.
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Kamala Harris: Senatorin für Kalifornien, Jahrgang 1964.
Bernie Sanders: Senator von Vermont, Jahrgang 1941. Sanders ist zwar ein unabhängiger Senator, aber Mitglied der demokratischen Fraktion.
Cory Booker: Senator von New Jersey, Jahrgang 1969.
Elizabeth Warren: Senatorin von Massachusetts, Jahrgang 1949. Als Senatorin war sie massgeblich an der Einrichtung des «Consumer Financial Protection Bureau», die Verbraucherschutzbehörde für Finanzprodukte, beteiligt.
Kirsten Gillibrand: Senatorin von New York, Jahrgang 1966.
Diese Demokraten kandidieren gegen Trump
Julian Castro: Wohnungsbau- und Stadtentwicklungsminister unter Obama und ehemals Bürgermeister der Stadt San Antonio in Texas, Jahrgang 1974.
John Delaney: Ehemaliger Abgeordneter von Maryland, Jahrgang 1963.
Amy Klobuchar: Senatorin von Minnesota, Jahrgang 1960.
Pete Buttigieg: Bürgermeister von South Bend, Indiana, Jahrgang 1982. Er ist Veteran des Afghanistankrieges und der erste offen schwule demokratische Präsidentschafts-Kandidat der USA.
Seth Moulton: Kongressabgeordneter von Massachusetts, Jahrgang 1978.
Jay Inslee: Gouverneur von Washington, Jahrgang 1951.
John Hickenlooper: Ehemaliger Gouverneur von Colorado, Jahrgang 1952.
Beto O’Rourke: Shootingstar aus Texas, Jahrgang 1972.
Eric Swalwell: Abgeordneter von Kalifornien, Jahrgang 1980.
Michael Bennet: Senator von Colorado, Jahrgang 1964.
Steve Bullock: Gouverneur von Montana, Jahrgang 1966.
Tim Ryan: Kongressabgeordneter von Ohio, 1973.
Bill de Blasio: Bürgermeister von New York, Jahrgang 1961.
Wayne Messam: Bürgermeister von Miramar (Florida), Jahrgang 1974.
Marianne Williamson: Autorin und Aktivistin, Jahrgang 1952.
Andrew Yang: Autor und Unternehmer, Jahrgang 1975.
Joe Sestak: Ehemaliger Kongressabgeordneter und pensionierter Admiral, Jahrang 1951.

Joe Biden: Ehemaliger Vize-Präsident, Jahrgang 1942.

DAVID MAXWELL

Schwer vorstellbar angesichts der Schlagzeilen, die Amerikas führende Medien täglich produzieren: Aber rund zwei Drittel der demokratischen Stammwählerinnen und -wähler sagen gemäss einer neuen Umfrage der Nachrichtenagentur AP, sie schenkten dem Wahlkampf der potenziellen Herausforderer von Präsident Donald Trump bisher keine Aufmerksamkeit. Millionen von Amerikanern haben deshalb keine Ahnung, wer sich als Präsidentschaftskandidat der Demokraten in Stellung zu bringen versucht.

Am Mittwoch- und Donnerstagabend (Lokalzeit) könnte diese Informationslücke nun teilweise gestopft werden: Erstmals debattieren nämlich die führenden demokratischen Anwärterinnen und Anwärter auf das Weisse Haus vor laufenden Kameras über die drängenden Themen, die der amerikanischen Bevölkerung angeblich auf den Nägeln brennen. Und weil sich die Oppositionspartei vor Möchtegern-Präsidenten kaum retten kann, musste das Los entscheiden, wer mit wem jeweils zwei Stunden lang die rhetorischen Klingen kreuzen darf.

Der Weg ins Weisse Haus ist ein Marathon, kein Kurzstreckenlauf

Mit den ersten Fernsehdebatten der demokratischen Präsidentschaftskandidaten beginnt eine neue Phase des Vorwahlkampfes um das Weisse Haus.
Parteistrategen hoffen, dass sich im Zuge der TV-Debatten, die von nun an mehr oder weniger im Monatsrhythmus stattfinden werden, das unübersichtliche Feld der zwei Dutzend Anwärter lichtet.

Die eigentlichen Vorwahlen beginnen dann voraussichtlich im Februar 2020, mit den traditionellen Wahlversammlungen (Caucuses) in Iowa und dem ersten Urnengang (Primary) in New Hampshire.

Eine Vorentscheidung wird wohl bereits am 3. März 2020, dem «Super Tuesday», fallen, wenn unter anderem die Vorwahlen in Kalifornien, Texas, North Carolina, Georgia und Virginia über die Bühne gehen.

Die letzte Vorwahl findet am 16. Juni im Hauptstadtbezirk District of Columbia statt. Nominiert wird die Person, die Donald Trump aus dem Amt verdrängen soll, während des Parteitages der Demokraten, der Mitte Juli in Milwaukee (Wisconsin) stattfindet.
Der amerikanische Wahltag fällt im kommenden Jahr auf den 3. November. (rr)

Die Stars des ersten Abends sind Elizabeth Warren, 70, Senatorin aus Massachusetts; Beto O’Rourke, 46, ehemaliger Parlamentsabgeordneter aus Texas; und Cory Booker, 50, Senator aus New Jersey. Am zweiten Abend werden der ehemalige Vizepräsident Joe Biden, 76, Senator Bernie Sanders, 77, aus Vermont, Pete Buttigieg, der 37-jährige Stadtpräsident der Provinzmetropole South Bend in Indiana, und Kamala Harris, 54, Senatorin aus Kalifornien, in der Mitte der Debatten-Bühne des Fernsehsenders «NBC» stehen.

