VORSITZ: Französin wird Unesco-Chefin

Die Unesco hat in einer Kampfwahl eine Generalsekretärin bestimmt – Audrey Azoulay. Auf der Strecke blieb der Favorit Katars. Der Rückzug der USA und Israels aus der Organisation gab wohl den Ausschlag.

Stefan Brändle, Paris
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Die französische Ex-Ministerin Audrey Azoulay ist die neue Vorsitzende der Unesco. (Bild: Thomas Samson/AFP (Paris, 13. Oktober 2017))

Die französische Ex-Ministerin Audrey Azoulay ist die neue Vorsitzende der Unesco. (Bild: Thomas Samson/AFP (Paris, 13. Oktober 2017))

Stefan Brändle, Paris

Nach dem spektakulären Rückzug der USA und Israels aus der Unesco erfolgte gestern Abend der nächste Paukenschlag: Der Exekutivrat der in Paris angesiedelten Organisation für Kultur, Bildung und Wissenschaft wählte mit 30 Stimmen die französische Ex-Kulturministerin Audrey Azoulay zur neuen Unesco-Chefin. Der katarische Kandidat Abdulasis al-Kawari unterlag mit 28 Stimmen.

Die 45-jährige Französin ist die Tochter eines Chefberaters des marokkanischen Königs Mohammed VI. Diplomatisch unerfahren, war die Kinoexpertin vom ehemaligen französischen Präsidenten François Hollande 2016 in die französische Regierung geholt worden und erst dadurch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Ihre Wahl stellt in der äusserst politisierten UNO-Institution eine doppelte Überraschung dar: Zum einen bricht die Unesco mit der ungeschriebenen Regel, dass das Standortland einer UNO-Organisation nicht auch noch den Vorsitz derselben übernehmen soll. Ausserdem erhob die arabische Welt seit Jahren Anspruch auf den Chefsessel, den sie seit Gründung der Organisation 1946 nie besetzt hatte; von den zehn Vorsitzenden waren sieben westlicher Abstammung, so auch die scheidende Bulgarin Irina Bokowa, die nun nach acht Jahren abtritt.

Kandidatur aus Katar in letzter Minute verhindert

Wie schon der 2009 unterlegene Ägypter Faruk Hosni scheiterte al-Kawari vermutlich an Antisemitismusvorwürfen. In Unesco-Kreisen wurde moniert, der ursprüngliche Wahlfavorit habe wiederholt die «mediale Weltherrschaft der Juden» angeprangert und Azoulays jüdische Herkunft als Gegenargument angeführt. Am Donnerstag, als der Katarer nach mehreren Wahlgängen klar in Führung lag, hatten die USA und Israel ihren Rückzug aus der Unesco angekündigt.

Dieser Schritt war zwar seit einiger Zeit erwartet worden, wirkte dann aber klar auf diese Wahl terminiert. Mit ihm gelang es den Amerikanern möglicherweise, den Ex-Minister aus Katar in letzter Minute zu verhindern. Denn der US-Rückzug dürfte dem Vernehmen nach mehr als ein Mitgliedland bewogen haben, lieber einer gewieften westlichen Diplomatin die Stimme zu geben, die eher in der Lage scheint, die amerikanischen Zahlmeister zurück ins Boot zu holen.

USA steuern über den Finanzbetrag

Auch wenn US-Präsident Donald Trump für den Unesco-Austritt noch ganz andere Motive haben dürfte: Die Amerikaner nehmen in der Unesco nicht zum ersten Mal mehr Einfluss von aussen als von innen. Und nicht zum ersten Mal zwang der Nahostkonflikt die «multilaterale» Unesco in einen aufreibenden Zweifrontenkrieg.

Schon die erste Unesco-Krise im Jahr 1974 war ausgebrochen, als die USA ihre Zahlungen unter anderem wegen einer Anti-Israel-Resolution einstellten. 1984 trat US-Präsident Ronald Reagan ganz aus der Unesco aus, weil diese im Kalten Krieg sehr blockfrei auftrat und unter anderem ein PLO-Projekt lanciert hatte. Erst zwei Jahrzehnte später kehrten die USA wieder in die Unesco zurück. Als diese Palästina 2011 zum Vollmitglied wählte, setzte Washington die Beitragszahlungen aber erneut aus. Als die Unesco diesen Sommer die Altstadt Hebrons im Westjordanland zum Weltkulturerbe ernannte, schien der neuerliche Austritt der USA nur noch eine Frage der Zeit. Da die Unesco im Unterschied zum Sicherheitsrat kein Vetorecht kennt, haben die USA weniger Einzeleinfluss. Sie versuchen deshalb, über ihren Finanzbeitrag – einen Fünftel des Unesco-Budgets – Einfluss zu nehmen.

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