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VIETNAM: Vietnam – der nicht endende Krieg

Im April 1975, vor genau 40 Jahren, ist der Vietnamkrieg mit der Flucht der letzten Amerikaner aus Saigon beendet worden. Doch für viele Menschen ist dieser Krieg bis heute nicht vorbei. Und global sind seine Folgen politisch nachhaltig.
Dieses Bild ging 1972 um die Welt und erhielt im Folgejahr den Pulitzerpreis: Die komplett verängstigten Kinder flohen, nachdem ein südvietnamesisches Kampfflugzeug versehentlich die eigenen Truppen und Zivilisten bombardiert hatte. Die damals 9-jährige Kim Phuc riss sich während der Flucht die brennenden Kleider vom Leib. (Bild: AP/Nick Ut)

Dieses Bild ging 1972 um die Welt und erhielt im Folgejahr den Pulitzerpreis: Die komplett verängstigten Kinder flohen, nachdem ein südvietnamesisches Kampfflugzeug versehentlich die eigenen Truppen und Zivilisten bombardiert hatte. Die damals 9-jährige Kim Phuc riss sich während der Flucht die brennenden Kleider vom Leib. (Bild: AP/Nick Ut)

Was heute in den USA der «amerikanische Albtraum» genannt wird, hat in der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit im März 1965 mit einer Lüge begonnen: mit einem Bericht, wonach nordvietnamesische Schnellboote im August 1964 im Golf von Tonkin den US-Zerstörer «Maddox» mit Torpedos angegriffen hätten. Das war für den damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson Anlass, im US-Parlament eine Abstimmung über die gross angelegte Bombardierungskampagne «Rolling Thunder» (Donnergrollen) gegen Nordvietnam anzusetzen und zu gewinnen. General Curtis LeMay, ehemaliger Generalstabschef der US-Armee, nannte als Ziel: «Nordvietnam ist in die Steinzeit zurückzubomben.»

Die grosse Kriegslüge

Tatsächlich hatte die Bombardierung Nordvietnams ohne grosses internationales Echo schon lange vor dem angeblichen Angriff auf die «Maddox» begonnen ein Angriff, den es nie gegeben hatte. Der US-Militärgeheimdienst NSA hatte aus einem Wetterphänomen eine nordvietnamesische Aggression gemacht. Die Rechtsprofessorin Marjorie Cohn von der Thomas Jefferson School of Law in San Diego, Kalifornien, stellte klar: «Schon im Frühling 1964 hatten die US-Militärs detaillierte Pläne für Angriffe auf Nordvietnam.»

Blick auf Vietnam. (Bild: Grafik: Janina Noser)

Blick auf Vietnam. (Bild: Grafik: Janina Noser)

Für das vietnamesische Volk allerdings hatte das Grauen schon 100 Jahre vorher im Kampf gegen die französische Kolonialherrschaft in Indochina begonnen, welche die Region ausbeutete und regelrecht ausblutete. Erst 1954 gelang es der Befreiungsbewegung Vietminh im Norden Vietnams, die Franzosen in der Schlacht von Dien Bien Phu aus dem Land zu werfen.

An einer Indochina-Konferenz in Genf beschlossen China, die Sowjetunion, Frankreich, Vietnam, Laos und Kambodscha, dass die Zukunft Vietnams bis 1956 in freien Wahlen entschieden werden solle. Bis dahin, so der Beschluss, solle das Land entlang des 17. Breitengrades provisorisch geteilt werden (siehe Grafik). Die Wahlen aber fanden nie statt. Aus Furcht vor einem kommunistischen Wahlsieg verhinderte Südvietnam den Urnengang.

Die provisorische Teilung wurde zur Spaltung des Landes in ein kommunistisch regiertes Nordvietnam mit der Hauptstadt Hanoi und eine Militärdiktatur Südvietnam mit der Hauptstadt Saigon, die von Beginn weg von den USA anerkannt und mit «Militärberatern» unterstützt wurde. China und die Sowjetunion unterstützten Nordvietnam mit Waffen und Logistik aber nicht mit Truppen.

