Politische Hintergründe
Warum der Anschlag von St. Petersburg Putin hilft

Massenproteste in mehreren russischen Städten und der Bombenanschlag auf die U-Bahn in St. Petersburg: In Russland gärt es. So hat sich Wladimir Putin seine Wiederwahl im kommenden Jahr wohl nicht vorgestellt.

Dagmar Heuberger
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Der russische Präsident Wladimir Putin legt am Ort des Anschlags in seiner Heimatstadt St. Petersburg Blumen nieder.

Der russische Präsident Wladimir Putin legt am Ort des Anschlags in seiner Heimatstadt St. Petersburg Blumen nieder.

KEYSTONE

Präsidentschaftswahl in Frankreich im Frühling, Bundestagswahl in Deutschland im Herbst, Brexit und die Herausforderung Donald Trump: Für Europa gilt 2017 als Schicksalsjahr. Für Russland könnte 2018 zum Schicksalsjahr werden. Dann wird dort der Präsident gewählt und es gibt keinen Zweifel, dass Wladimir Putin sich im Amt bestätigten lassen wird.
Zwar hat der Kreml-Chef seine erneute Kandidatur noch nicht erklärt.

Doch Putin kann gar nicht anders, als erneut anzutreten. Nicht nur, weil er sich als «Retter Russlands» sieht, das er zu alter Grösse führen will. Sondern auch, weil sein eigenes Schicksal untrennbar mit seinem Amt verbunden ist. Seit seinem Aufstieg an die Macht im Jahr 2000 hat er sich so viele Feinde gemacht, so viele Gesetze gebrochen, dass der heute 64-Jährige es sich schlicht nicht leisten kann, sich zur Ruhe zu setzen.

Also hat der Kreml im vergangenen Monat die «Operation Wiederwahl 2018» in Gang gesetzt: Obwohl laut Gesetz der Wahltag am 11. März wäre, wurde das Datum um eine Woche auf den 18. März 2018 verschoben. Das Datum hat grosse symbolische Bedeutung: Es ist der vierte Jahrestag der völkerrechtswidrigen Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim. Die «Heldentat» hatte Putin 2014 Zustimmungswerte von bis zu 85 Prozent beschert. Das soll im kommenden Jahr wiederholt werden: «Die Wahl wird nicht nur eine Abstimmung für und gegen Putin sein. Es wir eine Abstimmung für oder gegen die Heimkehr der Krim sein», schrieb die Zeitung «Moskowski Komsomolez».

Die beschädigte U-Bahn in der Metro-Station Technologisches Institut.
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Die Sennaya Square Metro-Station: Zwischen dieser und einer weiteren Station kam es zur Explosion. Im Bild eine Ambulanz. (Video-Screenshot)
Dieser Video-Screenshot zeigt einen Polizei-Offizier (links) und Zivilisten in der Metro-Station Technologisches Institut nach der Explosion.
Bombenexplosion in U-Bahn von St. Petersburg
Momentaufnahme in der Metro-Station Technologisches Institut.
Feuerwehrmänner eilen zum Tatort in der Metro-Station Technologisches Institut.
Schockierte Zivilisten an der Metro-Station Technologisches Institut telefonieren mit Angehörigen oder Freunden.
Verletzte werden bei der Metro-Station Technologisches Institut zu Ambulanzen transportiert.
Sadovaya Square nach der Explosion.
Sadovaya Square nach der Explosion. Menschen tragen eine verletzte Person weg.
Ein Rettungshelikopter landet bei der Metro-Station Technologisches Institut.
Eines der verletzten Explosionsopfer an der Metro-Station Technologisches Institut.

Die beschädigte U-Bahn in der Metro-Station Technologisches Institut.

AP

Die «Generation Putin» begehrt auf

Doch mit der patriotischen Begeisterung für Putins «Grosstat» scheint es nicht mehr so weit her zu sein. Denn plötzlich regt sich Widerstand. Erstmals seit fünf Jahren gingen an den beiden vergangenen Wochenenden Zehntausende gegen Korruption und die herrschende Elite auf die Strasse. Und: Es ist vor allem die Jugend, die aufbegehrt. Jene Jugendlichen um
die 20, in deren politischem Bewusstsein es keinen anderen Präsidenten als Wladimir Putin gibt und die deshalb «Generation Putin» genannt werden.

