Wahlen in Deutschland
Vor vier Jahren am Boden, jetzt ist die FDP zurück – wie gelang die Auferstehung?

Vor vier Jahren lag die FDP am Boden, heute strotzt sie vor Selbstvertrauen. Nach der Wahl könnten die Liberalen gar zum Königsmacher werden. Wie gelang die Auferstehung? Unterwegs mit zwei Gesichtern einer runderneuerten Partei.

Fabian Hock, Donaueschingen
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Beer und er: FDP-Kandidat Marcel Klinge und Generalsekretärin Nicola Beer beim Bildungstalk in Donaueschingen.

Beer und er: FDP-Kandidat Marcel Klinge und Generalsekretärin Nicola Beer beim Bildungstalk in Donaueschingen.

Kristian Streich

Auf einem flachen Podest in den Donauhallen kniet Marcel Klinge und kämpft mit einer Konstruktion aus Aluteilen. Die gelbe Wand mit dem Parteilogo, vor der er gleich sprechen wird, steckt Klinge selbst zusammen. «Wir teilen uns die Wand für Auftritte untereinander», keucht er, leicht aus der Puste, «das spart Geld». Ein Dutzend Mal joggt der schlaksige 36-Jährige mit Föhnfrisur und Undercut noch zu seinem Auto auf dem Parkplatz und schleppt Kisten in den gläsernen Saal. Kugelschreiber, Flyer, Wahlplakate mit seinem Konterfei in schickem Schwarz-Weiss. Es muss schnell gehen, gleich kommen die Gäste.

Klinges Partei, die FDP, will an diesem Abend in Donaueschingen rund zwei Wochen vor der Bundestagswahl über ein Thema reden, auf das man als Liberaler erst mal kommen muss: Um Bildung soll es gehen. Und zwar nicht um Exzellenzinitiativen und Elitenförderung, wie bei einer Partei wie der FDP zu vermuten wäre. Nein, die rund 60 Zuhörer erwartet ein Gespräch über das Gehalt von Grundschullehrern und Frühstücksangebote für Kinder. «Weltbeste Bildung» ist das Ziel. Und die bekommt man nun mal nicht mit leerem Magen.

Fast sicher in Berlin

Die deutsche FDP gibt in diesen Wochen und Monaten ein ungewohntes Bild ab. Bildung und Digitalisierung für alle statt Hofieren von Konzernen – ganz bodenständig kommen die Liberalen 2017 daher. Und auch der Anblick, wie Marcel Klinge hinter seiner Wand werkelt, will nicht so recht zum Bild der abgehobenen Elitenpartei passen, das der FDP bisweilen anhaftet. Immerhin ist Klinge nicht irgendwer in der Partei: Er ist Mitglied des Bundesvorstands und wird nach der Wahl am 24. September für die Liberalen im Bundestag sitzen. Listenplatz sechs hat er ergattert. Das bedeutet: Überspringt die FDP die 5-Prozent-Hürde, ist Klinge in Berlin. Umfragen sehen die Partei zwischen acht und zehn Prozent.

Omnipräsident: Wahlplakate mit FDP-Chef Christian Lindner.

Omnipräsident: Wahlplakate mit FDP-Chef Christian Lindner.

KEYSTONE

Marcel Klinge ist zwar erst Mitte Dreissig, doch er stellt sich bereits zum dritten Mal zur Wahl. Jetzt soll es endlich klappen. So gut wie in diesem Jahr sah es auch noch nie aus. «Grossen Respekt», sagt Klinge, habe er vor der Aufgabe in Berlin – wenn es denn am Sonntag in einer Woche für ihn und seine Partei reiche. Dem bodenständigen Klinge, der zusammen mit seiner Mutter in Villingen wohnt und sich seit kurzem um seinen 11-jährigen Neffen kümmert, ist neben der Vorfreude ein gehöriges Mass an Demut anzumerken.

Noch ist er allerdings nicht in der Hauptstadt. Noch ist Wahlkampf. Bis zuletzt wird um jede Stimme gekämpft. Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis. Und doch ist es diesmal irgendwie anders. Denn eines sucht man in diesen Tagen bei den Liberalen vergebens: klassische liberale Inhalte. Von Steuersenkungen, wie noch im Wahlkampf vor vier Jahren, spricht bei der FDP plötzlich niemand mehr – wenngleich sie immer noch im Wahlprogramm stehen. Nur eben nicht mehr auf den vorderen Seiten.

Packt selbst mit an: Marcel Klinge.

Packt selbst mit an: Marcel Klinge.

