VIETNAMKRIEG: Wie Geheimdiplomatie den Vietnamkrieg beendete

Vor 40 Jahren endete der Vietnamkrieg. Davor hatten sich Henry Kissinger und Le Duc Tho als Vertreter der USA und Nordvietnams 45 Mal geheim getroffen. Es wurde zum zermürbenden Machtpoker, bei dem immer auch Zehntausende von Menschenleben auf dem Spiel standen

Arno Rengli
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Ende Januar 1973 wird das Abkommen unterzeichnet. Le Duc Tho schüttelt Kissinger zwar die Hand, verweigert aber im Folgejahr den gemeinsamen Friedensnobelpreis. (Bild Arte France)

Ende Januar 1973 wird das Abkommen unterzeichnet. Le Duc Tho schüttelt Kissinger zwar die Hand, verweigert aber im Folgejahr den gemeinsamen Friedensnobelpreis. (Bild Arte France)

Arno Renggli

Als sich Henry Kissinger, Sonderbeauftragter von US-Präsident Nixon, und Le Duc Tho, Beauftragter des nordvietnamesischen Politbüros, am 21. Februar 1970 in Paris zum ersten Geheimtreffen einfinden, dauert der vietnamesische Bürgerkrieg schon 15 Jahre. Die USA unterstützen das Regime in Südvietnam, um dem Fortschreiten des Kommunismus, dem «Domino-Effekt», Einhalt zu gebieten. Da die militärischen Ziele selbst unter grossen Verlusten kaum umzusetzen sind, beginnen die USA 1968 Verhandlungen mit Hanoi.

Diese kommen nicht vom Fleck, auch, weil mit dem südvietnamesischen Regime sowie der kommunistischen Nationalen Befreiungsfront (NLF, Vietcong) zwei weitere Parteien ihre Interessen vertreten. Jede Seite formuliert den eigenen Standpunkt und zeigt keine Kompromissbereitschaft. «Es gibt nichts Neues» wird zur öffentlichen Standardauskunft am Ende des Tages.

Vorteile von Geheimverhandlungen

Im August 1969 bietet Nixon Hanoi geheime Verhandlungen an, welche dann am 21. Februar in einer verschlossenen Pariser Villa beginnen. Der Vorteil von geheimen Verhandlungen: Beide Seiten sprechen Klartext, ohne sich gegenseitig öffentlich zu kompromittieren. Die grösseren verhandlungstaktischen Möglichkeiten führen dazu, dass nicht nur die Positionen der jeweiligen Gegenparteien klarer ausgelotet werden können. Sondern auch deren Entschlossenheit, diese Positionen zu halten. Und auf der anderen Seite die Themen zu finden, wo Kompromisse möglich sind.

 

Ausgangslage für Henry Kissinger

  • Zwar sind die USA die Supermacht und Nordvietnam ein kleiner Staat. Aber die Kriegsführung in Vietnam hat sich als schwierig und verlustreich erwiesen. Die Bereitschaft zu weiteren Opfern ist in den USA stark gesunken.
  • Die Friedensbewegung in den USA ist seit 1968 eine grosse gesellschaftliche Kraft geworden und erzeugt massiven Druck.
  • Die US-Soldaten sind demoralisiert, an einen eindeutigen Sieg glaubt kaum jemand mehr.
  • In der Weltöffentlichkeit wird die moralische Position der USA negativ gesehen, etwa wegen des rücksichtslosen Einsatzes von chemischen Waffen (Napalm).
  • Daraus folgt: Die USA wollen ihre Truppen aus Vietnam abziehen, allerdings ohne das Gesicht zu verlieren. Es braucht also einen Verhandlungserfolg.
  • Dieser sollte darin bestehen, dass das antikommunistische Regime in Südvietnam bleibt.