Entzündet hatte sich der Protest der «Generation Putin» an einem mittlerweile millionenfach geklickten Youtube-Video, in dem der Kreml-Kritiker und potenzielle Präsidentschaftskandidat Alexej Nawalny den Luxus und die Verschwendung von Putins Premierminister Dmitri Medwedew dokumentiert. Die Demonstrationen haben den Kreml überrascht und tüchtig aufgeschreckt. Bislang hatte er auf die Apathie der Bevölkerung gesetzt. Vor allem auf eine dank Propaganda im Fernsehen und an den Schulen unkritische, unpolitische und gefügige Jugend. Doch auch in Russland schauen die Jungen nicht mehr Fernsehen, sondern informieren, kommunizieren und organisieren sich im Internet. Statt vor den Mächtigen Angst zu haben, machen sie sich über sie lustig. Denn viele dürften noch zu jung sein, um sich an die Proteste von 2011/12 gegen die gefälschte Duma- und Präsidentschaftswahl zu erinnern, und sie wissen nicht, welche Folgen solche Proteste in Russland haben können.

Präsident Wladimir Putin legt ausserhalb der U-Bahn-Station Technologisches Institut Blumen nieder.
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Trauer in St. Petersburg
Auch viele andere Menschen besuchten den Ort.
Zwei Frauen in Trauer.
Das Bestürzen ist gross.
14 Menschen verloren beim Metro-Anschlag ihr Leben.
Dutzende wurden verletzt.

Präsident Wladimir Putin legt ausserhalb der U-Bahn-Station Technologisches Institut Blumen nieder.

MIKHAIL KLIMENTYEV/SPUTNIK/KREMLIN POOL / POOL

So passiert nun genau das, was Putin immer verhindern wollte: Die Menschen wagen es, ihre Unzufriedenheit, ihren Ärger und Frust öffentlich zu machen. Nicht von ungefähr mahnte der Kreml-Chef in der vergangenen Woche: «Proteste sind das Werkzeug des Arabischen Frühlings. Wir wissen ja, wohin das geführt hat. Sie waren auch der Vorwand für den Staatsstreich in der Ukraine, der das Land ins Chaos gestürzt hat.»

Der «perfekte Zeitpunkt»

Chaos, Kontrollverlust, gar eine revolutionäre Grundstimmung fürchtet Putin am meisten. Es mag zynisch klingen, aber aus dieser Perspektive kommt ihm die Tragödie von St. Petersburg gerade recht. Denn sie gibt ihm die Chance, den Anschlag für seine Zwecke zu nützen und sein Image als starker Mann, der für die Sicherheit seines Volkes sorgt, aufzupolieren. So sieht es zum Beispiel der Kreml-Kritiker und Ex-Schachweltmeister Garry Kasparow. «Einmal mehr haben ‹unbekannte Terroristen› es geschafft, zum perfekten Zeitpunkt Putins politischer Agenda zu dienen», twitterte er, unmittelbar nachdem die Bombe in der U-Bahn explodiert war.

Zudem dürfte es dem Kreml jetzt noch leichter fallen, die aufkeimenden Proteste unter dem Vorwand der Sicherheit und des Kampfes gegen den Terrorismus zu ersticken.
Doch die Tragödie von St. Petersburg nährt einen noch viel ungeheuerlicheren Verdacht. Sie erinnert nämlich an die Terrorserie von 1999. Damals wurde Russland von einer ganzen Serie von Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser heimgesucht; mehr als 300 Menschen starben. Putin – zuvor Direktor des Inlandgeheimdienstes FSB – war soeben Ministerpräsident geworden. Die Anschläge wurden tschetschenischen Separatisten zugeschrieben, was letztlich den zweiten Tschetschenienkrieg auslöste. Gleichzeitig gelang es dem bislang eher unbekannten Putin, sich zum Hoffnungsträger im Kampf gegen den Terror emporzustilisieren. Das sicherte ihm im Folgejahr die Wahl zum Präsidenten. Zugleich gab es Spekulationen, dass
in Wirklichkeit der Geheimdienst hinter den Anschlägen stecke. Der Bombenterror von 1999 wurde nie aufgeklärt.

Sollte sich die Geschichte jetzt wiederholen?