Vom FC Sion in den Bürgerkrieg: Wie ein Walliser in Myanmar für den Frieden kämpft

Léon de Riedmatten vermittelt in Myanmar zwischen den Fronten – und ist enttäuscht von seiner Freundin Aung San Suu Kyi.

Konrad Staehelin aus Yangon
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Isst hin und wieder mit Aung San Suu Kyi Raclette: der Walliser Léon de Riedmatten. (Bild: Hkun Lat)

Isst hin und wieder mit Aung San Suu Kyi Raclette: der Walliser Léon de Riedmatten. (Bild: Hkun Lat)

Zwischen dem Foto, auf dem Léon de Riedmatten als Geschäftsführer des FC Sion im Tourbillon-Stadion den Meistertitel 1997 feiert, und jenem, auf dem er als einziger mit der burmesischen Demokratie-Vorkämpferin Aung San Suu Kyi ihren 56. Geburtstag in Hausarrest begeht, liegen bloss vier Jahre und vierzehn Tage. Es ist eine irrwitzige Verwandlung weg vom Fussball, wo sie meinen, dass es um Leben und Tod geht, hin zur Diplomatie, wo es wirklich so ist. Das gilt für Myanmar insbesondere. Der älteste Bürgerkrieg der Welt hält bereits seit 72 Jahren an.

Gegen das Land läuft gerade ein Prozess wegen Völkermordes an der muslimischen Minderheit der Rohingya. Regierungschefin Aung San Suu Kyi persönlich hat den Genozid im Dezember vor Gericht bestritten. Klar aber ist: Bei der Eskalation des Konflikts im August 2017 wurden mindestens 10'000 Menschen getötet. Gestern hat der Internationale Gerichtshof in Den Haag ein erstes Urteil gefällt, laut dem Myanmar den Schutz für jene 300'000 Rohingya garantieren muss, die noch nicht ins Ausland geflüchtet sind.

«Suu Kyi wird daraus politisches Kapital schlagen und wieder gewählt werden», sagt de Riedmatten. «So richtig nachvollziehen kann ich trotzdem nicht, was sie gerade tut.» De Riedmatten, 67, sitzt in seinem engen Büro in Myanmars Epizentrum Yangon. Hier herrscht keine Gefahr. Der Krieg findet weit entfernt von den Städten statt. De Riedmatten ist Berater im Friedensprozess. Der soll den Bürgerkrieg endlich beenden, wird es aber wohl noch lange nicht tun. Feld­diplomatie nennt man das, was de Riedmatten hier seit über 21 Jahren macht.

Raclette fürs Gemüt, Rohingya für den Wahlkampf

Besonders gerne spricht de Riedmatten über Aung San Suu Kyi. Kaum einer kenne sie besser als er. Sie hat für ihren friedlichen Kampf gegen die Militärs den Friedensnobelpreis gewonnen. Doch jetzt, wo sie Regierungschefin ist, gilt sie vielen als Schönrednerin eines Massakers.

De Riedmatten lernte sie im Jahr 2000 kennen, als sie dem Westen noch eine Heldin war und in ihrem Haus in Yangon im Hausarrest sass. Während Jahren hatte er als einziger Fremder freien Zugang zu ihr, nichts in der innerburmesischen Diplomatie lief ohne ihn, erzählt er.

Während er zwischen ihr und dem Regime vermittelte, entstand zwischen den beiden eine Freundschaft. Suu Kyi ist Gotte seiner Tochter Océane. «Wir treffen uns immer wieder zum Essen. Sie liebt Raclette, ich lasse den Käse oft aus dem Wallis bringen. Persönlich haben wir es meistens gut. Politisch sind wir oft anderer Meinung.»

Léon de Riedmatten war der einzige Ausländer, der Aung San Suu Kyi an ihrem 56. Geburtstag im Hausarrest besuchen durfte. (Bild: HO)

Léon de Riedmatten war der einzige Ausländer, der Aung San Suu Kyi an ihrem 56. Geburtstag im Hausarrest besuchen durfte. (Bild: HO)

Nicht verstehen kann er den jüngsten Schachzug der mächtigen Freundin. Im Dezember war Suu Kyi nach Den Haag geflogen, um den Myanmars Generäle gegen die Genozid-Vorwürfe zu verteidigen; dieselben Generäle, die sie 15 Jahre lang unter Hausarrest gesetzt hatten.

«Taktisch kann ich ihren Auftritt in Den Haag nachvollziehen, menschlich halte ich ihn für fragwürdig», sagt de Riedmatten. «Sie denkt, dass die Ethnie der Rohingya weniger wert ist als die der Bamar, der sie selber angehört. Das hat ihr den Auftritt sicher einfacher gemacht. Ihrer Meinung nach gehören die Rohingya nicht nach Myanmar.»

Das Kalkül ist offensichtlich: Sie will im Herbst in den dritten demokratischen Wahlen seit dem Ende der Diktatur die absolute Mehrheit ihrer Partei, der Nationalen Liga für Demokratie, verteidigen. Da die burmesische Mehrheit von den Rohingya eine noch tiefere Meinung hat als vom Militär, sehen die Menschen den Prozess als Angriff auf die burmesische Nation.

