Ukraine
«Warum reagiert Europa nicht?» – Der Ausnahmezustand ist längst Alltag geworden

Trotz der Waffenruhe wird an der Frontlinie im Donbass heftig gekämpft – ein Augenschein vor Ort.

André Widmer, Donezk
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Brücke ausserhalb von Donezk: Viele Infrastrukturen sind beschädigt oder zerstört. André Widmer

Brücke ausserhalb von Donezk: Viele Infrastrukturen sind beschädigt oder zerstört. André Widmer

André Widmer

«Warum reagiert Europa nicht?» Nadeshda Tschegodaeva redet sich in ihrem kleinen Büro in Rage.

Sie ist Oberärztin im Spital Nr. 21 im Oktyabrsky Distrikt, einem Aussenbezirk von Donezk. Fast jeden Tag gerät das Wohngebiet an der Frontlinie unter Beschuss. Erst am Tag zuvor wurde eine Frau tödlich getroffen, nur 200 Meter vom Spital entfernt.

«Wenn in Europa jemand getötet wird, ist das gleich ein Drama. Der Frau, die getötet wurde, quollen die Organe heraus. Warum stoppen die Europäer Poroschenko nicht?» fragt Tschegodaeva.

«Von der Ukraine erhalten wir nur Granaten und Beschuss», meint sie weiter. Dabei habe es in diesem Distrikt doch gar keine Panzer und Soldaten und man sei ein ziviles Spital. «Es ist unklar, warum sie hier schiessen.» Hilfe erhalte man immerhin vom IKRK, Médecins Sans Frontières (MSF) und den russischen Hilfskonvois. Nun stockt Nadeshda Tschegodaeva der Wortschwall. Die Tränen stehen ihr in den Augen.

Eine Krankenschwester führt durch das Spitalgebäude. Sie zeigt auf reparierte Fenster. In einem Zimmer sitzen ihr Mann und ihr Sohn auf den Betten. Seit ihr Haus zerstört wurde, ist die Familie im Spital untergebracht. Im Oktyabrsky District leben ohnehin nur noch die Leute, die nicht wissen, wohin sie sonst gehen sollten. Geblieben ist hier weniger als die Hälfte der Bevölkerung. Die Strassen sind praktisch menschenleer, viele Fenster mit Brettern abgedichtet.

Mehr als 100 Beschüsse pro Tag

Nicht nur in diesem Donezker Wohngebiet nahe des völlig zerstörten Flughafens, auch an vielen anderen Orten wird der Waffenstillstand zwischen den prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee gebrochen. Von wem in welchem Fall, ist nicht immer klar. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und die ukrainische Armee zählen oft über 100 Beschüsse pro Tag. Auch die Separatisten informieren täglich im Fernsehen, wo Kampfhandlungen stattgefunden haben.

Haubitzen, Mörser, Panzer, schwere Artillerie, Gewehre: Das ganze Arsenal kommt bei den Feuerwechseln zum Einsatz. Die grossen Schlachten wie diejenigen um Slowjansk und Debalzevo mögen schon lange vorbei sein. Sie sind jedoch einem Schlagabtausch ohne Geländegewinne gewichen. Bis ins Stadtzentrum von Donezk sind praktisch jede Nacht schwere Detonationen zu hören. Es ist ein Krieg ohne Ende. Mit Toten und Verletzten ohne Ende.

Der Ausnahmezustand im Donbass ist ein halbes Jahr nach der Unterzeichnung des zweiten Abkommens von Minsk längst Alltag. Vor dem Krieg lebten im Oblast Donezk rund 4,3 Millionen, in der Stadt 953 000 Menschen. Rund ein Drittel davon ist geflohen und nicht zurückgekehrt. Ausserhalb von Städten und an neuralgischen Punkten müssen die Leute Checkpoints passieren.

Kofferweise Rubel aus Russland

Weitaus tiefgreifender als diese kontrollierte Bewegungsfreiheit sind aber die wirtschaftlichen Verhältnisse im Separatistengebiet. Viele Geschäfte und alle Banken sind geschlossen. Geldautomaten funktionieren nicht. Neben der ukrainischen Grywna ist der russische Rubel zur Standardwährung geworden. Die ukrainische Regierung hat die Auszahlung von Renten in den abtrünnigen Gebieten im Donbass schon vor langer Zeit ausgesetzt. Mittlerweile erhalten die Rentner das Geld von der Separatistenregierung. Es wird in Rubel ausbezahlt – woher diese stammen, liegt auf der Hand. Gerüchten zufolge werden die Banknoten kofferweise über die Grenze aus Russland angeschafft.

Es riecht wieder nach Krieg

Der Blutzoll im Donbass wird höher, die Tonart schärfer. Eine neue Offensive steht möglicherweise kurz bevor. Die Artillerieduelle der Konfliktparteien haben in den letzten Tagen deutlich zugenommen. Donezk steht trotz der im Februar in Minsk vereinbarten Waffenruhe seit Wochen unter Beschuss. In der Nacht zum Montag wurden bei einem Bombardement etwa 40 Wohnhäuser, eine Schule und eine Gasleitung beschädigt. Das Scheitern des Minsker Abkommens zeichnet sich immer stärker ab: Beide Seiten werfen sich die Vorbereitung neuer Offensiven vor. Der Sprecher der ukrainischen Präsidialadministration, Andrej Lyssenko, warnte, bei Donezk und Mariupol drohten die Separatisten damit, «zu aktiven Angriffen überzugehen». Unterdessen erklärte der
Lugansker Milizenführer Igor Jaschtschenko, Kiew bereite die «heisse Phase» eines Angriffs vor, «den es bis zum Oktober abschliessen will, da die ukrainischen Soldaten bis heute nicht gelernt haben, in der herbstlichen Schlammzeit zu kämpfen.» (A.B.)

