Anschläge geplant
Vor der Vereidigung von Joe Biden wird Washington wegen Trump-Anhängern zum Sperrgebiet

Die amerikanische Hauptstadt bereitet sich auf die Amtseinführung von Joe Biden vor – und rüstet auf, denn Extremisten planen Anschläge.

Renzo Ruf aus Washington
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Soldaten prägen das Stadtbild: Washington gleicht in den Tagen vor Joe Bidens Amtseinführung einem Militärstützpunkt.

Soldaten prägen das Stadtbild: Washington gleicht in den Tagen vor Joe Bidens Amtseinführung einem Militärstützpunkt.

Michael Reynolds/EPA

Normalerweise wuseln im Besucherzentrum des US-Parlaments Tausende von Touristen durch die grosse Halle. Doch dieser Tage gleicht der unterirdische Eingang einer Militärkaserne. Hunderte von Nationalgardisten nutzen den Anbau als Zufluchtsort; einige machen auf dem harten Marmorboden gar ein kleines Nickerchen.

So sieht die neue Realität im Kapitol aus, wenige Tage nach dem Sturm auf das Parlamentsgebäude und kurz vor der Amtseinführung des neuen Präsidenten. 20'000 Soldatinnen und Soldaten der Nationalgarde werden am Mittwoch in Washington stationiert sein. Sie sollen die lokalen und bundesstaatlichen Sicherheitskräfte bei ihrer Arbeit unterstützen.

Schon jetzt sind die schwer bewaffneten Soldaten buchstäblich überall zu sehen. Ihre Aufgabe ist es, an den martialischen Sicherheitszäunen Präsenz zu markieren, und Extremisten davon abzuhalten, sich neuerlich Zutritt zum Parlamentsgebäude zu verschaffen.

Selfies mit Statuen berühmter Amerikaner

Einige uniformierte Reservisten wirken gelangweilt oder leicht verärgert, auch weil das Aufgebot sie davon abhält, ihrer normalen Arbeit nachzugehen. Andere Gardisten sind sichtlich begeistert darüber, endlich einmal das Kapitol besuchen zu können. Junge Soldaten schiessen Erinnerungsfotos vor den Statuen berühmter Amerikanerinnen in einer der prachtvollen Hallen des Kapitols.

Die neuen Sicherheitsvorkehrungen sorgen links wie rechts für Nervosität. Im Lager des designierten Präsidenten Joe Biden hat man nicht nur Angst vor einer möglichen Störung der Feierlichkeiten am kommenden Mittwoch, während denen Lady Gaga die Nationalhymne singen wird und Jennifer Lopez für musikalische Unterhalten sorgen soll.

Das Biden-Lager stört sich auch an der Symbolik: Ein rechtmässig gewählter Präsident, der von schwerbewaffneten Soldaten beschützt werden muss, wenn er sein Amt antritt - das steht im Widerspruch zur Botschaft von Joe Biden, der nach dem Ende der turbulenten Präsidentschaft von Donald Trump ein neues Kapitel aufschlagen und das Land versöhnen wollte.

Das rechte Lager hingegen zeigt sich empört über gewisse Sicherheitsmassnahmen. So steht am Eingang zum Versammlungssaal des Repräsentantenhauses neuerdings ein Metalldetektor; am Mittwoch allerdings, als die grosse Kammer über das zweite Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Trump beriet, weigerten sich Dutzende von Abgeordneten, sich von der Kapitol-Polizei auf Waffen durchsuchen zu lassen.

Empört wiesen einige Republikaner zudem die Unterstellung demokratischer Ratskollegen zurück, sie hätten in der vorigen Woche eine Rolle beim Sturm auf das Kapitol gespielt und es den späteren Gewalttätern erlaubt, das Parlamentsgebäude auszukundschaften. Diesen Vorwurf hatte unter anderem Mikie Sherrill erhoben.

Die Abgeordnete aus New Jersey weiss, wovon sie spricht: sie leistete von 1994 bis 2003 Militärdienst für die Luftwaffe. Am 5. Januar, dem Tag vor dem blutigen Zwischenfall auf dem Capitol Hill, hätten sich auffallend viele Besucher im Parlamentsgebäude und den benachbarten Bürohäusern aufgehalten, sagte Sherrill diese Woche.

Die Republikaner sind aber auch mit sich selbst beschäftigt. Nachdem die Partei Donald Trump vier Jahre lang treu unterstützt hatte, bilden sich nun erste Risse. Zehn der 211 Fraktionsmitglieder unterstützten am Mittwoch die umgehende Entfernung Trumps aus dem Amt. 2019, während des ersten Impeachments, hatten alle Republikaner im Repräsentantenhaus die Vorwürfe gegen den Präsidenten zurückgewiesen.

Unter den jetzigen Abweichlern befand sich auch Liz Cheney, die Nummer drei der Fraktion. Bereits forderten mehrere ihrer Kollegen ihren Rücktritt. Cheneys Kommentar: «Ich gehe nirgendwo hin.»