IS-Terror
Warum trifft es ausgerechnet Libyen?

Diktator Gaddafi hatte das Land bis vor vier Jahren eisern im Griff. Nun sorgt der IS für Angst und Schrecken. Wir beantworten die 12 wichtigsten Fragen, wie es dazu kommen konnte.

Daniel Fuchs und Dagmar Heuberger
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Ägyptens Kopten trauern nach der Ermordung von 21 Glaubensbrüder durch die Terrormiliz IS.

Ägyptens Kopten trauern nach der Ermordung von 21 Glaubensbrüder durch die Terrormiliz IS.

KEYSTONE

1. Im Februar 2011 begann der Aufstand gegen Diktator Muammar al-Gaddafi. Wie steht es mit der politischen Situation heute?
Libyen ist das einzige Land, in dem die Nato die Aufständischen während des Arabischen Frühlings mit Luftangriffen unterstützt hat. Die Hoffnung war gross, dass sich das ölreiche Land nach Gaddafis Sturz zu einem demokratischen Staat entwickelt. Doch das stellte sich als Irrtum heraus. Libyen ist heute zerrissen, ein «failed state». Die neue Regierung, welche die Libyer im vergangenen Juni gewählt hatten, musste zwei Monate später aus der Hauptstadt Tripolis flüchten. Die Islamisten des Bündnisses Fadschr Libya (Morgendämmerung Libyen) hatten sie vertrieben und eine Gegenregierung eingesetzt.

2. Dann gibt es jetzt also zwei Regierungen?
Ja, aber die Gegenregierung ist international nicht anerkannt. Als legitime Vertretung Libyens gelten weiterhin Premierminister Abdullah al-Thinni und sein Kabinett in Tobruk. Seit August herrscht Krieg zwischen den beiden Regierungen.

3. Gehören die Fadschr Libya auch zum Islamischen Staat (IS)?
Nein. Die Gruppe steht der konservativen Muslimbruderschaft nahe und hat sich vom IS distanziert.

4. Was macht der IS in Libyen?
Wie zuvor in Syrien stösst er in das politische Vakuum und nutzt das Chaos des Bürgerkriegs, um sich auszubreiten. Das ist gefährlich, denn nach Libyen könnte der gesamte Maghreb destabilisiert und auch Europa bedroht werden.

5. Seit wann und wo hat der IS in Libyen Fuss gefasst?
Im Frühling 2014 kehrten IS-Terroristen aus Syrien und dem Irak in den Nordosten Libyens zurück. Sie liessen sich vor allem in Darna, teilweise auch in Sirte am Mittelmeer nieder. Sie nannten sich «Majlis Shura Shabab al-Islam» (MSSI – übersetzt etwa: islamistischer Rat der Jugend). Mit Terror gegen die Bevölkerung und im Kampf gegen andere islamistische Gruppen brachten sie Darna unter Kontrolle. Die Stadt, die zirka 80'000 Einwohner zählt, gilt als Zentrum des IS und wurde gestern von der ägyptischen Luftwaffe bombardiert.

6. Wer ist der Chef von MSSI?
Das ist ein gewisser Mohammed Abdulla, ein jemenitischer Dschihadist. Sein Kriegsname lautet Abu al-Baraa el-Azdi. Er kam im September 2014 aus Syrien nach Darna. Kurz danach, im Oktober, erklärte sich Darna als Teil des Kalifats und der MSSI schwor dem selbst ernannten Kalifen Ibrahim, alias Abu Bakr Al-Baghdadi, Treue.

7. Weshalb bombardiert Ägypten den IS in Libyen?
Einerseits als Vergeltung für die 21 grausam ermordeten koptischen Christen an einem libyschen Strand. Sie waren als Gastarbeiter im Land und stammten aus den ärmsten Regionen Ägyptens. Zum anderen aber auch, weil Ägypten sich nun an zwei Fronten vom IS bedroht fühlt: vom Sinai im Osten und von Libyen im Westen her. Auch die Dschihadisten auf dem Sinai hatten im vergangenen November al-Baghdadi Treue geschworen. Im Januar verzeichnete Ägypten mit 107 Anschlägen die höchste Zahl von monatlichen Terrorattacken seit Jahrzehnten. Kairo fürchtet schon seit längerem ein Übergreifen des Chaos.

8. Gibt es auch in anderen nordafrikanischen Ländern IS-Zellen?
Ja, neben Libyen und Ägypten noch in Algerien. Im vergangenen Herbst schworen gleich mehrere Dschihad-Gruppen im Maghreb dem Führer des IS, Al-Baghdadi, Treue. Was dieser gnadenlos auszuschlachten wusste: Seine Organisation habe weite Territorien in Nordafrika annektiert. Sie seien nun Provinzen des Islamischen Staats, verkündete er. Doch der Eindruck trügt: Die Gebiete, die unter Kontrolle IS-naher Gruppen stehen, sind lokal begrenzt. Denn die dem IS zugewandten Gruppen sind nur wenige unter zahlreichen Playern, die um Einfluss ringen. In Algerien hatte die Gruppierung namens Dschund al-Khilafah mit der Entführung eines französischen Bergführers für Aufmerksamkeit gesorgt. Sie entstand als Abspaltung der al-Kaida im Islamischen Maghreb.

9. Und in Tunesien oder Marokko?
Dort sind keine Dschihadisten-Gruppen bekannt, die dem IS Treue geschworen haben. Jedoch weist Tunesien die höchste Zahl Dschihad-Reisender auf, die sich dem IS in Syrien und im Irak angeschlossen haben. Dicht gefolgt von Marokko. Einzelne IS-Zellen finden sich aber bis weit nach Westafrika. Sogar der Chef der nigerianischen Islamisten-Sekte Boko Haram hat sich zu einem «Allah beschütze dich, Abu Bakr al-Baghdadi» durchgerungen.

10. Hat der IS al-Kaida abgelöst?
Nein, aber manche radikal-islamische Gruppierungen haben sich dem IS zugewandt, die sich vorher an der Kaida orientierten, gerade auch in Nordafrika. Dazu muss man wissen, dass der IS aus seiner Vorgänger-Organisation, der al-Kaida im Irak, hervorgegangen ist. Erst mit dem Bürgerkrieg in Syrien gewann die Organisation starken Zulauf syrischer Dschihadisten, worauf die Organisation zuerst in ISIS und später in IS umbenannt wurde.

11. Worin liegen eigentlich die Hauptunterschiede dieser beiden Terrororganisationen?
Während es bei der Kaida vor allem um Anschläge auf westliche Ziele geht, steht bei den IS-Dschihadisten eine territoriale Basis im Vordergrund, das Kalifat. Der IS rekrutiert im Gegensatz zur Kaida auch nicht-islamische Krieger, die zum Islam konvertieren.

12. Mischt der IS auch bei den Flüchtlingen mit?
Davon ist auszugehen. Durchs Grenzgebiet zwischen Libyen und Ägypten verlaufen grosse Schmuggelrouten für Flüchtlinge, aber auch Waffen und Drogen. Dabei spielt der südlich angrenzende Sudan eine fragwürdige Rolle. Die ägyptische Führung bezichtigte Khartum wiederholt der Waffenschieberei an die Dschihadisten. Von den Flüchtlingen, die von Libyen aus übers Mittelmeer wollen, profitieren nicht nur die Schlepper, sondern auch die Milizen. Darunter sind auch dschihadistische.