VORWAHLEN: Ein Dorf mit neun Stimmberechtigten sorgt für Furore

Seit 1960 eröffnen die Bewohner des kleinen Fleckens Dixville Notch in New Hampshire mit ihrer Stimmabgabe um Schlag Mitternacht die Vorwahlen – zum grossen Neid der Nachbarn.

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Ton Tillotson (links), Sprecher von Dixville Notch, gibt die Resultate der Vorwahlen bekannt. (Bild: EPA/Herb Swanson)

Ton Tillotson (links), Sprecher von Dixville Notch, gibt die Resultate der Vorwahlen bekannt. (Bild: EPA/Herb Swanson)

Millsfield hat einmal mehr den Kürzeren gezogen. Die Bewohner des kleinen Fleckens im Norden von New Hampshire – Einwohnerzahl: 29 – schritten in der Nacht auf den Dienstag um Punkt Mitternacht an die Urne, um einen Präsidentschaftskandidaten zu küren. Erneut aber richtete sich der Fokus der Medien auf das Nachbardorf Dixville Notch. Dort wird, seit nunmehr 56 Jahren, im einst mondänen Hotelpalast The Balsams die Tradition des «Midnight Voting» gepflegt. Und weil das Resort am lieblichen Lake Gloriette Journalisten von nah und fern mit einer warmen Mahlzeit bewirtete, wurde Dixville international bekannt. «Dabei», sagt Wayne Urso aus Millsfield, «gab es anfänglich eine Abmachung zwischen den beiden Dörfern, dass wir die Vorwahl alternierend abhalten.» Dixville hielt sich gemäss der Überlieferung nicht an diesen Pakt. Der Rest ist Geschichte. Millsfield, das in den Fünfzigerjahren damit begann, um Schlag Mitternacht eine Auswahl unter den Präsidentschaftskandidaten zu treffen, geriet in Vergessenheit. Und die Tradition des «Midnight Voting» schlief zu Beginn der Sechzigerjahre ein.

Weil die Vorwahlen in New Hamp­shire dieses Jahr den 100. Geburtstag feiern, entschieden sich die Behörden von Millsfield, die alte Tradition neu zu beleben. Der Neid auf den mondänen Nachbarn ist damit aber nicht vergangen. Urso sagt, dass er sich nicht sicher sei, ob überhaupt jemand seinen Wohnsitz in Dixville Notch habe. «Und wer garantiert denn, dass die Wahl fair und frei abgehalten wird?»

«Unsere Stellung ist unantastbar»

Scott Tranchmontage lacht bloss, wenn er solche Anwürfe hört. Dann sagt der Kommunikationsspezialist: «Dixville Notch steht nicht in Konkurrenz zu anderen Dörfern in New Hampshire, die ebenfalls um Mitternacht wählen. Unsere Stellung aber ist unantastbar: Seit 1964 beteiligen sich alle vier Jahre 100 Prozent der Stimmberechtigten an den Vorwahlen.» Tranchmontage ist Sprecher des «Balsams», das seit 2011 geschlossen ist. Die 1866 erstellte Herberge gehört dem Unternehmer Les Otten, der sie für 150 Millionen Dollar renovieren will. Vier der neun Wähler, die derzeit in Dixville Notch registriert seien, seien aus beruflichen Gründen in den hohen Norden von New Hampshire umgezogen. Bei den restlichen fünf aber handle es sich um Einheimische. Richtig umworben wurden diese neun Seelen allerdings dieses Jahr nicht. Als einziger Präsidentschaftskandidat machte sich John Kasich, Gouverneur aus Ohio, auf den (langen) Weg nach Dixville Notch.

Zwei Stimmen für Trump

Für Kasich zahlte sich der Einsatz aus. Er gewann um Punkt Mitternacht in Dixville Notch drei der neun abgegebenen Stimmen. Sein republikanischer Konkurrent Donald Trump erzielte zwei. Der Rest der Wähler entschied sich für den Demokraten Bernie Sanders, der vier Stimmen gewann.

Im konservativeren Millsfield siegte Ted Cruz, Senator aus Texas, mit neun von 17 republikanischen Stimmen. Trump brachte es auf drei. Bei den Demokraten gewann Hillary Clinton zwei Stimmen und Sanders eine Stimme. Als Prognose für den Ausgang der Vorwahl eignen sich diese Resultate aber nicht. Dixville Notch hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder für einen Kandidaten entschieden, der nicht mehrheitsfähig war.

Renzo Ruf, Dixville Notch