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Drama im Glamour-Clan: Warum die Schwester von Boris Johnson ins EU-Parlament will

Die Schwester von Brexit-Befürworter und Ex-Aussenminister Boris Johnson will ins EU-Parlament – und den Brexit verhindern.
Sebastian Borger, London
Kandidiert für die neue Partei Change UK: Rachel Johnson. (Chris J. Ratcliffe/Getty, London 30. April 2019)

Kandidiert für die neue Partei Change UK: Rachel Johnson. (Chris J. Ratcliffe/Getty, London 30. April 2019)

Am besten, glaubt Ivo Dawnay, vergleicht man Treffen von Grossbritanniens politischem Glamour-Clan mit «einem Rudel junger Golden Retrievers: Sie machen viel Lärm, springen überall herum und wischen beim Schwanz­wedeln empfindliche Objekte vom Tisch.» Das schöne Bonmot beschreibt jene Mischung aus Faszination und Grauen, mit der die Briten die Karrieren der Geschwister Johnson verfolgen. In den Mittelpunkt hat sich dieser Tage die Journalistin Rachel (53) geschoben, mit der Dawnay seit über 25 Jahren verheiratet ist. Sie kandidiert für die neue Partei Change UK und will dadurch den Brexit verhindern, weil dieser «die Zukunftschancen junger Leute ruiniert». Und nein, ihre Kandidatur stelle keinen Angriff auf ihren älteren Bruder dar.

Das glaubt keiner. Schliesslich ist Alexander Boris Johnson, von der Familie «Al», vom Rest der Welt stets nur Boris genannt, nicht nur aussichtsreichster Kandidat auf die Nachfolge von Theresa May als konservativer Premierminister. Der 54-jährige einstige Londoner Bürgermeister und Ex-Aussenminister trat auch als einziger im Johnson-Clan für den Brexit ein.

Sie habe sich «hingesetzt und geweint», berichtete Rachel am Morgen nach der verlorenen Volksabstimmung. Seither arbeitet sie sich ab am Bruder, der an jenem Junitag selbst aussah, als wolle er am liebsten ein paar Tränen verlieren. Politiker, findet Rachel, «sollten niemals der Öffentlichkeit eine Frage stellen, auf die sie keine Antwort wissen».

Einzug ins Unterhaus verwehrt

Das Drama zwischen dem Möchtegern-Premierminister und der Möchtegern-Europaparlamentarierin entzückt die Medien auf der Insel. Es handelt sich um die Wiederauflage eines Konflikts, den es im Vorfeld der Unterhauswahl 2017 schon einmal gab. Damals trat Rachel für die EU-freundlichen Liberaldemokraten an; ein Wahlerfolg hätte erstmals in der britischen Geschichte ein Geschwistertrio im Parlament zur Folge gehabt: Der jüngste Bruder Joseph (47) vertritt dort seit neun Jahren einen Südlondoner Wahlkreis, Boris hat bereits elf Parlamentsjahre auf dem Buckel. Nur Leo, die Nummer drei, hält sich aus der Politik heraus und arbeitet als Wirtschaftsprüfer.

Rachel blieb der Einzug ins Unterhaus verwehrt. Nun will sie die Familientradition im Europaparlament fortsetzen: Vor vierzig Jahren gehörte Vater Stanley – Abkömmling der französischen Adelsfamilie de Pfeffel, einer illegitimen Tochter des Prinzen Paul von Württemberg sowie eines 1922 ermordeten türkischen Dichters, kurzum: ein Europäer par excel­lence – zu den ersten direkt gewählten Abgeordneten, die für die Torys nach Brüssel zogen. Gelebt hatte er dort mit seiner Künstler-Frau und den vier Kindern schon zuvor, nämlich als Beamter für die Kommission in den Jahren nach Grossbritanniens Beitritt zur EWG 1973.

Seither hat sich Stanley (78) als Öko-Aktivist und Buchautor einen Namen gemacht. Vor zwei Jahren beschrieb er in der Politsatire «Kompromat» eine Figur, die seinem Ältesten aufs Haar gleicht: Am Ende des Buches steht der frühere Londoner Bürgermeister und Aussenminister Harry Stokes kurz davor, mit russischer Hilfe die Premierministerin Mabel Killick zu ersetzen. Nach der Qualität des Machwerks gefragt, teilte der derart Verunglimpfte mit todernster Miene mit, das Buch sei so gut, «dass ich nicht einmal dagegen klagen werde».

Im Schatten des Brexit-Marktschreiers Boris hat dessen Bruder Joseph geräuschlos mehrere Jahre als Staatssekretär gedient, ehe auch er gegen die Premierministerin rebellierte, aber aus anderem Grund als der Bruder. Wie Rachel will nämlich auch Joseph den EU-Austritt verhindern, den Stanley neuerdings für unausweichlich hält, genau wie Boris. Treffen der Familie Johnson werden, so viel steht fest, auch in Zukunft spannend sein.

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