WAHLKAMPF: Fillon beklagt «politischen Mord»

Gegen Frankreichs konservativen Präsidentschaftskandidaten François Fillon wird offiziell wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder ermittelt. Doch der einstige Favorit will nicht aufgeben, obwohl seine Umfragewerte sinken.

Stefan Brändle, Paris
Drucken
Teilen
Der konservative Kandidat François Fillon (2. v. l.) wird nach einer Pressekonferenz von Reportern befragt. Bild: Yoan Valat/EPA (Paris, 1. März 2017)

Der konservative Kandidat François Fillon (2. v. l.) wird nach einer Pressekonferenz von Reportern befragt. Bild: Yoan Valat/EPA (Paris, 1. März 2017)

Stefan Brändle, Paris

Es sind selbstbewusste Worte eines geschwächten Kandidaten: Die Ermittlungen der französischen Justiz wegen der Scheinbeschäftigung seiner Frau Penelope seien «politischer Mord», erklärte Fillon gestern bei einem Presseauftritt in Paris. Der 62-Jährige gab bekannt, dass er «mit Blick auf eine Verfahrenseröffnung» eine richterliche Vorladung für den 15. März erhalten habe. Es sei kein Zufall, dass dieser Termin zwei Tage vor der Kandidatur-Eingabefrist für die Präsidentschaftswahl angesetzt sei, so ­Fillon. Immerhin will er der Vorladung Folge leisten – während seine rechtsextreme Rivalin Marine Le Pen in einer ähnlich gelagerten Affäre im EU-Parlament jede Einvernahme verweigert.

«Nicht die Justiz, nur eine Urnenabstimmung kann darüber entscheiden, wer nächster Präsident Frankreichs wird», rief ­Fillon aus, um klarzumachen: «Ich werde nicht weichen, ich werde nicht aufgeben, ich werde mich nicht zurückziehen.»

Spekulationen über Kandidatur-Rückzug

Das Problem an dem Auftritt war, dass die markigen Worte «seltsam leer» klangen, wie ein anwesender Pariser Journalist meinte. In den Stunden zuvor war in Paris nur darüber spekuliert worden, ob Fillon seine Kandidatur zurückziehen werde. Am frühen Morgen hatte er einen sehr rituellen Besuch an der Landwirtschaftsmesse zur Überraschung seiner eigenen Berater abgesagt und eine Presseerklärung angekündigt. Zahllose Medienvertreter drängten sich darauf in Fillons Hauptquartier, um die neuste Wendung im «Penelope-Gate» mitzukriegen. Als Fillon eine halbe Stunde auf sich warten liess, spekulierten sie, ob die Gattin des Kandidaten vielleicht doch in Polizeigewahrsam sei, wie es am Morgen – irrtümlich – geheissen hatte. Fillons Berater taten, als wüssten sie Bescheid; in Wahrheit zitterten auch sie ob der Rücktrittsgerüchte.

So geht es in Paris nun seit Wochen: Fillon, der die Präsidentschaftswahl im Mai in der Tasche glaubte, muss sich allein mit seiner Veruntreuungsaffäre herumschlagen. Sein politisches Programm ist kein Thema mehr. Vermutlich wird Fillon die riesige Agrarmesse in Paris, an der das ländliche Frankreich seinen ­Jahresauftritt in der schicken Hauptstadt zelebriert, in den kommenden Tagen besuchen. Seine gestrige Absenz fiel aber schon negativ auf.

Le Pen in Umfragen vor Fillon

Marine Le Pen hatte sich am Vortag von Bauern applaudieren lassen: Deren 35 Prozent wollen der Front-National-Chefin laut Umfragen die Stimmen geben, erstmals mehr als den Konservativen. In anderen Erhebungen erhält Fillon bloss noch 20 Prozent der Stimmen; damit müsste er den Einzug in die Stichwahl Le Pen (25 Prozent) und Emmanuel Macron (24 Prozent) überlassen.

Auch juristisch verstrickt ­Fillon sich in Widersprüche. Im Januar hatte er noch verlangt, dass die Finanzstaatsanwaltschaft so rasch wie möglich handle; jetzt macht er ihr dies selber zum Vorwurf. Nach den ersten Enthüllungen hatte er erklärt, er werde zurücktreten, wenn ein Strafverfahren gegen ihn gestartet werde; gestern meinte er dramatisierend, er werde «bis ans Ende gehen». Gestern trat nun der prominente Ex-Minister Bruno Le Maire aus Fillons Wahlkampfteam zurück, die Zentrumspartei UDI «suspendierte» gestern Abend ihre Unterstützung für Fillon. Viele Politologen glauben nicht, dass Fillon bis zum ersten Wahlgang von Ende April durchhalten wird. Ein konservativer Alternativkandidat ist aber nicht in Sicht.