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VIETNAM-KRIEG: Das Blutbad als Anfang vom Ende

Vor 50 Jahren massakrierten amerikanische Soldaten im südvietnamesischen Dorf My Lai bis zu 500 Zivilisten. Die Täter kamen ungeschoren davon, doch die USA verloren ihren Glauben an der Sinnhaftigkeit des Vietnam-Kriegs.
Ulrike Putz, Singapur
Ein US-Soldat schürt das Feuer an einem Haus in My Lai. (Bild: Ronald S. Haeberle/Getty (My Lai, 16. März 1968))

Ein US-Soldat schürt das Feuer an einem Haus in My Lai. (Bild: Ronald S. Haeberle/Getty (My Lai, 16. März 1968))

Ulrike Putz, Singapur

An dem Tag, an dem Amerika seine Unschuld verlieren sollte, steht die Hitze schon früh über den Reisfeldern. Phan Tanh Cong, am 16. März 1968 elf Jahre alt, sitzt mit seiner Familie in ihrer Hütte beim Frühstück. Draussen erwacht langsam My Lai: ein Dorf wie tausend andere im mittelvietnamesischen Hochland, doch eines, dessen Name bald weltweit in den Schlagzeilen sein wird.

Gegen 7.30 Uhr zerreisst Rotorenlärm die ländliche Stille. «Plötzlich stürmten Amerikaner herein. Wir waren sechs in unserer Familie. Sie schrien ‹VC, VC›, also Vietcong, und stellten uns an der Wand auf. Dann fingen sie sofort an zu schiessen. Die Leichen meiner Eltern und Geschwister lagen über mir, deshalb habe ich überlebt.»

Phan Tanh Cong ist heute der Direktor der Gedenkstätte, die die Erinnerung an den Massenmord an etwa 500 Einwohnern von My Lai wachhalten soll. Oft erzählt er, was an jenem Morgen geschah, an dem seine Kindheit endete. Aus den Berichten der wenigen Überlebenden und Aussagen der beteiligten Soldaten setzt sich das Bild eines schicksalhaften Tages zusammen, dessen Datum sich in dieser Woche zum 50. Mal jährt und der 1968 einen Wendepunkt in dem von 1955 bis 1975 tobenden Krieg in Vietnam markierte. Glaubten die Amerikaner bis dahin, in Vietnam die freie Weltordnung gegen den Kommunismus zu verteidigen, säte My Lai Zweifel an der Richtigkeit des Einsatzes, die schliesslich zum Ende des Krieges und einer Niederlage für die USA führen sollte.

Helikopterpilot beendete Massaker

Doch an diesem Märzmorgen ist das alles noch weit weg: Die etwa 100 Männer der 11. US-Brigade sind aufgewühlt. Am Tag zuvor ist einer der ihren von der Kugel eines Vietcong getötet worden. Die GIs, alle Anfang 20, dürsten nach Rache. In «Pinkville», wie My Lai im Armee-Jargon genannt wird, wollen sie Jagd auf die Vietcong machen. Dass sie dabei nicht zimperlich sein müssen, haben ihnen ihre Vorgesetzten deutlich zu verstehen gegeben, wie die Beteiligten später vor Gericht aussagen. «Unser Hauptmann sagte uns: Ihr geht da jetzt rein, brennt alles nieder und tötet jeden: Frauen, Kinder, Babys, Kühe, Katzen, alles. Als wir aus den Helikoptern heraussprangen, haben wir sofort angefangen zu schiessen.»

Unter der Führung des 24 Jahre alten Leutnant William Calleys morden die Männer, stundenlang, wie im Rausch: Dutzende Dorfbewohner werden auf dem zentralen Platz zusammengetrieben. Trotz ihrer Beteuerungen, nicht zu den Vietcong zu gehören, befiehlt Calley, sie zu erschiessen. Andere Soldaten schnappen sich die jungen Mädchen, vergewaltigen sie an den Feldrändern, bevor sie sie umbringen. Fast 200 Mütter mit ihren Kindern werden an einem Wassergraben erschossen, wie später veröffentlichte Fotos eines Armeefotografen zeigen.

