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Warum im Fall der vermissten Madeleine McCann plötzlich die Zeit drängt

Einer der spektakulärsten Kriminalfälle Europas könnte doch noch aufgeklärt werden: Im Fall der seit 2007 vermissten Madeleine McCann ist ein mehrfach vorbestrafter Deutscher tatverdächtig. Noch fehlt der letzte Beweis, dass er der Täter ist.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Kate und Gerry McCann zeigen während einer Pressekonferenz im Jahr 2007 mit einem Bild ihrer verschwundenen Tochter Madeleine (Maddie).

Kate und Gerry McCann zeigen während einer Pressekonferenz im Jahr 2007 mit einem Bild ihrer verschwundenen Tochter Madeleine (Maddie).

Keystone

Einer der rätselhaftesten Vermisstenfälle Europas steht möglicherweise kurz vor der Aufklärung: Der 43-jährige Deutsche Christian B., seit seiner Jugend zwischen Freiheit und Knast pendelnd, wird dringend verdächtigt, hinter dem Verschwinden der wohl bekanntesten Dreijährigen Europas, Madeleine McCann, zu stecken.

Seit dem späten Abend des 3. Mai 2007 fehlt von der damals Dreijährigen jede Spur. Das Mädchen war aus einem Ferienappartement an der portugiesischen Algarve-Küste verschwunden. Bis heute fehlt von dem Mädchen jede Spur.

Der Fall «Maddie» drohte bereits in einem Aktenordner als «Cold Case», als ungelöstes Verbrechen, zu verschwinden. Doch wie sich nun zeigt, hatten die Behörden Christian B. schon länger im Visier. Zum ersten Mal soll der Name des Mannes, dessen Vorstrafenregister 17 Einträge umfasst, darunter sexuelle Nötigung von Kindern, Kinderpornographie, Körperverletzung und Vergewaltigung, im Zusammenhang mit dem Fall McCann vor sieben Jahren gefallen sein.

Nun gingen die Behörden mit neuen Indizien in die Offensive. Die Ermittler präsentierten am Mittwoch vor einer Woche in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY ungelöst» ihre neue Spur, die zu dem deutschen Kriminellen führt.

Jetzt muss es schnell gehen

Dass die überraschende Wendung in dem Vermisstenfall gerade jetzt von den Ermittlern publik gemacht wird, hat einen Hintergrund: Obwohl Christian B. derzeit wegen eines anderen Delikts in Kiel in Haft sitzt, drängt die Zeit.

Der Appartement-Komplex in Praia da Luz, Portugal, aus dem Maddie verschwand.

Der Appartement-Komplex in Praia da Luz, Portugal, aus dem Maddie verschwand.

Armando Franca / AP

Vorigen Sonntag hatte der 43-Jährige mit der zerrütteten Biographie, der zwischen 1995 und 2007 hauptsächlich an der Küste der portugiesischen Algarve ein Auskommen durch Gelegenheitsjobs, Rauschgiftgeschäfte und Einbruchdiebstähle in Ferienwohnungen und Hotelanlagen fand, diese Strafe zu zwei Dritteln verbüsst. Ein Haftrichter hätte den notorischen Kriminellen theoretisch dann auf freien Fuss setzen können.

Indem Christian B. mit einem der spektakulärsten und rätselhaftesten Vermisstenfälle Europas in Verbindung gebracht wurde, ist eine vorzeitige Entlassung vom Tisch. Die Ermittler haben Zeit gewonnen. Doch unbegrenzt ist diese nicht. Irgendwann hat Christian B. seine Strafe verbüsst.

Es fehlt der Beweis

Es fehlt den Behörden dieser letzte Beweis, die «Smoking Gun», welche die Tat zweifelsfrei dem aus Würzburg stammenden Mann zurechnen lässt. B. war zur Tatzeit mit einem Mobiltelefon ins Netz des Ferienressorts eingeloggt, aus dem Madeleine verschwand. Doch als Beweis taugt dieser Umstand alleine nicht.

«Was wir bis jetzt haben, reicht nicht, um Anklage zu erheben», sagt ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Braunschweig in der «Süddeutschen Zeitung». Der international koordinierte Aufruf, der auch in Portugal und Grossbritannien erfolgt war, könnte weitere Opfer, Zeugen und Mitwisser dazu bringen, sich bei der Polizei zu melden.

72-Jährige vergewaltigt und ausgeraubt

Christian B. sitzt hinter Schloss und Riegel, der Zeitpunkt, um über ihn auszupacken, war kaum je grösser als jetzt. Inzwischen wurde bekannt, dass B. nur eineinhalb Jahre vor dem Verschwinden von Madeleine im gleichen Ferienort Praia da Luz eine damals 72-jährige US-Amerikanerin in deren Ferienhaus brutal vergewaltigt und ausgeraubt hatte. Ein Gericht hat ihn für die Tat verurteilt, Christian B. bestreitet die Vorwürfe, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Die Ermittler prüfen inzwischen auch, ob Christian B mit dem Verschwinden weiterer Kinder in Portugal und Deutschland zu tun hat, drunter eine Fünfjährige, die 2015 in Sachsen-Anhalt spurlos verschwunden war.

Der britische Guardian berichtet ausserdem über eine Irin, die 2004 als damals 20-Jährige in ihrem Hotelzimmer im Süden Portugals in ihrem Appartement von einem maskierten Mann vergewaltigt worden war. Sie erkannte trotz Maske die blonden Haare und die stechend blauen Augen bei ihrem Peiniger - eine Beschreibung, die auf Christian B zutrifft.

Die Eltern galten lange als Verdächtige

Die Suche nach der vermissten Madeleine soll bislang 13 Millionen Euro gekostet haben. Alleine in Praia da Luz wurden 60000 Quadratmeter Land durchkämmt, die DNA von 60 Verdächtigen und 650 Sexualstraftätern wurden abgeglichen. Wochenlang gerieten die Eltern Kate und Gerry McCann, ein britisches Ärztepaar, selbst ins Visier der portugiesischen Behörden.

Der damalige Chefermittler war sich sicher, dass Madeleine bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen war und die Entführungsgeschichte erfunden war, um ein Fehlverhalten der Eltern zu kaschieren. Nie haben die Eltern aufgehört, nach ihrer Tochter zu suchen.

Möglicherweise wird Maddies mysteriöses Verschwinden nun aufgeklärt. Würde sie noch leben, hätte Madeleine vor wenigen Wochen ihren 17. Geburtstag gefeiert. Doch die Ermittler in Deutschland gehen davon aus, dass Maddie längst tot ist. Missbraucht und umgebracht von Christian B.

Die Aufklärung des Falls würde Maddies Eltern Kate und Gerry McCann helfen, wenigstens die Vergangenheit nun ruhen zu lassen. «Sie haben die Hoffnung nie aufgegeben, dass sie lebend gefunden werden kann», sagt der Sprecher der Familie, Clarence Mitchell. «Aber sie sind Realisten.»