WAHLEN: Die Stunde der Narzissten

Emmanuel Macron ist nicht wenig selbstverliebt, keine 40 und bereits Präsident Frankreichs. Auch US-Präsident Donald Trump lobt am liebsten sich selber. Weshalb sind sie auf einmal alle an der Macht?

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Staatsoberhäupter mit Gemeinsamkeiten: Gemälde von König Louis XIV. von Frankreich (1630–1715), der französische Präsident Emmanuel Macron und US-Präsident Donald Trump (von links im Uhrzeigersinn). (Bild: Getty/EPA/AP)

Staatsoberhäupter mit Gemeinsamkeiten: Gemälde von König Louis XIV. von Frankreich (1630–1715), der französische Präsident Emmanuel Macron und US-Präsident Donald Trump (von links im Uhrzeigersinn). (Bild: Getty/EPA/AP)

Der US-amerikanische Historiker Christopher Lasch (84) hat es bereits 1979 gewusst: «In unserer Gesellschaft muss Erfolg durch Publicity bestätigt werden», schrieb er im Buch «Die Kultur des Narzissmus», das 1980 mit dem höchsten amerikanischen Buchpreis, dem National Book Award, ausgezeichnet worden ist.

Insbesondere Politiker seien anfällig für Bauchpinselei. Der Politiker von heute, so Lasch, verwechsle «die erfolgreiche Durchführung einer Aufgabe mit dem Eindruck, den er dabei auf andere macht oder zu machen hofft».

Herrschaft und Narzissmus gehen Hand in Hand

Als erfolgreich gilt demnach, wer die Öffentlichkeit am besten glauben lässt, eine Aufgabe wäre schon erledigt. Von Ex-US-Präsident George W. Bush jr., der kurz nach der Irak-Invasion «Mission accomplished!» ausrief, über seinen Nachfolger Barack Obama, der mit seinem Wahlspruch «Yes, we can» unerfüllbare Hoffnungen weckte, bis zum aktuellen US-Präsidenten Donald Trump, der keine Gelegenheit auslässt, um seine eigene – und Amerikas – absolute Überlegenheit kundzutun, oder jetzt der neue französische Präsident Emmanuel Macron mit seiner Bewegung «En Marche!», der Frankreich revolutionieren will; die Liste der narzisstischen Überheblichkeiten im Dienste der Macht ist fast so gross wie der Wille zur Macht selbst.

Wichtiger als die Frage, ob Trump und Co. Narzissten sind, ist: Warum geben wir solchen Selbstgefälligen immer wieder unsere Stimme und verhelfen ihnen so zur Macht? Die Antwort ist relativ einfach: Wir kennen es eben nicht anders. Die Herrscher der Vergangenheit entstammten meist königlichen Familien, die sich auf Lebenszeit auserkoren sahen, Länder und Völker zu lenken. Spätestens mit dem Beginn der Legitimierung von Herrschaft durch die Kirche – der erste geistlich gekrönte Kaiser war Leo I. (401–474 n. Chr.) – verfestigte sich das Bild des unfehlbaren, von höherer Gnade ernannten, absolutistischen Herrschers. Der König Louis XIV. von Frankreich zugeschriebene Satz: «L’état, c’est moi» («Der Staat bin ich») treibt die herrschaftliche Ichbezogenheit auf die Spitze.

Man könnte meinen, mit der aufklärerischen Idee des modernen Staates wären Fremdbestimmung und Bevormundung der Massen gegen demokratische Selbstbestimmung und vernunftgesteuertes Handeln getauscht worden. Lasch sieht das in seinem Buch allerdings anders: «Die staatlich geregelte Erziehung und Bildung hat, anstatt eine Gemeinschaft mündiger Bürger hervorzubringen, zur Ausbreitung geistiger Stumpfheit und politischer Passivität beigetragen.»

Sicherheit und Kontrolle in krisenhaften Zeiten

Die Schuld für diese Entwicklung gibt Lasch dem Kapitalismus, der für seinen Fortbestand den ewig unzufriedenen, rastlosen, besorgten und gelangweilten Konsumenten brauche. Lasch glaubt, in einer kapitalistischen Gesellschaft könne «die Vernunft der Vergnügungssucht keine Grenzen mehr setzen. Was allein zählt, ist die unmittelbare Befriedigung eines jeden Wunsches, wie pervers, wahnhaft, kriminell oder einfach un­moralisch er sein mag.» Darauf- folgend konstatiert er eine Gesellschaft, «die vom äusseren Schein beherrscht wird», und beklagt den «Verfall der Politik zum Spektakel». Diese Beobachtungen fasst Lasch in einer «Kultur des Narzissmus» zusammen, die sich dadurch auszeichne, dass sie Ichbezogenheit als Selbstverwirklichung und Bewusstsein rechtfertige. Narzissten strahlten Kompetenz und Stärke aus und gäben uns in krisenhaften Zeiten das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Wir fühlten uns geborgen und liessen uns in die ­offensichtliche, aber wärmende Lüge ihrer Worte lullen.

Die Selbstsalbung dieser Wichtigtuer trübe dabei unseren Blick für die Gefahr, die von ihnen ausgehe. Laut Lasch ist der Narzissmus die beste Art und Weise «sich den Spannungen und Ängsten des modernen Lebens gewachsen zu zeigen». Dies habe sich bis heute nicht verändert.

 

Nemanja Novkovic