Ausgangslage für Le Duc Tho

  • Militärtechnologisch sind der Vietcong und Nordvietnam den USA zwar unterlegen, aber sie haben andere Vorteile: etwa das Gelände und die Vertrautheit damit. Zudem werden sie mit schweren Waffen aus der Sowjetunion und leichteren Waffen sowie Logistik aus China unterstützt.
  • Es ist also wahrscheinlich, dass man militärisch auf absehbare Zeit den USA Paroli bieten kann. Zumal es in Nordvietnam, anders als in den USA, kaum einen politischen und gesellschaftlichen Druck gibt, militärische und zivile Opfer zu vermeiden.
  • Hanoi weiss die Macht der US-Friedensbewegung und zunehmend auch die Weltöffentlichkeit auf der eigenen Seite.
  • Daraus folgt: Die Zeit ist eher auf der Seite von Nordvietnam und desVietcongs. Und man weiss zugleich um den Zeitdruck, unter dem die USA stehen.

Geheimdiplomatie und Krieg

Geheimdiplomatie: 21.2.1970 Das erste Treffen

Kissinger macht klar, dass es um «substanzielle Fragen» geht. Le Duc Tho macht moralisch Druck: «Sie sprechen von Frieden, aber Sie führen Krieg. Wir wurden schon oft betrogen. Ich frage mich, ob Ihre Absichten ehrlich sind. Welches Interesse haben Sie, den Krieg fortzusetzen?»

Kissinger gibt am Ende des Tages zu: «Wir sind in allen wichtigen Fragen uneinig. Trotzdem war der Start positiv.» Er meint wohl, dass die Positionen nochmals geklärt worden sind.

Hanoi: Die US-Soldaten und das südvietnamesische Regime müssen weg.

USA: Die US-Soldaten werden abgezogen, wenn die nordvietnamesischen Soldaten aus Südvietnam, Kambodscha und Laos verschwinden.

Le Duc Tho beharrt bei den nächsten Treffen auf seiner Position und argumentiert mit dem Völkerrecht: Die US-Präsenz in Vietnam verletze dieses. Kissinger hält dagegen: Dies gelte auch für die Präsenz der nordvietnamesischen Armee. Le Duc Tho: «Das ist unser Land, das geht nur die Vietnamesen was an. Sie sind der Aggressor.»

Kriegführung: USA reagieren militärisch

Im April beantworten die USA die Haltung Hanois mit massiven Luftangriffen auf Kambodscha und Laos entlang der Grenze zu Vietnam. Ziel ist der «Ho-Chi-Minh-Pfad», der logistisch sehr wichtig ist. Der Angriff führt nicht nur zum Abbruch der Verhandlungen, sondern auch zu den massivsten Antikriegsdemonstrationen in den USA bisher. Dabei werden unter anderem vier Studenten von der Polizei erschossen.

Der Druck auf die US-Regierung steigt. Ramsey Clark, US-Justizminister bis 1969, sagt heute: «Ohne die Friedensbewegung hätte es die Pariser Verhandlungen nicht gegeben.»

Geheim: Zeitspiel auf beiden Seiten

Es dauert über ein Jahr, bis die Verhandlungen in Paris weitergehen. Doch sie fruchten wenig. Hanoi spielt auf Zeit, wissend, dass die USA dem öffentlichen Druck nicht mehr lange werden standhalten können. Wissend auch, dass Nixon 1973 wiedergewählt werden will und den Frieden braucht.

Aber auch für die USA gibt es zunächst einen vermeintlich positiven Zeitfaktor: Seit 1969 werden kontinuierlich US-Truppen abgezogen, die durch südvietnamesische Soldaten ersetzt werden sollen. Diese werden ausgebildet und sollen innerhalb weniger Jahre zur stärksten Armee in der Region werden. Allerdings wird auch den USA zunehmend bewusst, dass das eine Illusion ist.

Krieg: Krieg und Diplomatie

Beide Seiten versuchen, ihre Verhandlungspositionen mit militärischen Mitteln zu begleiten und zu stärken. Auch Nordvietnam handelt nach der Devise: verhandeln und angreifen!

