Budapest
Vor 60 Jahren fiel der ungarische Stalin – mehr als 3000 Todesopfer

Am 24. Oktober 1956 fuhren Sowjet-Panzer in der ungarischen Hauptstadt ein und brachten die Demonstranten zum Verstummen. Der Einmarsch löste eine Fluchtwelle aus. Knapp 13000 Ungarn flohen in die Schweiz

Samuel Schumacher
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Demonstranten haben die Stalin-Statue mit Traktoren bis vor das Nationaltheater in Budapest geschleift, wo sie am 24. Oktober von Passanten begutachtet wird.

Demonstranten haben die Stalin-Statue mit Traktoren bis vor das Nationaltheater in Budapest geschleift, wo sie am 24. Oktober von Passanten begutachtet wird.

KEYSTONE

Manch ein alter Ungar wird sich im Frühling 2003 die Augen gerieben haben, als er die Fernsehbilder aus dem irakischen Bagdad sah. Dort stürzten Demonstranten eine Statue des Diktators Saddam Hussein von deren Sockel und jubelten.

Ein Déjà-vu für jene Ungarn, die den Volksaufstand vom Oktober 1956 gegen die sowjetische Besatzung miterlebt hatten. Denn auch in Ungarn setzten die Demonstranten damals auf das symbolträchtige Statuen-Stürzen: Sie rissen die mächtige Stalin-Statue auf dem Budapester Paradeplatz aus ihren bronzenen Stiefeln und machten damit unmissverständlich klar, was sie von den sowjetischen Besatzern hielten.

Doch wie in Bagdad 2003 führte auch der Budapester Statuen-Sturz von 1956 nicht dazu, dass sich die Forderungen der demonstrierenden Massen schnell erfüllten. In Budapest waren es am 23. Oktober 1956 an die 200 000 Menschen, die auf der Strasse für mehr Mitspracherecht, für Pressefreiheit und gegen die wirtschaftliche und politische Abhängigkeit Ungarns von der Sowjetunion demonstrierten.

«Kompass» und Cocktails

Am Abend des 23. Oktobers besetzte ein Teil der Protestierenden das Gebäude des Ungarischen Rundfunks. Dieser hatte sich zuvor geweigert, die Forderungen der Demonstranten zu verbreiten. Die Besetzung des Rundfunkgebäudes durch die «Mehr Demokratie!»-rufenden Menschen ging den übermächtigen Sowjets endgültig zu weit. Noch in derselben Nacht schickten sie auf Anraten ihres Botschafters, der von einer «ausserordentlich gefährlichen Situation und der Notwendigkeit für ein sowjetisches militärisches Eingreifen» sprach, Truppen in Richtung Budapest.

Heute vor 60 Jahren trafen die sowjetischen Panzer in der ungarischen Hauptstadt ein. Unter dem Decknamen «Kompass» hatten sie den Auftrag, die Massenproteste – wenn nötig mit Gewalt – zu beenden. Die Demonstranten aber wehrten sich: mit Molotow-Cocktails und mit den Waffen, die ihnen von Teilen der ungarischen Volksarmee überlassen wurden.

Kämpfen «bis zum Tode»

Die Kämpfe dauerten tagelang an und forderten mehr als 3000 Tote. Sie endeten mit der Einsetzung einer pro-sowjetischen Regierung unter János Kádár, unter dessen Regime Hunderte Schauprozesse gegen «politische Verräter» geführt und Dutzende Menschen hingerichtet wurden. Unter ihnen war auch der heute als Nationalheld gefeierte Imre Nagy, der in den Wirren des ungarischen Volksaufstands im Herbst 1956 kurzfristig an die Macht kam und am 1. November gar die Unabhängigkeit Ungarns und dessen Austritt aus dem sowjetischen Militärbündnis Warschauer Pakt bekannt gab.

Gestern gedachten die Ungarn des Volksaufstands von 1956 mit einer offiziellen Feier (siehe Text rechts). Das brutale Vorgehen der sowjetischen Truppen gegen die Aufständischen vor genau 60 Jahren trieb viele Menschen aus dem mitteleuropäischen Land in die Flucht. Alleine die Schweiz nahm knapp 13 000 ungarische Flüchtlinge auf. «Diese Menschen – der Hölle
entronnen – sind müde und ohne Hoffnung», verkündete die Schweizer Filmwochenschau und zeigte Bilder von Frauen und Kindern, die über die Schweizer Grenze kamen. Ihre Väter und Männer seien in Ungarn geblieben, «um bis zum Tode zu kämpfen».