Rudi Dutschke
Vom Kommunistenschwein zum Märtyrer

Rudi Dutschke war das deutsche Gesicht von 1968. Am Gründonnerstag vor 50 Jahren schoss man ihn nieder.

christoph bopp
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Rudi Dutschke (1940–1979).

Rudi Dutschke (1940–1979).

Keystone

Rudi Dutschke bewegte die Gemüter – «polarisierte» ist fast ein bisschen zu zahm –, dann kam das Attentat, und danach war es nicht mehr opportun, danach zu fragen, wie er denn lebe. Der schwer verletzte 28-Jährige musste nach dem 11. April 1968 wieder lernen zu sprechen und zu schreiben. Das war unendlich mühsam. Aber er dürfe «der Bourgeoisie» nicht erlauben, ihn als «Ausgeschiedenen» und «Arbeitsunfähigen» zu denunzieren, machten ihm seine Frau Gretchen und andere Kollegen Mut. 1974 wurde er zum Dr. phil. promoviert.

Schwierig für die Biografie. Der Journalist Ulrich Chaussy versuchte es trotzdem (Rudi Dutschke. Die Biografie. Droemer, München 2018).

Seinem Attentäter, einer gescheiterten Existenz namens Josef Bachmann, schrieb er zwei Briefe. Bachmann schrieb aus dem Gefängnis zurück. Dutschke schrieb ihm sinngemäss: Gib nicht auf, du bist ein Opfer der kapitalistischen Verhältnisse. Bachmann schrieb zurück, er habe eingesehen, dass Dutschke kein von Moskau gesteuerter Kommunist sei, sondern «ein besseres System erreichen wolle als das heutige». «Aber was soll denn das sein? Wie will man etwas ändern, was gar nicht zu ändern geht, denn die breite Bevölkerungsschicht fühlt sich so wohl, dass sie überhaupt nicht daran denkt, sich etwas anderes aufschwatzen zu lassen.»

Trotz der kruden Formulierung erkennt man das Argument sofort. Es ist die Frage nach «dem revolutionären Subjekt», wie es Marx und Engels noch im Proletariat sahen. Dutschke und Kollegen hatten in den 60er-Jahren die Dritte Welt und ihre Befreiungsbewegungen entdeckt. Aber mit dem Protest gegen den Krieg in Vietnam stiess man in eine hochexplosive Gemengelage. Kritik an den USA und ihrer Politik war in den 1960er-Jahren in Berlin alles andere als gefragt.

Dutschke war der Kopf, der brillante Redner und Theoretiker der 1968er-Bewegung in Deutschland. Das Kommune-Experiment konnte er allerdings nur «politisch» akzeptieren. Privat liebte er Frau und Familie. Kurz vor dem Attentat machte er eine Art Rücktrittserklärung in eine TV-Kamera. Er wolle Deutschland verlassen, die Revolution sei global geworden. Die Widersprüche werden sichtbar: Der antiautoritäre, pazifistische «Führer» einer Protestbewegung hat erkannt, dass sie ihm buchstäblich «über den Kopf» gewachsen ist. Am 24. Dezember 1979 stirbt Dutschke nach einem epileptischen Anfall. Bachmann erstickt sich am 24. Februar 1970 im Gefängnis.