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WAHLEN FRANKREICH: Verarmung treibt Leute in die Arme Le Pens

In Lothringen stehen die Bergwerke und Hochöfen seit Jahren still. Von diesem Niedergang profitiert einzig Marine Le Pen. Augenschein in Hayange, dem neuen Herrschaftsgebiet des Front National.
Stefan Brändle, Hayange
Oben: Hayange, unten links: Le-Pen-Anhänger in Metz, unten rechts: Bürgermeister Fabian Engelmann. (Bild: AFP/Keystone)

Oben: Hayange, unten links: Le-Pen-Anhänger in Metz, unten rechts: Bürgermeister Fabian Engelmann. (Bild: AFP/Keystone)

Stefan Brändle, Hayange

Es ist erst Morgen, der Tag ist noch lang für Joliane, die auf der Terrasse vor der «Bar du Marché» sitzt und an ihrem grünen Gläschen Weisswein nippt. Sie schaut, wie ihre Freundin geradeaus und schweigt. Nur wenn man sie fragt, wie es hier früher gewesen sei, als die Hochöfen noch in Betrieb ­waren, kommt Leben in die Rentnerin. «Ja, da brannten die Abfackel-Flammen noch meterhoch über den Kaminen, und der Russ wurde hierher geweht. Manchmal legte sich eine winzige schwarze Schicht über Hayange.»

Heute ist der einstige Eisenpott Lothringens wieder sauber. Sauber und leer. Die riesigen Ungetüme der Eisenhütten im Osten des Ortes sind geschlossen und rosten vor sich hin. Lothringen hat seit 1990, als das hiesige Minette-Eisenerz nicht mehr wettbewerbsfähig war, rund 100 000 Arbeitsplätze in der Metallindustrie verloren. Noch heute werden in der Branche jährlich 4 Prozent Stellen abgebaut, mehr als in Frankreich, das als Indus­triestandort auch stark gelitten hat. Im Westen von Hayange werden zwar noch Eisenbahnschienen hergestellt. Seitdem die indische Tata Steel das Werk 2016 an die britische Investmentfirma Greybull verkauft hat, geht dort aber auch die Angst um.

Hollande setzte seine Versprechen nie um

Dafür ist Hayingen, wie der vor hundert Jahren noch deutsche Ort einst hiess, viel sauberer geworden – und das auch aus einem anderen Grund. Neben der «Bar du Marché» droht ein grosses Plakat den Hundehaltern mit 35 Euro Busse, wenn sie den Dreck ihres Vierbeiners liegen lassen. Das ist das Werk von ­Fabien Engelmann, des neuen Bürgermeisters. Der 37-jährige Vertreter des Front National (FN) regiert direkt gegenüber dem Bistro in dem hässlichen Rathaus.

Was Joliane von Engelmann hält, will sie nicht sagen. Den ­Senioren-Bus, den der klein gewachsene Gewerkschafter eingerichtet hat, findet sie aber sehr bequem. Der frühere Bürgermeister, der Sozialist Philippe David, schimpft am Telefon: «Engelmann verhätschelt die Rentner!» Er muss aber zugeben: «Hayange war traditionell links, meist kommunistisch. Die Verarmung und Verelendung treibt sie in die Arme des Front National.» Die Linke, die im roten Industrierevier seit jeher das Sagen hatte, war 2014 ohne weitere Umstände aus dem Rathaus gekippt worden, und vielleicht war sie nicht einmal schuld daran. 2011 hatten in Hayange und dem benach­barten Florange die letzten Hochöfen dichtgemacht. Ein Jahr ­später kamen die beiden Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy und François Hollande vorbei und liessen durchblicken, sie würden die dem indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal gehörenden Öfen wieder zum Brennen bringen. Es blieb bei den Versprechen, und während sich Hollande von dem «Florange-Trauma» nie mehr erholte, wählten die Wähler von Hayange bei den nächsten Lokalwahlen erbost Front National.

Seither hat sich vieles geändert in Hayange. Die städtische Polizei wurde von 7 auf 15 Mann aufgestockt und mit Schäfer­hunden aufgerüstet. Auf dem zentralen Dorfplatz kontrollieren sie gerade eine Gruppe maghrebinischer Jugendlicher. «Recht so», findet an der Bushaltestelle eine Dame in Himmelblau. Auch der Fischhändler Serge schaut über seine Auslage zu. Er erzählt, ein Betrunkener habe die Scheibe seines Geschäftes eingeschlagen. «Auf die Entschädigung der Versicherung warte ich immer noch. Die Arbeitslosen hier er­halten ihr Geld bedeutend schneller», meint der aus Italien zugewanderte Händler, der seit 40 Jahren im Ort Meeresprodukte feilhält. Heute bleiben allerdings die Klienten aus.

Auch Metzger Izzet, seit 33 Jahren am Rathausplatz ansässig, kämpft um seine Existenz. Allerdings nicht aus Kundenmangel. Der beleibte Türke mit den Lachfältchen zeigt eine Busse über 135 Euro. «Der Bürgermeister will uns vertreiben, weil meine Metzgerei halal ist, islamkonform.» Im ersten Stock des Rathauses freut sich Bürger­meister Engelmann: «Die beiden ­Halal-Metzgereien des Ortes ­haben immer weniger Kunden.» Der kleingewachsene Ex-Marxist, der aus seiner Homosexualität keinen Hehl macht und ­ aus der kommunistischen Gewerkschaft CGT gefeuert wurde, als er zu den Frontisten überlief, steht zu seinen antiislamischen Initiativen. Einmal im Jahr ­or­ganisiert er ein «Fest des Schweins», bei dem Wurst und Wein auf dem Menü stehen. Dabei ist «Fabien», wie ihn viele nennen, überzeugter Vegetarier.

Die Versprechen der Marine Le Pen

Tags darauf fährt der Bürgermeister mit einem Car voller Anhänger nach Metz, 30 Kilometer südlich gelegen, wo die Präsidentschaftskandidatin des Front National auftritt. 4000 Anhänger sind ausser sich, wenn Marine Le Pen gegen die «wilde Globalisierung» und deren Inkarnation, die «Finanz-EU», wettert. Eine Politik gegen die De-Industrialisierung Lothringens hat sie auch nicht anzubieten. Trotzdem lässt sie Hollande gnadenlos aus­buhen. Und sie gibt sich noch ­sozialer als der Sozialist, will das Rentenalter von 62 auf 60 Jahre senken und dafür neue Sozial­hilfen und staatliche «Kaufkraftprämien» schaffen.

Die in den Umfragen führende Kandidatin erklärt weiter, Frankreich müsse aus dem Euro aussteigen und den Franc abwerten, um wieder eine Exportnation zu werden. Kein Wort davon, dass dies alle Importe verteuern würde – zumal Le Pen diese ­massiv besteuern will. Getroffen würden zuerst die einfachsten Franzosen, darunter viele Front-National-Wähler. Leute wie Jolaine, die nicht nach Metz gefahren ist. ­Warum auch – die Flammen der Hochöfen hätte dies auch nicht mehr zum Leben erweckt.

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