USA

Wahlkampf: Wie gross ist die Wut auf die Elite?

Endspurt für die republikanischen Präsidentschaftskandidaten mit drei Favoriten

Renzo Ruf, Burlington (Iowa)
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Die letzten Wahlversammlungen gehen am Wochenende in Iowa über die Bühne. Am Montag beginnen die Vorwahlen für die US-Präsidentenwahl im November. ap/keystone

Die letzten Wahlversammlungen gehen am Wochenende in Iowa über die Bühne. Am Montag beginnen die Vorwahlen für die US-Präsidentenwahl im November. ap/keystone

KEYSTONE

Marco Rubio hält kurz inne und schaut etwas ratlos in die Menge. «Heute ist Freitag, oder?», fragt der 44-jährige Senator aus Florida die 150 Anwesenden. Einige Menschen im schmucklosen Versammlungsraum in einem Hotel in Burlington (Iowa) nicken. Dann fasst sich der republikanische Präsidentschaftskandidat, der seit Tagen atemlos durch den wichtigen Vorwahl-Staat tingelt, und er sagt den Anwesenden: «In drei Tagen haben Sie die Ehre, als erste Amerikaner die Antwort auf eine äusserst wichtige Frage zu liefern: Wer folgt auf Präsident Obama?»

Kommen die Trump-Anhänger?

So klingt es derzeit in Burlington, Des Moines, Sioux City, Cedar Rapids und anderen Kleinstädten in Iowa, in Restaurants, Konferenzräumen, in Scheunen und in Schulhäusern: Die zwölf Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei befinden sich im Endspurt vor den Wahlversammlungen (Caucuses). Am Montag beginnt, nach einem monatelangen Vorlauf, die Vorwahl-Saison. Und selbst eingefleischte Politbeobachter haben keine Ahnung, wer aus dem ersten Wettbewerb in Iowa als Sieger hervorgehen wird.

Die grosse Unbekannte: Werden die Anhänger des New Yorker Baulöwen Donald Trump (69) auch tatsächlich in den Wahlversammlungen auftauchen? Seit dem Spätsommer dominiert der Neo-Politiker die Meinungsumfragen, und nach einem kurzen Taucher befindet er sich nun auch in Iowa wieder an der Spitze. Mit dafür verantwortlich seine Öffentlichkeitsarbeit, mit der er seine Konkurrenten immer wieder in den Schatten stellt.

Rentner-Revolutionär erobert Iowa

Bernie Sanders lässt sich nicht aus dem Konzept bringen, auch nicht von einer 17-Jährigen. Diese Woche hielt eine kritische Zeitgenossin dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten vor, es gebe keine wissenschaftlichen Beweise für den Klimawandel. «Danke für Ihre Frage», antwortete der 74-jährige Senator aus Vermont wie aus dem Kanonenrohr geschossen. «Sie irren sich.» Dann hob er zu einer emotionalen Rede an, wie immer wild gestikulierend, und irgendwie gelang es ihm dabei auch, der Fragestellerin zu danken.
Kaum Charisma? Na und!
Dieser Wortwechsel verdeutlicht, warum es dem selbst ernannten demokratischen Sozialisten aus dem kleinen Ostküstenstaat gelungen ist, das Rennen um die Nomination zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten aufzumischen: Er ist authentisch und sagt, was er denkt – auch wenn er aufgrund seines links-populistischen Gedankenguts Gefahr läuft, auf Widerspruch zu stossen. Dass Sanders dabei nicht unbedingt vor Charisma sprüht, scheint niemanden zu stören. Nun steht der Berufspolitiker vor dem grössten Triumph seiner Karriere: Am Montag könnte es ihm gelingen, in den Wahlversammlungen der Demokraten am meisten Stimmen zu gewinnen.
Noch aber gibt sich die politische Gegnerin des Senators nicht geschlagen. Zusammen mit ihrem Gatten Bill und ihrer Tochter Chelsea reist Hillary Clinton in den letzten Tagen vor den Caucuses kreuz und quer durch Iowa, um die Wählerinnen und Wähler von ihren Qualitäten zu überzeugen. Sie präsentiert sich dabei als natürliche Erbin von Amtsinhaber Barack Obama, dem sie vier Jahre als Aussenministerin diente. Sie kritisiert die Agenda Sanders als eine Ansammlung von politischen Luftschlössern. So will der Senator das Gesundheitswesen verstaatlichen und dafür die Steuern erhöhen.
Sanders hat deshalb eines seiner Versprechen gebrochen. Diese Woche lancierte er in Iowa einen TV-Werbespot, in dem er Clinton (mehr oder weniger direkt) attackierte. Das Thema des 30 Sekunden langen Filmchens: Der unziemliche Einfluss, den die grossen Wall-Street-Banken auf den politischen Betrieb in Washington hätten. Der normalsterbliche Amerikaner habe in diesem abgekarteten Spiel keine Chance. Ungesagt blieb, dass zahlreiche Grossbanken zu den Gönnern Clintons gehören: So bezahlte ihr Goldman Sachs im Jahr 2013 pro Rede 250 000 Dollar. Senator Sanders verspricht eine «politische Revolution», die diese Vetternwirtschaft beenden werde.
Seine Chancen stehen in Iowa nicht schlecht: 43 Prozent der Demokraten hier bezeichnen sich als Sozialisten.

