Personenfreizügigkeit
Vorerst gibt es keine kroatischen «Gastarbeiter»

Ab Juli ist Kroatien EU-Mitglied. EU-Staaten wollen Kroaten aber nicht uneingeschränkt ins Land lassen. Gegen sie soll eine Übergangsfrist aktiviert werden.

Norbert Mappes-Niediek, Graz
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Hunderttausende Kroaten denken über die Auswanderung nach. Im Bild ein Strassencafé in Dubrovnik.

Hunderttausende Kroaten denken über die Auswanderung nach. Im Bild ein Strassencafé in Dubrovnik.

Keystone

Gut ausgebildet seien sie, die meisten sprächen ein ausgezeichnetes Englisch: Voll des Lobes ist der Aussenbeauftragte der Wirtschaftskammer Steiermark, Wilfried Leitgeb, über Arbeitskräfte aus Kroatien. Zwei Stunden sind es mit dem Auto aus Zagreb nach Graz, kaum eine Stunde von den nordkroatischen Städtchen Varazdin oder Cakovec bis in grenznahe Gebiete Österreichs. Aber das frische Blut für die Wirtschaft der Steiermark wird ausbleiben: Österreich will Kroaten auch nach dem EU-Beitritt des Landes am 1. Juli für sieben Jahre von seinem Arbeitsmarkt fernhalten. «Da hat man den Gewerkschaften nachgegeben», bedauert Leitgeb.

Viereinhalb Millionen sind nicht viel: Weil Kroatien so klein ist, blieb die Debatte um Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus dem künftigen EU-Land bisher kühl. Trotzdem will auch Deutschland wieder dem Beispiel Österreichs folgen und den Arbeitsmarkt für Kroaten geschlossen halten. Zunächst soll der Bundestag nach dem Willen der Regierung nächste Woche Donnerstag eine Übergangsfrist von zwei Jahren aktivieren. Danach kann die Frist bei «starkem Druck» auf den Arbeitsmarkt noch einmal um drei und dann noch einmal um zwei Jahre verlängert werden. Die rot-grüne Opposition setzt dagegen auf Freizügigkeit von Anfang an.

Nirgendwo kroatisches Kreuzberg

Kroaten sind traditionell besonders mobil. In keinem europäischen Land hat ein so hoher Prozentsatz der Bevölkerung Verwandte im Ausland wie in Kroatien. Erste Emigrationswellen reichen bis in die 1880er-Jahre zurück. In den 1960ern folgten die Gastarbeiter, nach 1990 die Kriegsflüchtlinge. Im Ausland gelten Kroaten – wie überhaupt die Ex-Jugoslawen – als extrem integrationsbereit. «Nirgendwo auf der Welt gibt es ein kroatisches Kreuzberg oder Little Italy», sagt der Zagreber Literat Nenad Popovic, der eine Monografie über die Gastarbeiter geschrieben hat.

Gründe zur Abwanderung gibt es genug. Nach einer Untersuchung der Arbeitsvermittlung Moj Posao sehen 56 Prozent der Kroaten in ihrem Land keine Zukunft, und volle 60 Prozent könnten sich ein Arbeitsleben im Ausland vorstellen. Die Kreditkartenfirma Visa liess erheben, wie viele 18- bis 25-Jährige ihr Land zum Studium oder zur Arbeitsaufnahme verlassen würden: 57 Prozent. Schon vor sieben Jahren hat das kroatische Migrationsinstitut 460 000 Kroaten ausgemacht, die bereits konkret über Auswanderung nachgedacht haben – mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Inzwischen dürfte die Zahl erheblich gestiegen sein. Kroatiens Wirtschaftskraft ist das siebte Jahr in Folge rückläufig, die Arbeitslosigkeit liegt bei 22 Prozent.

Gute Chancen für Ingenieure

Von der Freizügigkeit für kroatische Arbeitnehmer würden allerdings eher die EU-Länder als Kroatien selbst profitieren – unter ihnen besonders die aufnahmebereiten. Unter den Auswanderungswilligen dominieren Studenten und gut Ausgebildete. Gute Chancen haben besonders Ingenieure, sagt Wilfried Leitgeb, der den Arbeitsmarkt in der ganzen Region gut kennt. In der heimischen Industrie, die mit dem EU-Beitritt eher noch eine Beschleunigung ihres Niedergangs erwarten muss, haben sie kaum Chancen. Eine grössere Armutswanderung ist nicht zu befürchten. Elendsviertel gibt es so gut wie keine, die rund 40 000 Roma leben überwiegend in Dörfern in Slawonien und im nördlichen Übermurgebiet von Landwirtschaft, Handwerk und Handel.

Wenn Deutschland trotzdem die Grenze dicht halten will, argwöhnt die Berliner Opposition, hat das mit Kroatien nichts zu tun: Rumänen und Bulgaren, die schon seit Anfang 2007 EU-Bürger sind, wären ohne die Übergangsregelung wenigstens für ein halbes Jahr schlechtergestellt als die Kroaten. Sie dürfen erst ab Anfang nächsten Jahres frei in allen EU-Ländern Arbeit suchen. Bulgarien hat doppelt und Rumänien gar viermal so viele Einwohner wie Kroatien. Vor der Bundestagswahl im September will Berlin an dem Thema nicht rühren.