Und so strömten die Leute in Scharen auf die Plätze und schwenkten die Landesflagge, während «Mutter Suu» am Weltgerichtshof die Ehre ihres Volkes verteidigte. Dass sie damit auch die unbeliebten Generäle schützte? Nun, es ist Wahlkampf, und Suu Kyi ist dabei zur Machtpolitikerin geworden.

Suu Kyi ist 74. Weitermachen will sie trotzdem. Denn sie will die Verfassung ändern. Diese garantiert dem Militär heute immer noch entscheidende Ministerposten und einen Viertel der Parlamentssitze.

Suu Kyi ist optimistisch, dass sie bei einem erneuten Wahlerfolg die Generäle überzeugen kann, sich nach über 60 Jahren in der Politik in die Baracken zurückzuziehen. Es wäre die Vollendung ihres Kampfes.

Und de Riedmatten? «Ich arbeite weiter. Was soll ich anderes tun?», sagt er. Im Dezember war er mit Soldaten einer kleinen Armee, die die Ethnie der Karenni im Osten des Landes vertritt, auf einem Boot im Dschungel. Danach sprach man über ein Waffenstillstandsabkommen mit dem Militär des Zentralstaats. «Diese Art von Arbeit liebe ich», sagt de Riedmatten. «Aber ich habe zu wenig davon.»

Gefängnisbesuch in Myanmar statt Constantin-Nachfolger

Wer seine Geschichte kennt, kann nachvollziehen, dass er aufregende Aufgaben braucht. Als junger Mann hatte er in der zweiten Mannschaft des FC Sion gespielt, zum Profi reichte es nicht. In den 80er-Jahren arbeitete er als Delegierter für das Rote Kreuz in Asien und Afrika. Als er in den 90er-Jahren zurück in seine Heimat Sion zog, um eine Wohltätigkeits-Stiftung zu leiten, wurde Sion-Präsident Christian Constantin auf ihn aufmerksam.

Er machte ihn im Sommer 1996 zum Geschäftsführer. Die darauffolgende Saison sollte die erfolgreichste der Klubgeschichte werden; vier Tage nach der Meisterschaft holte Sion auch den Cup. Doch obwohl Constantin, der nach dem Double auf zu neuen Ufern wollte, de Riedmatten sogar als seinen Nachfolger auf dem Zettel hatte, erinnert sich kaum mehr einer an ihn.

De Riedmatten zog 1999 nach Yangon, um für das Rote Kreuz Gefangenenbesuche zu organisieren. Die Generäle erlaubten es ihm, als erstem Ausländer überhaupt. Ab 2000 besuchte er auch die berühmteste Gefangene des Regimes, Aung San Suu Kyi.

Wenn er heute über seine Freundin spricht, dann klingt de Riedmatten enttäuscht: «Ich glaube, sie ist isoliert, nicht mehr so selbstsicher wie früher», sagt er. Wie viel der alten Demokratie-Aktivistin noch in ihr steckt, dürfte sich zeigen, wenn sie eine neue Legislatur auf sicher hat.

Gefahr des Völkermords besteht weiter in Myanmar

Im August 2017 überrannten Truppen des burmesischen Militärs Landstriche im Teilstaat Rakhine, weil eine Miliz der muslimischen Minderheit der Rohingya Angriffe auf Polizei- und Armeeposten verübt haben soll. Die Militärs schlugen gegen die Zivilbevölkerung zurück, sie vergewaltigten, brandschatzten und mordeten. Nach Schätzungen kamen über 10 000 Rohingya um. Die meisten Überlebenden retteten sich über die Grenze nach Bangladesch. Sie wohnen seitdem im mit einer Million Menschen grössten Flüchtlingscamp der Welt nahe der Stadt Cox’s Bazar. Laut der Untersuchungskommission der UNO war das Vorgehen des ­Militärs ein Genozid. Für die 300000 Rohingya, die noch immer in Rakhine leben, bestehe die Gefahr des Völkermords weiter. Gestern haben die 17 Richter des Internationalen Gerichtshofs einstimmig entschieden, dass ­Myanmar den Schutz der im Land verbliebenen Rohingya gewährleisten und regelmässig Rechenschaft darüber ablegen muss. Bis zu einem Urteil über die Frage, ob das Militär Genozid begangen hat, werden Jahre vergehen. Am Montag – das Timing war bewusst gesetzt – hatte ein von der burmesischen Regierung eingesetztes Untersuchungsgremium die Zusammenfassung seiner Erkenntnisse präsentiert: Die Rohingya hätten ihre Häuser selbst angezündet, die Abscheulichkeiten seien Einzelpersonen anzulasten. Man könne also von Kriegsverbrechen, aber keinesfalls von Genozid sprechen. Der Bericht, der nicht publiziert wird, wurde von Menschenrechtsorganisationen sofort als unglaubwürdig abgetan.