Türkei-Referendum
Warum so viele Deutschtürken Erdogan unterstützen

Sie leben in Freiheit, sagen aber Ja zu antidemokratischen Plänen in der Türkei: Warum hat Erdogan so viele Fans in Deutschland?

Christoph Reichmuth, Berlin
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63,1 Prozent der Deutschtürken haben für das Verfassungsreferendum von Präsident Recep Tayyip Erdogan votiert. Im Bild feiernde Türken in Berlin. Michele Tantussi / Getty Images

63,1 Prozent der Deutschtürken haben für das Verfassungsreferendum von Präsident Recep Tayyip Erdogan votiert. Im Bild feiernde Türken in Berlin. Michele Tantussi / Getty Images

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Mesut* wartet mit seinem Taxi beim Berliner Hauptbahnhof auf Kundschaft. Reden über das Referendum in seiner Heimat will er zuerst nicht, dann erzählt er aber doch, wenn auch zurückhaltend. Mit Nein habe er votiert, meint der 37-Jährige. Aber das Warum, das kann er nicht recht erklären. «Ich weiss nicht, was Erdogan will, was er plant. Ich möchte bloss in Ruhe leben, und ich möchte, dass meine Familie in der Türkei in Frieden lebt.» Mesut hat auf sein Bauchgefühl gehört, er möchte keine Veränderungen in der Türkei, es laufe aktuell doch gut, sagt er. Seinen richtigen Namen will er nicht nennen. Er habe Angst um die Sicherheit seiner Eltern in Istanbul. Angst wovor? Mesut zuckt mit den Schultern. «Ich weiss nicht, es ist gefährlich heutzutage.»

75 Prozent Zustimmung in Essen

Am Tag zwei nach dem knappen Ja zum Verfassungsreferendum in der Türkei sucht Deutschland nach einer Erklärung für das Wahlverhalten der seit Jahren im Land lebenden Türken. 63,1 Prozent der Deutschtürken haben für das Verfassungsreferendum von Präsident Recep Tayyip Erdogan votiert, das ist ein wuchtiges Ja im Vergleich zu der knappen Zustimmung von insgesamt 51,3 Prozent. Während türkische Metropolen wie Istanbul oder Ankara den Plänen für ein Präsidialsystem gar eine Absage erteilt haben, war die Unterstützung für Erdogan in einigen deutschen Städten wie Essen (75,9 Prozent Ja-Stimmen) oder Düsseldorf (69,6 Prozent) überwältigend. Die türkische Gemeinde in Berlin (50,3 Prozent Ja-Stimmen) ist dagegen gespalten.

Wie kann es sein, dass Menschen, die hier in einem freiheitlich-demokratischen System sozialisiert werden, Pläne für den Aufbau einer Autokratie mit Todesstrafe und der Unterdrückung Andersdenkender in ihrer zweiten Heimat unterstützen? Cem Özdemir, Parteichef der Grünen und Sohn türkischer Einwanderer, fordert ein Bekenntnis der Deutschtürken zu ihrer Wahlheimat. «Es gibt offensichtlich unter den Deutschtürken diejenigen, die glauben, es reiche aus, wenn man nur mit den Zehenspitzen auf dem Grundgesetz stehe. Man muss sich aber schon ganz zu den Werten und zur Verfassung unseres Landes bekennen, wenn man hier auf Dauer glücklich werden will», sagt er. Özdemir sieht Fehler in der Integrationspolitik der vergangenen Jahre. «Wir brauchen eine Strategie, die zum Ziel hat, Kopf und Herz der Deutschtürken zu erreichen.»

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Abstimmung in der Türkei

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«Von Europa verabschiedet»

Ähnlich sieht das die türkischstämmige SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe. Sie spricht von einer «verfehlten Integrationspolitik» und fügt hinzu: «Viele Türken sind als Gastarbeiter in das Land gekommen – und als Gäste, die bald wieder gehen, wurden sie auch behandelt.» Die Sozialdemokratin, die sowohl die türkische als auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, fordert eine stärkere politische Teilhabe der Türken zumindest auf kommunaler Ebene. «Menschen, die nicht mitreden dürfen, fühlen sich auch nicht als Teil der Gesellschaft. Dann taucht jemand wie Erdogan auf, der vorgibt, sich um diese Menschen zu kümmern.»

Die Reaktionen auf den Wahlausgang fielen andernorts trotzig aus. Die CSU-Politikerin Gerda Hasselfeldt forderte ein Ende der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. «Die Türkei hat sich von den westlichen Werten und damit von Europa verabschiedet», sagte sie in einem Interview. Ein Ende der Beitrittsgespräche und den Stopp der EU-Beitrittshilfen verlangen auch Politiker aus FDP und CDU. Die Türkei erhält bis 2020 EU-Beitrittshilfen in Höhe von 4,5 Milliarden Euro. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach sagt: «Die Milliardenzahlungen sollten umgeschichtet und zur Bekämpfung von Fluchtursachen verwendet werden.»

Das deutliche Ja der Deutschtürken zu Erdogans Plänen verleiht auch der Forderung der Union (CDU und CSU) Auftrieb, die Bedingungen für die erst 2014 eingeführte doppelte Staatsbürgerschaft zu verschärfen. Einwanderer der zweiten und dritten Generation, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sollen sich für eine Staatszugehörigkeit entscheiden.

Trotzreaktion

Kazim Erdogan hält derartige Forderungen für die falsche Strategie. Der türkischstämmige Integrationsbeauftragte, der in Berlin den gemeinnützigen Verein «Aufbruch Neukölln» führt, sieht eine Stigmatisierung der Deutschtürken als einen der Gründe für die Unterstützung Erdogans. «Das öffentliche Bild der Türken ist in Deutschland noch immer mehrheitlich negativ. Das führt dazu, dass viele gerne hier leben, sich aber nicht wirklich integriert fühlen.» Deutsche und Türken müssten miteinander statt übereinander reden.

Für viele sei der türkische Nachname bei der Wohnungs- oder Jobsuche noch immer hinderlich. Das führe zu Frustration und der Hinwendung zu Politikern wie Erdogan, der an den Stolz und das Nationalbewusstsein der Deutschtürken appelliert. Ausserdem hätte die massive, negativ konnotierte Berichterstattung über die Verhältnisse in der Türkei zu einer Art Trotzreaktion bei den Deutschtürken geführt, ist Kazim Erdogan überzeugt.

Taxifahrer Mesut hat beim Berliner Hauptbahnhof derweil Kundschaft bekommen. «Europa braucht die Türkei, und die Türkei braucht Europa», sagt er zum Abschied. Vielleicht, sinniert er, hätten viele seiner Landsleute mit Ja votiert, weil die Türkei in Deutschland seit Monaten in der Kritik steht. «Es fehlt an Respekt uns Türken gegenüber.»