Nigeria
Wahl unter dem Terror der Boko Haram

Am Samstag wählt Nigeria einen neuen Präsidenten, nachdem der Urnengang wegen anhaltender Unruhen um sechs Wochen verschoben werden musste. Der einzige ernsthafte Gegner von Präsident Goodluck Jonathan ist Muhammadu Buhari.

Markus Schönherr, Kapstadt
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Wahlwerbung für den Oppositionskandidaten Buhari in einem Slum in Lagos. Sunday Alamba/keystone

Wahlwerbung für den Oppositionskandidaten Buhari in einem Slum in Lagos. Sunday Alamba/keystone

KEYSTONE

Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas, die stärkste Wirtschaft am Kontinent und Machtzentrum der westafrikanischen Region. Dennoch musste es sich jüngst dem Terror beugen, der das aufstrebende Land seit 2009 erschüttert: Am Samstag wählt Nigeria einen neuen Präsidenten, nachdem der Urnengang wegen anhaltender Unruhen um sechs Wochen verschoben werden musste. Zwar konnte die staatliche Armee inzwischen einige Erfolge im Kampf gegen die Terrormilz Boko Haram verbuchen. Doch die Angst vor einem blutigen Wahlwochenende bleibt: Neben dem Terror der Extremisten plagt Nigeria die politische Gewalt.

«Ich bin zuversichtlich, dass wir die besetzten Gebiete innerhalb eines Monats zurückerobern werden», prahlte Nigerias Präsident Goodluck Jonathan in einem Interview mit der britischen BBC. Die Islamisten, denen mehr als 13 000 Menschen zum Opfer fielen, würden «von Tag zu Tag schwächer».

Dutzende Städte zurückerobert

Der Optimismus des 57-Jährigen, der nun auf eine zweite Amtszeit hofft, ist berechtigt – zumindest auf den ersten Blick. Warfen Kritiker seiner Regierung jahrelang vor, die Gefahr der Boko Haram unterschätzt zu haben, so erlebt der Kampf gegen die Extremisten jetzt einen neuen Höhepunkt. In den vergangenen sechs Wochen eroberten Nigerias Streitkräfte Dutzende Städte und Dörfer im umkämpften Norden des Landes zurück. Aus dem Bundesstaat Yobe, wo Boko Haram 2013 bei einer Attacke mehr als 40 Schüler massakrierte, sollen die Fundamentalisten gänzlich vertrieben worden sein. Den plötzlichen Erfolg verdankt Jonathan vor allem einer regionalen Militärallianz, unter der Truppen aus dem Tschad, Niger und Kamerun Nigerias Soldaten unterstützen.

Remi Sonaiya, Präsidentschaftskandidatin in Nigeria «Wir waren lange genug Cheerleader.»

Remi Sonaiya, Präsidentschaftskandidatin in Nigeria «Wir waren lange genug Cheerleader.»

Allerdings sind die Nigerianer geteilter Meinung über den Eroberungsfeldzug. Die einen singen Loblieder auf die Regierung, andere zweifeln. Experten raten, die Erfolgsmeldungen mit Vorsicht zu geniessen: Eroberungen in der Terror-Hochburg, dem äussersten Nordosten des Landes, seien nur schwer nachzuweisen. Während die Armee bereits früher von Rückeroberungen berichtete, die sich später als unwahr herausstellten, hielt sie über andere Städte nur wenige Tage die Kontrolle, ehe sie die Terroristen wieder einnahmen. Erst letzte Woche entführten die Gotteskrieger einen einflussreichen Geistlichen. Bei ihrer Flucht aus der nordöstlichen Stadt Damasak nahmen sie knapp 500 Mädchen und Frauen als Geiseln mit sich.

Viele der knapp 69 Millionen wahlberechtigten Nigerianer werden am Samstag zu Hause bleiben. Zwar versprach die Wahlkommission einen sicheren Urnengang, doch den meisten ist kein Politiker es wert, ihr Leben zu riskieren. Im Süden hat es der Terror bisher nicht geschafft, den Alltag zu überschatten. Dennoch kam es auch hier im Vorfeld der Wahlen zu Ausschreitungen und Gewalt. Im Dezember und Januar verzeichnete die nigerianische Menschenrechtskommission 60 politische Auseinandersetzungen mit 58 Toten. Auch die Wirtschaftshochburg Lagos war betroffen. Bei den Unruhestiftern handelt es sich grösstenteils um arbeitslose Jugendliche, die von den politischen Lagern für ihre Streitarbeit bezahlt werden. Die Furcht ist gross, dass sich die Gewalt von 2011 wiederholt. Damals starben mehr als 1000 Menschen.

Darüber hinaus gilt die Wahl als die umstrittenste seit dem Ende der Militärdiktatur vor 15 Jahren. Amtsinhaber Jonathan muss sich mit seiner People’s Democartic Party (PDP) gegen 13 weitere Kandidaten behaupten. Den einzig ernsthaften Gegner findet er jedoch in dem ehemaligen Militärherrscher Muhammadu Buhari vom All Progressives Congress (APC). Der Armeegeneral hatte sich 1983 an die Macht geputscht und regierte 20 Monate lang mit eiserner Faust. Nach seiner Inhaftierung kehrte er 1999 in die Politik zurück. Nun hat er reelle Chancen, Jonathan aus dem Amt zu heben.

Ein Rezept für den Sieg?

Experten erwarten ein Kopf-an-Kopf-Rennen – zumal Buhari den Wandel anpreist, den Tausende Nigerianer herbeisehnen. «Man kann den Wahlverlauf im Nachhinein bestreiten und das Ergebnis vor Gericht anfechten. Jetzt steht jedenfalls fest, dass der Herausforderer ein Rezept für den Sieg gefunden hat», meint der nigerianische Politologe Sunday Mbah. Buhari versprach, mit dem schwachen Sicherheitssektor und der Vetternwirtschaft aufzuräumen. Doch er gilt als ungeeigneter Kandidat, um die grösste afrikanische Wirtschaftsmacht auf Kurs zu halten. Diesen Erfolg kann hingegen Jonathan für sich verbuchen: Unter ihm wuchs Nigerias Wirtschaft stabil um mindestens vier Prozent. Jonathans Lager wirft Buhari vor, als Muslim mit den Fundamentalisten im Norden zusammenzuarbeiten.

Wenn sich zwei streiten, freut sich hier jedoch kein Dritter: Die weiteren Kandidaten gelten als chancenlos. Dabei wäre die «einzige Garantie für politische Stabilität» eine Frau an der Spitze des Landes. Das meint Remi Sonaiya, die als erste Frau in Nigerias Geschichte in das Präsidentenrennen startet. Sie strebt das höchste Amt an, um in einer von Männern dominierten Politik ein Zeichen zu setzen. «Wir waren lange genug Cheerleader», sagte sie zum Jubel einiger der einflussreichsten Wirtschaftsmagnaten des Landes. In einer patriarchalischen Politkultur hat sie es die letzten Wochen geschafft, eine Debatte anzuregen: 86 Prozent der Nigerianer befürworteten zuletzt, dass eine Frau ins Rennen geht.