So entschied sich Trump diese Woche, die letzte Fernsehdebatte der Republikaner vor den Caucuses zu boykottieren. Er fühlte sich durch den Nachrichtensender Fox News Channel schlecht behandelt, und liess ich auch nach einer Intervention von Fox-Chef Roger Ailes nicht umstimmen. Stattdessen organisierte er in Des Moines kurzerhand eine Spendengala für Kriegsveteranen.

Während der Rest des Feldes vor den Fernsehkameras erbittert über Einwanderungsfragen, die Strategie im Krieg gegen die Terror-Rebellen des Islamischen Staates und über eine moderne Landwirtschaftspolitik stritt, hielt Trump vor 700 Gästen eine Lobrede auf die amerikanischen Streitkräfte. «Wir brauchen ein starkes Militär», sagte er und erhielt dafür tosenden Applaus. Und weil er nicht kleinlich erscheinen wollte, spendete der Multi-milliardär eine Million Dollar für eine gemeinnützige Veteranen-Organisation. Stolz verkündete sein Wahlkampfstab später, dass Trump an diesem Abend sechs Millionen Dollar sammelte.

Derweil gerieten sich am anderen Ende von Des Moines Marco Rubio, 44-jähriger Senator aus Florida, und Ted Cruz, 45 Jahre alt und texanischer Senator, mächtig in die Haare. Rubio und Cruz gelten gemeinhin als Profiteure, sollten Trumps Anhänger sich im letzten Moment dazu entscheiden, zu Hause zu bleiben. Die beiden Parlamentarier allerdings sprechen ein unterschiedliches Wählersegment an.

Establishment versus Wut-Kandidat

Rubio entspricht dem traditionellen Profil eines republikanischen Präsidentschaftskandidaten: fiskalpolitisch konservativ, religiös und ein sicherheitspolitischer Falke. Weil die Parteielite aber derzeit kein allzu grosses Ansehen geniesst, übt sich der Senator im Spagat. Er verstehe, warum die amerikanische Bevölkerung wütend auf die politischen Funktionäre sei, sagt er. «Ärger allein aber ist kein Programm.» Er sei der einzige Kandidat, der die Republikanische Partei einigen könne, weil er beide Seiten verstehe, sagt Rubio.

Da hat er vielleicht gar nicht so unrecht. Denn Cruz macht aus seiner Abscheu gegenüber dem Parteiestablishment keinen Hehl. Er sagt während seiner Wahlkampfauftritte, eines seiner Ziele sei es, «das Washingtoner Kartell» zu zerschlagen – als sei der nationale Politbetrieb in der amerikanischen Hauptstadt eine kriminelle Vereinigung. Dafür erhält der scharfzüngige Senator warmen Applaus von seinen Anhängern; in Washington aber wird er, selbst von Parteifreunden, gehasst. «Ich schwenke zwischen Cruz und Rubio», sagt Teresa Woodford, eine Mittfünfzigerin aus Des Moines. «Rubio hat mehr Charisma. Er gefällt mir. Cruz aber lässt sich nicht verbiegen.»