Arabische Revolution
Warum Saudische Frauen hinters Steuer wollen

In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht Auto fahren. Damit soll aber Schluss sein. Die Frauen wehren sich gegen dieses Gesetz. Dafür gehen sie auch auf die Strasse.

Christian Nünlist
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Alltag in Riad: Eine saudische Frau steigt aus einem von einem Chauffeur gelenkten Wagen. keystone

Alltag in Riad: Eine saudische Frau steigt aus einem von einem Chauffeur gelenkten Wagen. keystone

«Ich werde mein Auto selbst fahren» – mit diesem Slogan mobilisieren saudische Aktivisten seit Wochen für einen denkwürdigen Protesttag. Inspiriert von den Erfolgen der Arabischen Revolution, wollen sich heute saudische Frauen gegen den ultrakonservativen Status quo wehren. Denn Saudi-Arabien ist das einzige Land weltweit, in dem Frauen sich nicht selbst hinter das Steuer eines Autos setzen dürfen.

Saudische Frauen sind täglich auf die Fahrdienste von ihren Ehemännern oder Vätern angewiesen. Oder sie sind abhängig von privaten Chauffeuren oder Taxis. Der tägliche Arbeitsweg, Einkäufe erledigen oder die Kinder in die Schule bringen – in Saudi-Arabien können das die Frauen nicht selbst erledigen. In Saudi-Arabien gibt es keinen öffentlichen Verkehr.

47 Frauen brechen 1990 ein Tabu

Eine neue Generation hat nun per Facebook und Twitter den heutigen 17. Juni zum nationalen Protesttag erklärt. Auf ihrer Website erklären die Frauen hinter der «Women2Drive»-Kampagne, sie wollten damit weder das Gesetz brechen noch die Behörden provozieren. «Wir verlangen nur eines unserer grundlegendsten Rechte.» Tatsächlich verbietet kein Gesetz, dass saudische Frauen Auto fahren. Es ist ein alter sozialer Brauch, der vor 21 Jahren von religiösen Führern einen offiziellen Anstrich erhielt.

Ende 1990 hatten erstmals saudische Frauen gegen das diskriminierende Fahrverbot demonstriert. Den Anstoss dazu hatten amerikanische Soldatinnen gegeben, die sich in Saudi-Arabien auf den Golfkrieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein vorbereiteten. Die emanzipierten amerikanischen Kriegerinnen inspirierten die saudischen Frauen, eine Protestaktion gegen das Fahrverbot durchzuführen. Am 6. November 1990 setzten sich 47 Frauen, darunter viele Universitätsprofessorinnen, selbst hinter das Steuer und fuhren demonstrativ durch die Strassen von Riad.

Die 47 Vorreiterinnen für Frauenrechte in Saudi-Arabien mussten für ihre einstündige spontane Aktion bitter büssen. Sie wurden hart bestraft: Sie verloren ihre Jobs, mussten ihre Reisepässe abgeben und wurden in der Öffentlichkeit als «Huren» beschimpft.

Regierung warnt die Frauen

Eine Korrespondentin des «Christian Science Monitor» hat ein paar der Pionierinnen 15 Jahre später in Riad aufgespürt. Die Geschäftsfrau Aisha al-Mane, die 1990 beim Protest mitfuhr, sagte: «Es ging nicht nur ums Autofahren. Das Autofahren ist nur ein Symbol.» Sie betonte im Rückblick auch den Kontext des Golfkriegs. «Damals herrschte Krieg und wir lebten im Kriegsgebiet. Wir wollten nicht wie Enten abgeknallt werden, wenn irgendetwas passierte.» Mane gab gleichzeitig zu, dass sie eigentlich gar nicht selbst fahren wolle und ganz gerne mit einem Fahrer unterwegs sei. «Aber es geht uns um die weibliche Emanzipation und um die Mobilität. Frauen brauchen ein Einkommen, sie brauchen Jobs und sie müssen zum Arbeitsort gelangen», so Mane.

Genau davor fürchten sich die ultrakonservativen Kräfte des Königreichs. Religiöse Führer brandmarken die Protestaktion als «Verwestlichung» und eine «Türöffnung zur Hölle und Sünde». Scheich Abd-al-Rahman al-Barrak warnte vor einer Teilnahme am heutigen Protesttag: «Die Frauen am Steuer werden sterben, so Gott will», zitierte die staatliche Zeitung «Elaph» den radikalen Kleriker.

Manal al-Scharif wird zur Ikone

Zur Ikone des heutigen «Frauenfahrtags» ist die 32-jährige alleinerziehende Mutter Manal al-Scharif geworden – eine der Hauptorganisatorinnen hinter der «Women2Drive»-Kampagne. Sie hat den Wagen ihres Vaters durch ihre Heimatstadt Dammam gesteuert und sich dabei filmen lassen. Die an sich harmlosen Filmsequenzen – die moderne arabische Frau trägt einen Hijab und eine dunkle Sonnenbrille, blickt vor dem Linksabbiegen zur Seite und prüft mit regelmässigen Blicken im Rückspiegel, was sich hinter ihrem Auto abspielt – landeten auf Youtube und machten weltweit auf die Kampagne aufmerksam. «Nicht alle Frauen können sich einen Chauffeur leisten», begründet Scharif ihren Aufruf zum Massenprotest. Zudem gebe es für die Frauen zur Rushhour immer zu wenig Taxis, klagt sie. Am 22. Mai wurde Scharif verhaftet und zehn Tage lang festgehalten. Sie kam erst auf freien Fuss, nachdem sie versprochen hatte, sich nicht länger an der Protestkampagne zu beteiligen.

Behörden drohen mit Haftstrafen

Das saudische Innenministerium hat in den letzten Tagen die Parole ausgegeben, dass es ihm egal sei, wenn Frauen am 15., 16. oder 18. Juni Auto fahren würden. Wer jedoch am 17. Juni am Steuer erwischt werde, riskiere eine lange Haftstrafe. Die grosse Frage ist deshalb, wie viele Frauen sich heute hinter das Steuer setzen werden. Als saudische Aktivisten im März via Facebook zu einem «Tag des Zorns» wie in Tunesien oder Ägypten aufriefen, getraute sich – ausser Polizisten – niemand auf die Strasse.