Derweil sucht US-Präsident Richard Nixon andere Wege aus dem Dilemma. Mit Staatsbesuchen in Peking und Moskau will er China und Russland bewegen, die Militärhilfe an Nordvietnam zu reduzieren. Und Druck auf Hanoi auszuüben, damit man dort Zugeständnisse an die USA macht. Nixon wird jeweils höflich empfangen und erreicht nichts.

Geheim: Kissingers Komplimente

Herbst 1971: Obwohl es in der Sache keine konkreten Fortschritte gibt, ist erstmals von einem Friedensplan die Rede. Le Duc Tho bleibt der hart­näckige Widersacher. Henry Kissinger heute: «Seine Strategie war, unseren Willen zu brechen. Er war sehr höflich und sehr diszipliniert. Es war Pech, dass gerade er unser Gegner war.»

Krieg:Offensiven, die zum Patt führen

Im März 1972 startet der Vietcong eine weitere Grossoffensive, derweil die nordvietnamesische Armee erstmals den 17. Breitengrad überschreitet und südvietnamesische Gebiete erobert. Im April bombardieren die USA erstmals seit vier Jahren wieder Ziele in Nordvietnam. Im Sommer holt die süd­vietnamesische Armee mit ­US-Hilfe die verlorenen Gebiete weitgehend zurück praktisch eine Pattsituation.

Geheim: Von «geheim» zu «diskret»

Im Herbst 1972 kehren Kissinger und Le Duc Tho an den Verhandlungstisch zurück. Erstmals werden die Verhandlungen öffentlich bekannt, wobei ihr Inhalt geheim bleibt. Von «geheim» zu «diskret» nennt es der französische Präsident Pompidou. Kissinger bringt keine neuen Vorschläge. Le Duc Tho hingegen hat ein Dokument bei sich, wo er erstmals vorschlägt, dass bei einem US-Abzug die südvietnamesische Regierung von Nguyen Van Thieu im Amt bleiben könnte. Es scheint der Durchbruch, in der Folge kommt eine Vereinbarung zu Stande, welche Präsident Nixon als «hervorragend» bezeichnet. Und Kissinger lässt verlauten: «Der Frieden ist zum Greifen nah.»

Krieg: Verbündeter stellt sich quer

Doch nun stellt sich der Verbündete der USA quer. Der südvietnamesische Machthaber Nguyen Van Thieu verlangt, dass mit den US-Soldaten auch die nordvietnamesischen Truppen abziehen. «Wir werden keinen Frieden akzeptieren, der Südvietnam dem kommunistischen Aggressor ausliefert.» Vergeblich bemüht sich Kissinger, Thieu zu einer flexibleren Haltung zu bewegen. Die USA stehen vor einem Dilemma: entweder Thieu fallen lassen oder den Friedensplan.

Geheim: Kissingers Rückzieher

Die USA fordern Hanoi auf, die Verhandlungen in Paris wieder aufzunehmen. Dort verlangt Kissinger von Le Duc Tho wieder den Abzug der Nordvietnamesen und schlägt dafür vor, den 17. Breitengrad für Zivilisten zu öffnen. Er droht, dass bei einer Ablehnung «drastische Massnahmen» getroffen werden könnten. Le Duc Tho erwidert, er müsse nach Hanoi zurückreisen und sich mit dem Politbüro absprechen. Er werde am 18. Dezember dort eintreffen und sich dann mit dem Ergebnis melden.

Krieg: Die schwerste Bombardierung

Ist die Rückreise nur ein Manöver, um Zeit zu gewinnen? Die USA folgern daraus, Hanoi Beine machen zu müssen. Nixon zu Kissinger: «Der Feind trickst herum, also bombardieren wir.» Kissinger: «Wir müssen sie überzeugen, dass wir nicht mit uns spassen lassen. Wenn wir stillhalten, wird das Abkommen ignoriert werden.»