Hock

Dass die Freien Demokraten jetzt ausgerechnet auf Bildung setzen, hat nicht unwesentlich mit der Frau zu tun, die Klinge an diesem Donnerstag durch seinen Wahlkreis begleitet: Nicola Beer ist gekommen, die Generalsekretärin. Auf dem Programm stehen Besuche bei zwei Mittelständlern, der Redaktion einer Lokalzeitung und zum Abschluss die Diskussion in Donaueschingen. Dass Kandidat Klinge als Gastgeber seiner abendlichen Gesprächsrunde kaum zu Wort kommt, liegt an der Frau mit dem roten Blazer und den wilden Haaren: Ist Beer, Nummer zwei der Bundes-FDP hinter dem alles überstrahlenden Parteichef Christian Lindner, erst mal in Fahrt, gibt es kein Halten mehr. Beim Thema Bildung sowieso: Beer war von 2012 bis 2014 als Kultusministerin in Hessen dafür zuständig.

«Frau Beer, Sie reden so schnell!»

Um den Donaueschingern zu erklären, was die Liberalen in Sachen Bildung vorhaben, hält sich Beer an John F. Kennedy: Ein «Mondfahrtprojekt» habe man im Sinn. Verdutzte Blicke im Publikum. Beer erläutert: Der erste Mensch auf dem Mond müsse ein Amerikaner sein, habe JFK in den 60ern als Ziel ausgegeben. Die FDP 2017 will offenbar mit derselben Einstellung auftreten – und fordert nun nichts weniger als die «weltbeste Bildung». Konkret will die FDP Deutschland in die Top 5 der OECD-Länder führen. Das klingt nicht mehr ganz so sexy wie «weltbest», gibt aber einen Hinweis auf den Notstand, der in deutschen Schulen herrscht. Die FDP, erklärt Beer, wolle das ändern. Dafür sei indes – nun wieder klassisch FDP – auch Eigenverantwortung nötig, sagt sie, wuschelt sich durch die Haare, dann noch mal Kennedy: «Erst mal fragen, was ich für andere tun kann und nicht, was andere für mich tun können.»
Nicht nur in Bildungsfragen redet die 47-jährige Hessin schnell, präzise und mit einem fast unheimlichen Faktenwissen. Das führt nicht selten zu einer gewissen Überforderung ihrer Gesprächspartner. Die «Welt» beschrieb das mit Verweis auf Kollegenkreise einmal so: Beer «durchdringe und verstehe komplexe Zusammenhänge derart schnell, dass sie nicht begreifen könne, dass der eine oder andere Normalverstand eben seine Zeit brauche, um hinterherzukommen». Als bräuchte es dafür einen Beweis, schrie eine Redaktorin der am Mittag in Schwenningen besuchten «Neckarquelle» um Hilfe, als Beer, den Zeigefinger auf den Redaktionstisch hämmernd, die Versäumnisse der Grossen Koalition von der Flüchtlingskrise bis hin zur Digitalisierung durchdeklinierte: «Frau Beer, Sie reden so schnell, da komm ich gar nicht mit!»

Wundersamer Wandel

Beer und Klinge sind zwei Gesichter dieser – in jedem Fall äusserlich – runderneuerten Liberalen, die nach dem Debakel von 2013 etwas ändern mussten. Vor vier Jahren, das muss man sich als Schweizer erst mal vorstellen können, flog die einzige liberale Partei des Landes aus dem nationalen Parlament. Hört man sich unter den rund 60 Gästen um, die in die Donaueschinger Donauhallen gekommen sind, schmerzt die Erinnerung nach wie vor: «Tief traurig» sei er damals gewesen, sagt ein emeritierter Hochschullehrer, 70 Jahre alt, 40 davon FDP-Mitglied. «Bei Auftritten auf dem Marktplatz», ergänzt ein ehemaliger Abgeordneter im Stuttgarter Landtag, «sind wir beschimpft worden.» So konnte es nicht weitergehen.
Was folgte, war das, was Beer heute als «Leitbildprozess» bezeichnet. Dazu zählt, klar, die inhaltliche Neuausrichtung mit den «Zugpferden» Bildung und Digitalisierung, aber auch einer im Vergleich zu CDU, SPD und Grünen härteren Gangart in der Flüchtlingspolitik. Ferner legte sich die Partei einen peppigen Auftritt zu: Grelle Farben auf stylischem Grund – der schwarz-weisse Drei-Tage-Bart-Lindner auf den Wahlplakaten könnte problemlos auch eine Parfüm-Kampagne bewerben.

