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Von Grenzzaun bis offenen Armen: So geht Europa mit der Flüchtlings-Welle um

Die Migrationsströme nach Europa reissen nicht ab. Wie gehen die verschiedenen Länder mit den Flüchtlingen um? Eine Übersicht.

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Vor Italien gerettete Flüchtlinge.

Vor Italien gerettete Flüchtlinge.

Keystone
Frankreich: Asylverfahren verkürzt

Frankreich: Asylverfahren verkürzt

Nordwestschweiz

In der internationalen Presse dominieren Bilder aus Calais die Berichterstattung über die Asylprobleme in Frankreich. In der Hafenstadt leben rund 3000 Migranten in einem inoffiziellen Lager, um eine Gelegenheit zur Fahrt durch Eurotunnel nach Grossbritannien zu erwischen. Doch die Situation ist im ganzen Land angespannt. Die Pariser Behörden haben seit Anfang Juni 1300 Plätze geschaffen, doch existieren weiterhin mehrere inoffizielle Lager. Frankreich steht bei den Asylgesuchen in der EU an vierter Stelle. Das Parlament hat Mitte Juni das Asylrecht verschärft, um die Verfahren von zwei Jahren auf drei bis neun Monate zu verkürzen.

Grossbritannien: Rasch wieder ausschaffen

Grossbritannien: Rasch wieder ausschaffen

Nordwestschweiz

Auf der Insel sind die Asylgesuche in den ersten Monaten des Jahres kaum gestiegen. Grossbritannien nimmt deutlich weniger Asylbewerber auf als die meisten EU-Länder. Politisch nimmt das Thema aber grossen Raum ein, besonders die Versuche von Migranten in Calais, sich auf Lastwagen zu verstecken, um durch den Eurotunnel nach Grossbritannien zu gelangen. Zusammen mit Frankreich hat Grossbritannien nun den Zaun um das Tunnelportal verstärken lassen. Premierminister David Cameron hat versprochen, die «Schwärme von Leuten» rasch wieder auszuschaffen, eine Wortwahl, für die er hart kritisiert wurde.

Italien: Die Unterkünfte sind überfüllt

Italien: Die Unterkünfte sind überfüllt

Nordwestschweiz

Etwa 97 000 Bootflüchtlinge haben Italien in diesem Jahr bereits erreicht. Zwei Drittel werden Schätzungen zufolge Richtung Norden weiterreisen. Der grösste Teil der Ankommenden wird in Temporärunterkünften untergebracht. Die Bundeszentren sind überfüllt. Einige Regionen weigern sich, weitere Asylbewerber aufzunehmen, in einigen kam es zu Bürgerprotesten. Innenminister Angelino Alfano will in den Gemeinden 10 000 weitere Plätze schaffen und die mindestens ein Jahr dauernden Asylverfahren verkürzen. Die EU-Kommission leistet finanzielle Hilfe und hat Experten an sogenannte Hotspots entsandt, welche die italienischen Behörden unterstützen sollen.

Deutschland: Zahlen verdoppelt

Deutschland: Zahlen verdoppelt

Nordwestschweiz

Mehr als 450 000 Asylsuchende erwarten die Behörden im laufenden Jahr in Deutschland – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Laut Medienberichten könnten es aber auch bis zu 600 000 werden. Die Länder und Gemeinden sind aber überfordert. Die Flüchtlinge werden darum in Zelten, Turnhallen oder Containern untergebracht. Politiker wollen nun die Verfahren vor allem für Antragsteller vom Balkan deutlich beschleunigen. Einige Länder wie Bayern oder Sachsen planen zentrale Abschiebezentren. Die Behörden haben seit Anfang Jahr bereits 200 Übergriffe auf Asylunterkünfte registriert.