Just am 18. Dezember 1972, dem Ankunftstag von Le Duc Tho in Hanoi, starten die USA die Operation «Linebacker 2». Innert wenigen Tagen fallen so viele Bomben auf Hanoi wie während des ganzen Krieges zuvor. Tausende Zivilisten sterben. Die Weltöffentlichkeit ist entsetzt, sogar US-Verbündete wie die Briten protestieren. Telegramm der USA an Hanoi: «Bei Wiederaufnahme der Verhandlungen STOP beenden wir das Bombardement STOP.» Hanoi lässt auf sich warten. Keinesfalls soll der Eindruck entstehen, man habe sich durch die Bomben einschüchtern lassen.

Geheim: Vereinbarung für Frieden

Am 8. Januar 1973 kommen die zwei Parteien zu einem Treffen wieder nach Paris. Kissinger ist noch heute der Ansicht: «Wir hatten sie eingeschüchtert.» Doch Hanoi sieht sich im Recht, Tho macht Kissinger heftige Vorwürfe: «Die Bombardierung war zynisch und brutal. Sie dachten, uns so zu besiegen. Da irren Sie sich gewaltig. Sie haben die USA entehrt.» Kissinger, in Hinblick auf die das Haus umlagernden Journalisten: «Herr Tho, ich bitte Sie, sprechen Sie leiser!»

An 24. Januar 1973 kommt es zu einer Übereinkunft, welche am 29. Januar von allen Kriegsparteien unterzeichnet wird. Kissinger sieht sie als Sieg, denn Südvietnams Staatschef Thieu bleibt an der Macht. Le Duc Tho sieht es anders: Die US-Truppen ziehen ab, die Nordvietnamesen bleiben, und vor allem auch die kommunistische Übergangsregierung der NLF.

Krieg: Fall von Saigon beendet Krieg

Kissinger Sicht wird zunächst zwar bestätigt. Die USA können ihre Truppen abziehen und quasi das Gesicht wahren. Präsident Nixon schafft Ende 1973 die Wiederwahl. Doch Südvietnam versinkt, kaum ist die Friedensvereinbarung unterzeichnet, im Bürgerkrieg. Zwei Regierungen und zwei Armeen im gleichen Land: Das kann nicht gut gehen. Der Vietnamkrieg endet am 30. April 1975 mit der Eroberung von Saigon durch die Truppen von Vietcong und Hanoi. Vietnam ist als kommunistisches Land vereint.

Im Jahr zuvor werden Henry Kissinger und Le Duc Tho mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Le Duc Tho verweigert diesen.

Ab 1972 fanden die Gespräche in einer Villa im Städtchen Gif-sur-Yvette bei Paris statt. Manchmal auch im Garten. (Bild: PD)

Ab 1972 fanden die Gespräche in einer Villa im Städtchen Gif-sur-Yvette bei Paris statt. Manchmal auch im Garten. (Bild: PD)

US-Präsident Nixon und Kissinger Ende 1972, als sie die Bombardierung Hanois beschliessen. (Bild: Keystone)

US-Präsident Nixon und Kissinger Ende 1972, als sie die Bombardierung Hanois beschliessen. (Bild: Keystone)

Von Beginn an frostig: Le Duc Tho (links) und Henry Kissinger beim Start der Verhandlungen. (Bild: PD)

Von Beginn an frostig: Le Duc Tho (links) und Henry Kissinger beim Start der Verhandlungen. (Bild: PD)

Dieses Foto vom 29. April 1975, einen Tag vor dem Fall Saigons, zeigt den Ansturm südvietnamesischer Zivilisten auf die US-Botschaft und die Evakuierungshelikopter. (Bild: Keystone)

Dieses Foto vom 29. April 1975, einen Tag vor dem Fall Saigons, zeigt den Ansturm südvietnamesischer Zivilisten auf die US-Botschaft und die Evakuierungshelikopter. (Bild: Keystone)