Verheerende Kriegsbilanz

Zehn Jahre tobte ein Krieg mit drei Gesichtern Bombenkrieg der USA gegen Nordvietnam; Bürgerkrieg zwischen der prowestlichen Diktatur aus Saigon und der kommunistischen Vietcong-Bewegung in Südvietnam; die Eroberung des Südens durch Nordvietnams Armee an der Seite des Vietcongs. Erst im April 1975 verliessen die letzten Amerikaner Vietnam panikartig, während die Kommunisten mit dem Einmarsch in Saigon begannen, mit dem sie den Krieg beendeten. Über eine halbe Million US-Soldaten waren auf dem Höhepunkt des Krieges im Einsatz gewesen – 58 000 von ihnen und über 5000 Soldaten der mit den USA verbündeten Armeen Australiens, Neuseelands, der Philippinen, Südkoreas und Thailands waren gefallen. Die Folgen des Krieges waren für die Vietnamesen aber weit gravierender: Die USA hatten 8 Millionen Tonnen Bomben über das Land abgeworfen – doppelt so viel wie im Zweiten Weltkrieg. Mindestens 3 Millionen Vietnamesen waren tot – 2 Millionen davon Zivilisten. Der Einsatz einer Chemiewaffe – des Entlaubungsmittels Agent Orange – hatte die Landschaft und die Gesundheit der Bevölkerung schwer geschädigt. Noch heute werden in der Folge dieses Gifteinsatzes in Vietnam missgebildete und behinderte Kinder geboren.

Der Medienkrieg und die Folgen

Über dieses Grauen hinaus hat der Vietnamkrieg bis heute in den USA und weltweit politische und gesellschaft­liche Auswirkungen. Es war der erste Medienkrieg. Hundertschaften von internationalen Journalisten berichteten täglich live: Der Krieg, die Kriegsverbrechen, das Elend der Bevölkerung fanden zur besten Sendezeit in den USA und weltweit in den Wohnzimmern der Bürger statt.

Dass in Vietnam nicht die Freiheit und schon gar nicht die Demokratie verteidigt, sondern vor laufenden Kameras ein Land und ein Volk «in die Steinzeit zurückgebombt» wurde, schürte in Amerika und weltweit eine «Heimatfront» gegen den Krieg. Hunderttausende Amerikaner aller Gesellschaftsschichten gingen aus Protest auf die Strasse. In Europa wäre das, was als 68er-Bewegung Furore machte, ohne den Vietnamkrieg nicht denkbar gewesen.

Erstmals in der Geschichte der USA kehrten die «Boys» nicht als Helden aus einem Krieg zurück sondern als misstrauisch beäugte und der Teilnahme an Kriegsverbrechen schuldige Täter. Wie sehr dies die Seele Amerikas verletzte, macht eine weitere Opferbilanz deutlich. In den Jahren nach dem Krieg nahmen sich in den USA Abertausende Vietnamveteranen das Leben. Männer, die nicht mehr ins Zivilleben zurückfanden, verkrüppelt oder drogensüchtig waren, sich von der eigenen Regierung und der Heimat verraten fühlten.

Kaum Lehren aus Vietnam

Für lange Zeit schien ein breites militärisches Eingreifen der USA in fremde Händel nicht mehr möglich. Nur war diese Folge nicht nachhaltig. Sowohl der erste (1990/91) als auch der zweite Krieg gegen den Irak (2003) wurden wieder mit Lügen vorbereitet: die Mär von den Babys, die in Kuwait von Saddams Soldateska aus dem Brutkasten heraus ermordet worden seien, und die Legende, der Irak bereite einen Krieg mit biologischen, chemischen und atomaren Waffen vor. Beides erwies sich schnell als reine Propaganda.

Daraus folgte eine allerdings späte und eher zynische Konsequenz aus dem Vietnamdebakel. Berichterstattung wird nur noch kontrolliert zugelassen, Journalisten werden in die Kriegsführung «eingebettet». Dies war sowohl in Afghanistan als auch in beiden Irak-Kriegen der Fall. Kriegsberichterstattung soll seither die blutige Wahrheit zumindest beschönigen nicht die Mobilisierung der Heimatfront gegen den Krieg, sondern deren Ruhigstellung garantieren.

Das Elend der Krieger aber wiederholt sich ein ums andere Mal: Auch die heimkehrenden Soldaten aus Afghanistan und dem Irak waren keine strahlenden Sieger. Zehntausende leben unterversorgt und oft alleingelassen als körperlich oder psychisch Kriegsversehrte am Rand der Gesellschaft. Der reichsten Kriegsmacht der Welt fehlt das Geld, ihren ausgemusterten «Helden» ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Walter Brehm

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Am Dienstag lesen Sie, wie stark die Geheimdiplomatie zwischen den USA und Nordkorea den Verlauf sowie das Ende des Krieges beeinflusste.

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