Schweiz: Langsamerer Anstieg als die EU

Schweiz: Langsamerer Anstieg als die EU

Nordwestschweiz

Die Asylzahlen in der Schweiz sind seit Jahresbeginn um rund 10 Prozent gestiegen, was deutlich langsamer ist als in vielen EU-Ländern. Bis vor kurzem war der Anteil pro Kopf etwa gleich hoch wie in Deutschland. Bis Ende Jahr erwartet der Bund knapp 30 000 Asylgesuche. Weil die Plätze fehlen, will der Bund die Asylverfahren verkürzen. Kantone und Gemeinden stellen zusätzliche Betten in Zeltstädten und Zivilschutzunterkünften zur Verfügung. Einige Kantone verlangen weitere Verschärfungen der Asylregeln: Deserteure aus Eritrea etwa sollen nicht mehr als Flüchtlinge anerkannt werden. Eritreer bilden derzeit die grösste Flüchtlingsgruppe in der Schweiz.

Österereich: Flüchtlinge schlafen im Freien.

Österereich: Flüchtlinge schlafen im Freien.

Nordwestschweiz

Im Alpenland sind bis Ende Juni mit knapp 30 000 fast dreimal mehr Asylanträge eingegangen als im Vorjahr. Die Aufnahmezentren sind dermassen überfüllt, dass Hunderte im Freien schlafen müssen und Hygiene sowie medizinische Versorgung von Prüfern als mangelhaft beschrieben wurden. Bund, Länder und Gemeinden verlieren sich aber in einem Kompetenzstreit über die Schaffung neuer Plätze. Die Innenministerin lässt darum Zeltstädte bauen. 500 Flüchtlinge will Österreich in ein Lager in der Slowakei schicken, obwohl die dortige Bevölkerung dies ablehnt. Zudem sollen die Asylverfahren beschleunigt werden.

Ungarn: Grenzzaun zu Serbien

Ungarn: Grenzzaun zu Serbien

Nordwestschweiz

Ungarn ist zu einer Hauptanlaufstelle für Asylsuchende in der EU geworden. Rund 100 000 Personen haben das Land an der Route von Griechenland über den Balkan nach West- und Nordeuropa erreicht. Um die Menschen fernzuhalten, baut Ungarn an der Grenze zu Serbien einen vier Meter hohen und 175 Kilometer langen Zaun, der Ende August fertiggestellt sein soll. Zudem hat das Parlament die Asylverfahren stark verkürzt, vor allem, indem aus Nachbarländern Einreisende automatisch als reine Wirtschaftsflüchtlinge gelten und zurückgeschafft werden können.

Griechenland: Prekär wie nirgends.

Griechenland: Prekär wie nirgends.

Nordwestschweiz

Das ohnehin von Krisen gebeutelte Griechenland hat im laufenden Jahr schon über 90 000 Asylbewerber empfangen. Die Zustände im griechischen Asylwesen sind so schlecht, dass der Europäische Gerichtshof EU-Ländern die Überweisung von Asylbewerbern nach Griechenland untersagt hat. Die Ankommenden hausen teilweise in temporären Lagern ohne genügende Toiletteneinrichtungen und medizinische Hilfe. Das UNHCR warnt vor einer humanitären Katastrophe und hat die EU aufgerufen, Griechenland mehr Hilfe zukommen zu lassen.

Schweden: Sehr liberale Praxis

Schweden: Sehr liberale Praxis

Nordwestschweiz

Das skandinavische Land empfängt pro Kopf mit Abstand am meisten Asylbewerber in Europa, knapp dreimal mehr als Deutschland und viermal mehr als die Schweiz. Laut Migrationsminister nimmt es derzeit 1000 bis 1200 Personen pro Woche auf. Kritiker des schwedischen Systems bemängeln aber, dass die Ankommenden zwar in den Sozialstaat aufgenommen, jedoch kaum integriert werden. Die liberale Flüchtlingspolitik führt zu Stimmengewinnen der migrationsfeindlichen Schwedendemokraten.

Belgien: Weitere 5000 Betten

Belgien: Weitere 5000 Betten

Nordwestschweiz

Die 18 400 Plätze, welche in Belgien für Asylbewerber zur Verfügung stehen, sind fast voll. Nun will Migrationsminister Theo Francken auch Militärkasernen nutzen, um weitere 5000 Betten bereitzustellen. Damit greift er zu Mitteln, die er früher selbst verurteilt hatte: Francken, ein flämischer Nationalist, forderte in der Vergangenheit wiederholt eine harte Migrationspolitik, wird nun aber selbst von der Realität eingeholt. Viele Belgier unterstützen eine grosszügige Flüchtlingspolitik.