Einen regelrechten Kahlschlag gabs beim Personal: Leute wie Rainer Brüderle, der eines Abends an der Hotelbar einer jungen Journalistin zu ihrem prallen Ausschnitt gratulierte, sind raus. Genau wie der aalglatte Ex-Parteichef Philipp Rösler. Heute stehen charismatische Redner wie Beer und Lindner in der ersten Reihe.

Nackt unterm Brandenburger Tor

Das alles spricht letztlich weniger dafür, dass die Deutschen ihr Herz für liberale Ideen wiederentdeckt hätten. Vielmehr dürfte das aktuelle Hoch der Partei auf ihren eigenen Wandel zurückzuführen sein. Die vier Jahre ausserhalb des Parlaments, sagt Marcel Klinge, hätten jedenfalls gutgetan. «Die FDP von 2017 gefällt mir deutlich besser als die FDP von 2013.» Die Generalsekretärin ergänzt: «Es gibt wieder eine gewisse Neugier uns gegenüber.» Jahrelang habe niemand mit der Partei sprechen wollen, sagt Beer. «Wir hätten uns nackt unters Brandenburger Tor stellen können und niemanden hätte das interessiert.»

Eine gute Woche vor der Wahl ist die Partei nun gefragter denn je. Sogar der dritte Platz hinter Union und SPD ist drin. Das wäre der Auftrag zum Königsmacher. Wäre ein Zusammengehen mit CDU/CSU dann die logische Konsequenz? Beer wehrt sich entschieden: «Wir haben aus unseren Fehlern von 2013 gelernt», sagt sie. Einen derart wackligen Koalitionsvertrag wie damals werde man keinesfalls mehr unterschreiben. Am Sonntag kommt die FDP zu einem ausserordentlichen Parteitag zusammen. Da wird wohl entschieden, unter welchen Bedingungen eine Regierungsbeteiligung infrage käme.

Jetzt gehe es aber erst einmal darum, wieder in den Bundestag einzuziehen. Und dafür stecken Klinge und seine Parteifreunde gerne noch ein paar gelbe Wände zusammen.

Deutsche FDP – Schweizer FDP: Schwestern, die sich nicht in allem ähneln

Das Programm
Mit der Digitalisierung – für die deutsche FDP neuerdings das Kernthema schlechthin – wollen die Freisinnigen auch in der Schweiz punkten. So zelebriert sich Bundesrat Johann Schneider-Ammann gerne als «Digitalisierungsminister». Doch traditionellere liberale Anliegen, namentlich der Kampf für einen schlanken Staat, überwiegen. «Die deutschen Kollegen sind weniger wirtschaftsliberal als wir», sagt der Aargauer Ständerat und ehemalige Parteipräsident Philipp Müller. «So haben sie etwa für die Einführung eines Mindestlohnes votiert – ein Anliegen, dem wir nie zustimmen würden.»

Die Ausgangslage
«Während der Schweizer Freisinn jahrhundertelang die erste Adresse war und sich sogar einen eigenen Staat erschaffen konnte, mussten unsere deutschen Freunde stets versuchen, jene Nischen zu besetzen, die ihnen die dominierende CDU liess», sagt FDP-Generalsekretär Samuel Lanz. Ähnlich äussert sich der ehemalige Schweizer Botschafter in Berlin und heutige SP-Nationalrat Tim Guldimann: Die Mitte-Partei CVP sei nicht mit der traditionellen wirtschaftsnahen Volkspartei CDU vergleichbar, sagt er. «Vielmehr ist es unsere FDP, die die staatstragende Rolle gespielt hat wie in Deutschland die CDU.»

Die Verbindung
Institutionalisierte Kontakte zwischen Bern und Berlin bestünden nicht, sagt Lanz. «Doch man gratuliert sich nach Wahlsiegen und schreibt sich bei wichtigen Ereignissen ein SMS.» Auch Guldimann sieht wenig Berührungspunkte: Die deutsche FDP spreche eine andere Klientel an, sagt er. «Sie ist für Apotheker, Ärzte und Anwälte attraktiv – für den gehobenen Mittelstand.» Grossindustrielle und Wirtschaftsbosse hingegen, die in der Schweiz traditionell zur FDP hielten, seien mit der CDU verbunden.

Der Aufschwung
Der Erfolg der Schweizer FDP sei breiter abgestützt, glaubt Müller. «Hinter dem Aufschwung der deutschen Kollegen steht in erster Linie Parteichef Christian Lindner – ein brillanter Rhetoriker.» Für Guldimann, der auch Mitglied der SPD ist, kehrt nun wieder Normalität ein: «Die FDP war 2013 abgestürzt und vier Jahre nicht mehr im Bundestag vertreten», sagt er. «Jetzt wird sie diese liberale Lücke wieder füllen.» (dbü)

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