Rassismus in den USA
Vor ihrem Tod sagte eine dunkelhäutige Ärztin: «Ich müsste dies nicht durchmachen, wenn ich weiss wäre»

Der Tod einer Afroamerikanerin löst in Amerika eine emotionale Diskussion über Rassismus im Gesundheitssystem aus.

Renzo Ruf aus Washington
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Die verstorbene Ärztin Susan Moore in ihrem Handy-Video, das vor Weihnachten auf den Sozialen Medien auftauchte.

Die verstorbene Ärztin Susan Moore in ihrem Handy-Video, das vor Weihnachten auf den Sozialen Medien auftauchte.

Video: Susan Moore, Twitter / Screenshot: New York Post

Das Handy-Video ist etwas mehr als sieben Minuten lang. Es zeigt Susan Moore, eine 52 Jahre alten Ärztin, in einem Bett auf der Intensivstation eines amerikanischen Spitals in Carmel (Indiana). Sie schnappt nach Atem, und beklagt sich bitterlich über die Behandlung, die sie nach ihrem positiven Covidtest und ihrer Einlieferung ins Spital bekommen habe.

Der zuständige Doktor springe mit ihr um, als sei sie eine Drogenabhängige, sagt die dunkelhäutige Patientin. So erhalte sie nicht ausreichend Schmerzmittel, obwohl sie doch wisse, über was sie spreche. So litt die Ärztin an Morbus Boeck, einer systematischen Erkrankung des Bindegewebes, und musste sich deshalb häufig in Spitalbehandlung begeben. Moore sagte: «Ich halte fest und bin mir sicher, dass ich das nicht durchmachen müsste, wenn ich weiss wäre.»

Etwas mehr als zwei Wochen später war sie tot. Susan Moore starb kurz vor den Weihnachtsfeiertagen an den Folgen ihrer Covid-Erkrankung. Ihr Video allerdings, das sie über die Internet-Plattform Facebook verbreitete, lebt weiter. Und nicht nur Afroamerikaner sagen, die Behandlung, die Moore über sich habe ergehen lassen müssen, sei ein weiterer Beweis für den systematischen Rassismus, unter dem auch das amerikanische Gesundheitssystem leide.

Künftige Vizepräsidentin verspricht Besserung

Kamala Harris, die künftige Vizepräsidentin Amerikas, sagte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: Die Tragödie zeige, dass gerade schwarze Frauen im amerikanischen Gesundheitssystem immer wieder gegen unsichtbare Mauern prallten. «Ihre Bedenken und ihr Schmerz wird oft heruntergespielt oder ignoriert», schrieb Harris, die ihren Posten als Stellvertreterin von Präsident Joe Biden am 20. Januar antreten wird. Die neue Regierung jedenfalls werde sich darum bemühen, dieses «himmelschreiende» Missverhältnis zu beseitigen.

So fanden Forscherinnen und Forscher der University of Virginia bereits 2016 heraus, dass eine überraschend grosse Zahl angehender Ärzte allen Ernstes der Meinung ist, Afroamerikaner hätten eine dickere Haut als hellhäutige Amerikaner. In der Praxis kann dies dazu führen, dass schwarze Patienten weniger Schmerzmittel verschrieben bekommen – weil die Ärzte dem Irrglauben anhängen, Afroamerikaner seien weniger schmerzempfindlich.

Dunkelhäutige Amerikaner sind von der Coronapandemie besonders stark betroffen – nicht nur gesundheitlich, sondern auch wirtschaftlich. Gemäss einer Studie der Denkfabrik Brookings Institution ist die Sterberate von Afroamerikanern und Latinos deutlich höher als von Weissen.

Das Spital, in dem Susan Moore ihr Video aufgenommen hatte, weist die Vorwürfe einer Fehlbehandlung allerdings zurück. In einer Stellungnahme sprach Dennis Murphy, der (weisse) Geschäftsführer der Spital-Gruppe Indiana University Health, der Familie der verstorbenen Ärztin sein Beileid aus. Er sei zutiefst betroffen darüber gewesen, dass eine Patientin auf die sozialen Medien habe ausweichen müssen, um eine adäquate Behandlung zu bekommen, schrieb er.

Murphy deutete in seiner Stellungnahme aber auch an, dass die Geschichte weit komplexer sei, als von Moore dargestellt. So nannte er die verstorbene Ärztin eine schwierige Patientin, die das Pflegepersonal «eingeschüchtert» habe. Diese Aussagen stiessen ihrerseits auf scharfe Kritik, weil sie Erinnerung an das rassistische Stereotyp der «wütenden schwarzen Frau» weckt.

Über die virtuelle Spenden-Plattform Go Fund Me sammelte eine Freundin von Susan Moore derweil mehr als 172'000 Dollar ein. Das Geld soll ihrem Sohn zukommen, dem 19 Jahre alten Henry Muhammed. In seinem letzten Gespräch mit seiner Mutter habe diese versprochen, sie werde ihm helfen, damit er ein College besuchen könne, sagte Muhammed der «New York Times», die über den Tod von Susan Moore berichtete. «Bis zum bitteren Ende dachte sie an andere Menschen.»