Das Morden hat erst ein Ende, als ein junger Helikopterpilot eingreift. Hugh Thompson soll die Operation aus der Luft unterstützen. Doch sieht Thomp­son bei seinen Aufklärungsflügen über das Dorf keine Vietcong, stattdessen die hingemetzelten Zivilisten. «Wo wir hinschauten, waren Leichen. Kinder, Kleinkinder, Säuglinge, Frauen, sehr alte Männer – alles, nur keine Männer im wehrfähigen Alter», sagt er später aus.

Thompson weiss, dass er den Geschehnissen Einhalt gebieten muss. Er fragt seinen Bordschützen, ob er bereit ist, notfalls auf die eigenen Leute zu schiessen – der bejaht. Thompson landet und stellt sich zwischen Calley und die Vietnamesen. Nach einem lautstarken Streit gibt Calley nach und befiehlt seinen Männern den Rückzug. Neun Menschen kann Thompson so retten, darunter fünf Kinder.

Die Beschwerde, die Thomp­son einreicht, verschwindet in einer Schublade: Das US-Militär hat kein Interesse, den Vorfall publik werden zu lassen. Es vermeldet stattdessen, dass die Operation in My Lai ein voller Erfolg war. 128 Feinde seien getötet worden, bei nur einem leicht verwundeten US-Soldaten. Dass auch 22 Zivilisten ums Leben gekommen seien, sei eine bedauerliche Folge der «schweren Gefechte», die sich die US-Soldaten mit dem Feind geliefert hätten.

Es dauert eineinhalb Jahre, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Wieder ist es ein couragierter einzelner Soldat, der die Vertuschungsversuche der Armeeführung vereitelt. Auch der 21-jährige Journalismusstudent Ronald Ridenhour leistet 1968 seinen Armeedienst in Vietnam. Ein alter Kumpel erzählt dem 23-Jährigen von My Lai, wie Ridenhour später zu Protokoll gibt. «Er fragte: Hast du gehört, was wir in Pinkville getan haben? Und ich sagte, nein – und er: Wir sind da reingegangen und haben alle umgebracht. Es war wie so ein Nazi-Ding.»

Ridenhour ist erschüttert. Monatelang sammelt er Beweise, schreibt schliesslich einen langen Brief an Präsident Richard Nixon, den Armeechef und Kongressabgeordnete. Die Armeeführung hat keine Wahl mehr, als eine Untersuchung in Auftrag zu geben. Der Journalist Seymour Hersh – damals freier Autor in Washington – vermutet, dass mehr hinter der nüchternen Pressemeldung aus dem Pentagon steckt. Er stöbert Calley und andere Beteiligten an dem Massaker auf, entlockt ihnen die ganze Geschichte.

Anfangs weigern sich die amerikanischen Zeitungen, Hershs Bericht zu veröffentlichen. Als die Nachrichtenagentur Associated Press das Stück schliesslich bringt, bricht ein Sturm der Entrüstung los. My Lai belegt, was viele Amerikaner seit langem ahnen: dass der Vietnam-Krieg moralisch nicht zu rechtfertigen ist. Millionen demonstrieren von Küste zu Küste. 1975 ziehen sich die USA schliesslich aus Südostasien zurück.

Nixon begnadigte verurteilten Leutnant

Von den mehr als 200 Soldaten, die an My Lai beteiligt waren, landet nur Leutnant Calley vor dem Kriegsgericht. Er gibt zu Protokoll, in der Armee nichts über die Genfer Konventionen gelernt zu haben. Er wird im März 1971 zu lebenslanger Haft verurteilt, die Präsident Nixon nach drei Tagen in Hausarrest umwandelt. Nach drei Jahren begnadigt Nixon Calley.

Das Trauma von My Lai wirkt bis heute fort, bei Opfern wie bei Tätern. Phan Tanh Cong, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, an das Massaker zu erinnern, sagt: «Die Kugeln der Amerikaner haben mich verfehlt – aber ich habe ein tiefes Loch in meiner Seele.» Und in den USA wird jeder militärische Einsatz im Ausland seitdem von der bangen Mahnung begleitet: «Kein neues Vietnam! Keine My Lais!»

Bild: Grafik: LZ

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