Mehr Quizshow als Debatte

Allein: Es wäre wohl falsch, die Erwartungen an die Substanz dieser ersten Fernsehdebatten allzu hoch zu schrauben. Aufgrund der hohen Kandidatenzahl und der Besonderheiten des amerikanischen Medienzirkus – die TV-Debatten werden durch Werbespots unterbrochen – werden die jeweiligen Anwärter nur einige wenige Minuten zu Wort kommen.

Eine echte Diskussion, oder gar ein Austausch von Ideen, ist unter solchen Umständen nicht möglich. «Es ist ein wenig übertrieben, von einer Debatte zu sprechen», witzelte der Polit-Veteran Joe Biden vor einigen Tagen. Angebrachter sei seiner Meinung der Vergleich mit einer Quizshow.

Umso wichtiger wird demnach der visuelle Eindruck sein, den die Kandidaten vor dem Millionen-Publikum hinterlassen. Dies bietet Chancen, aber auch grosse Risiken.

Anzunehmen ist zum Beispiel, dass einige Parteifreunde sowohl am Mittwoch als auch am Donnerstag darüber sprechen werden, dass der Zeitpunkt für einen Generationenwechsel an der Spitze der Demokratischen Partei gekommen sei – eine implizite Spitze gegen Biden, Sanders und auch Warren, die allesamt der «Baby Boomer»-Generation angehören und in den turbulenten 60er- und 70er-Jahren politisiert wurden.

Beto O’Rourke sagte vor einigen Tagen, er sei der Meinung, dass die Demokraten den Blick nach vorn richten müssten. «Wir müssen grösser, wir müssen mutiger sein.» Eine Wiederholung der Politik, wie sie unter dem vorerst letzten Präsidenten der Demokraten – Barack Obama, der von 2009 bis 2017 im Weissen Haus wohnte – verfolgt wurde, sei deshalb nicht ausreichend. Riskant ist diese Strategie, weil Biden an der Basis verehrt wird, spätestens seitdem er Obama als Nummer zwei diente.

Sanders und Warren ihrerseits haben äusserst engagierte Aktivisten um sich geschart. Bemerkungen über die Tatsache, dass sie in den 1940er-Jahren geboren wurden, könnten also eine massive Gegenreaktion auslösen.

Ausserdem macht sich Präsident Trump seit einigen Tagen einen Spass daraus, mutwillig Gerüchte über angebliche gesundheitliche Probleme Bidens in die Welt zu setzen. So sagte er diese Woche im Gespräch mit der Insider-Postille «The Hill», dass der Vizepräsident unter mysteriösen gesundheitlichen Problemen leide. (Dafür gibt es keine Indizien.) Wer Biden dafür attackiert, dass er «zu alt» sei, muss deshalb damit rechnen, als Helfershelfer des Präsidenten beschuldigt zu werden.

Warren «hat einen Plan»

Weil eine Debatte über das Alter und den Erfahrungsschatz der Kandidaten mit zahlreichen Fettnäpfchen gespickt ist, werden sich die Kandidaten wohl primär an ideologischen Gegensätzen abreiben. Sanders bezeichnet sich als «Democratic Socialist», als demokratischen Sozialisten, und er strebt einen massiven Umbau des politischen Systems Amerikas an.

Warren wiederum sagt von sich, sie sei eine Kapitalistin. Weil der Kapitalismus aber nicht mehr funktioniere wie geplant, präsentiert sie am Laufband linke Ideen zur Lösung akuter Probleme; «I have a plan for that», dafür «habe ich einen Plan», lautet ihr Leitmotto.

Biden hingegen gibt den Versöhner, der Brücken zwischen den ideologischen Polen bauen und mit dieser Botschaft auch Trump-Wähler umstimmen will. Zentristen wie Buttigieg werden versuchen, den potenziellen Wählern vor den Fernsehschirmen aufzuzeigen, warum diese Strategien im politischen Kampf gegen den Amtsinhaber nicht erfolgversprechend seien.

Vielleicht wird es aber ein spontaner Ausbruch einer Kandidatin oder eine missglückte Antwort eines Kandidaten sein, die nach vollbrachtem Debattenmarathon am meisten zu reden geben werden. Darauf zählen die rund 15 Präsidentschaftsanwärter im Schatten von Biden & Co., die in Meinungsumfragen bisher nur auf die Unterstützung von jeweils 1 oder 2 Prozent der Wähler zählen konnten.

Das Potenzial zum viralen Star hat zum Beispiel Andrew Yang. Der 44-jährige Unternehmer spricht in düsteren Worten über die Folgen der Automatisierung der Wirtschaft; seiner Meinung nach müssten deshalb sämtliche erwachsenen Amerikaner eine Art bedingungsloses Grundeinkommen bekommen, in der Höhe von 1000 Dollar pro Monat.

Als er diese Woche gefragt wurde, welche Ziele er sich für seine erste TV-Debatte gesteckt habe, scherzte Yang: «Für mich wäre es ein Erfolg, wenn die Amerikaner, die uns zuschauen, sich fragen: ‹Wer ist dieser asiatische Mann, der in der Nähe von Joe Biden steht?›»