Flüchtlingkrise
Wann kippt bei den Schweden die Stimmung?

In Schweden wächst die Angst vor Rechtsextremismus und die Erkenntnis, dass das Land mit der grosszügigen Aufnahme von Flüchtlingen an seine Grenzen stösst.

Niels Anner, Kopenhagen
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Flüchtling im Bus wartet auf seinen Transfer.

Flüchtling im Bus wartet auf seinen Transfer.

Keystone

Die Reise endet in Deutschland. Oder in Schweden. Denn dorthin wollen die meisten Flüchtlinge, die ihren Weg via Balkanstaaten gewählt haben. Noch vor den Deutschen hatten die Schweden eine Willkommenskultur etabliert, die in Europa ihresgleichen sucht.

Doch mit wöchentlich mehr als 9000 Flüchtlingen, die ins Land kommen, wächst nun auch unter den offenherzigen Skandinaviern die Anspannung. Das zeigte der Anschlag eines 21-Jährigen von letzter Woche. In der Stadt Trollhättan tötete er mit einem Schwert eine Lehrperson und einen Schüler; zwei weitere Personen verletzte er, ehe die Polizei ihn erschoss.

Attacken auf Schulen hatte es in Schweden mindestens 50 Jahre lang nicht gegeben. Doch Rassenhass und der Umgang mit Ausländern ist nun im ganzen Land ein hoch brennendes Thema geworden.

Denn der Täter hatte seine Opfer gezielt nach Hautfarbe ausgesucht, in einem Abschiedsbrief beklagte er sich über zu viele Einwanderer und im Internet hatte er Nazi-Sympathien offenbart.

Mangel an Unterkünften

Nach langem Zögern hat auch die Regierung erkannt, dass ein enormer Behördeneinsatz und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung nicht mehr ausreichen. Sie beschloss einige Verschärfungen der grosszügigen Asylpolitik und hat zum wiederholten Mal an die anderen EU-Länder appelliert, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Die Tat in Trollhättan schreckt die Schweden auf, weil sie Erinnerungen an den norwegischen Rechtsextremen Anders Behring Breivik weckt – auch wenn sein Massaker an Jugendliche im Sommerlager eine Tat viel grösseren Ausmasses war.

Allein in der vergangenen Woche brannten in Schweden ein halbes Dutzend leer stehende, als Asylunterkünfte vorgesehene Häuser; die Polizei geht in allen Fällen von Brandstiftung aus. In den letzten Jahren gab es mehrfach Übergriffe rechtsradikaler Gruppierungen, doch eine Ausweitung stellen Experten nicht fest.

Hingegen hetzten mehrere Websites offen gegen Ausländer, und Gruppen wie die «Partei der Schweden» verbreiten rassistische Parolen im Internet, loben Hitler und Goebbels und stellen die parlamentarische Demokratie infrage.

Politisch viel bedeutender sind die rechtsnationalen Schwedendemokraten (SD). Die Partei erzielte bei der letzten Parlamentswahl 12 Prozent Wähleranteil und kommt jetzt in Umfragen bereits auf 20. Ihren Ursprung hat sie in Neonazi-Bewegungen, versuchte aber in den letzten Jahren, ein sauberes Image aufzubauen; immer wieder werden Mitglieder nach rassistischen Äusserungen ausgeschlossen.

Als einzige Partei bekämpft die SD die liberale Flüchtlingspolitik. Sie tut dies polternd und mit radikalen, kaum je konstruktiven Vorschlägen. Deshalb wird die SD von den anderen Parteien boykottiert, erreicht im Parlament kaum etwas und droht, andere Wege zu finden.

Die SD soll auch diverse rechtsgerichtete Internetseiten finanzieren. Noch weiter ging die südschwedische Sektion der Partei: Sie publizierte eine Liste mit den Adressen von geplanten Asylunterkünften.