In einem Büro an der Uliza Artema in Donezk sitzt Aleksandr Evdokimov. Er ist Chefingenieur von Voda Donbassa, der regionalen Wasserversorgung. Auch Voda Donbassa macht der Krieg zu schaffen. «Wir verlieren pro Tag 180 000 Kubikmeter Wasser», erklärt Evdokimov. Beschädigte Filter- und Pumpstationen sind das eine Problem, die von Geschossen getroffenen Wasserleitungen das andere.

Das Wasser stammt aus dem Siverskyj Donez, dem kleinen Don, der in Russland entspringt. 132 Kilometer lang ist das Netz von Voda Donbassa und führt bis nach Mariupol. Es umfasst offene Kanäle, aber eben auch etwa 40 Kilometer normalerweise dreifach geführte Leitungen, das meiste davon oberirdisch. Nun können nicht alle Leitungsstränge voll genutzt werden. Die Vorkriegsleistung betrug zwei Millionen Kubikmeter pro Tag, jetzt sind es 1,1 Millionen. Ein Engpass befindet sich bei Gorlovka, rund 40 Kilometer nördlich von Donezk. «In diesem Sektor arbeitet nur eine Leitung mit 2,3 Metern Durchmesser, und auch diese ist beschädigt», so Chefingenieur Evdokimov. Eine ganz besondere Herausforderung: Bei Gorlovka führt die Leitung durch eine 2,8 Kilometer lange Pufferzone zwischen den Stellungen der Separatisten und den regierungstreuen Truppen. Schon am ersten Tag musste die Arbeit an der Leitung wegen Schusswechseln unterbrochen werden. «Wenn es komplett ruhig ist, hoffen wir, sie in fünf bis sechs Tagen reparieren zu können», meint Evdokimov.

Schweiz hilft bei Wasseraufbereitung

Zweimal hat es ein Schweizer Konvoi der humanitären Hilfe des Bundes geschafft, Hunderte von Tonnen chemischer Mittel für die Aufbereitung von Trinkwasser nach Donezk zu transportieren. Die Hilfe wird in Ehren gehalten: Ein Foto mit den Schweizern zeugt im Schaukasten von «Voda Donbass» davon. Aleksandr Evdokimov erklärt aber auch, dass man eigentlich selber über die finanziellen Mittel für den Kauf der Chemikalien in der Ukraine verfüge, wegen der Blockade diese Anschaffungen aber nicht möglich seien.

Am drittletzten Tag in der selbst ernannten Donezker Volksrepublik, im Volksmund kurz «DNR» (Donezkaja Narodnaja Respublika) genannt, führt die Recherche nach Nikoshino. Das Dorf liegt nur wenige Kilometer von Debalzevo entfernt. Um Debalzevo wütete eine erbitterte Schlacht. Mitte Februar nahmen die Separatisten die Kleinstadt schliesslich ein. Das kleine Nikishino mit seinen einst 600 und jetzt noch etwa 200 Einwohnern war während des vergangenen Winters praktisch zweigeteilt zwischen der ukrainischen Armee und den Separatisten.

Nie an Flucht gedacht

Am südlichen Dorfeingang lebt Svetlana mit ihrem Vater, der Ende August seinen 81. Geburtstag feiert. Er erzählt, dass er einst ein halbes Jahr mit Juri Gagarin, dem später berühmten sowjetischen Kosmonauten, im gleichen Regiment gedient habe. Tochter Svetlana ist die Dorfkrankenschwester und auch während der Kämpfe vor einigen Monaten im Dorf geblieben. Fliehen wollte sie nicht. «Ich habe nie darüber nachgedacht», so Svetlana. Daran änderten auch die zersplitterten Fenster am Haus und ein Treffer im Garten nichts. Von Montag bis Samstag bietet Svetlana Sprechstunde an. In den letzten zwei Tagen waren es 60 Konsultationen. Einmal pro Woche schaut die Organisation Médecins Sans Frontières (MSF) vorbei; ansonsten gibt es nur noch Support vom russischen Hilfskonvoi.

In der Ostukraine sind insbesondere Medikamente gegen chronische Krankheiten Mangelware. Das bestätigt auch MSF. Immerhin funktioniert in Nikishino die Wasserversorgung wieder. Ein Problem sind auch noch Minen und Blindgänger. «Dieser Ort ist nicht entmint», erklärt Svetlana. Die Bauern könnten hier ihre Felder nicht bestellen. «Es ist zu gefährlich». Die Angst sei zu gross.

Bei der Wegfahrt aus Nikishino zeigt sich das Ausmass der Zerstörungen im nördlichen Teil des Dorfes. Viele Gebäude sind zerstört. Im und vor dem stark beschädigten «Klubhaus», einer Freizeiteinrichtung, treiben sich Kinder und Jugendliche herum. An einer Strasse ausserhalb von Nikishino ist eine Art Schrein zu sehen, mit einem Soldatenhelm mit einem grossen Loch. Ein paar hundert Meter weiter ein Kreuz. «An die Soldaten von Novorossjia, gestorben für die Freiheit des Donbasses. Erinnern, lieben, trauern» steht da geschrieben.