Analyse

Warum Trump alles überlebt: Die geniale Skandal-Strategie des US-Präsidenten

Patrik Müller
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Donald Trump
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Der Gipfel mit Russland in Helsinki war ein innenpolitisches Desaster. Und bald kommt Putin in die USA.
US-Präsident Donald Trump solle nicht mit dem Feuer spielen, warnte der iranische Präsident Hassan Ruhani. Der twitterte zurück, Rohani solle ihm nie wieder drohen.
Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un (links) scheint seine Versprechen gegenüber US-Präsidenten Donald Trump (rechts) einzulösen und sein Raketenprogramm abzubauen. (Archivbild)
WM in Russland und Putin zwischen Melania und Donald.
US-Präsident Donald Trump ist sich schon jetzt sicher, dass er weitere vier Jahre im Amt bleiben wird.
US-Präsident Donald Trump und die Queen haben bei ihrem Treffen laut einem Trump-Interview über den Brexit gesprochen.
Trump trifft May - und beleidigt sie durch seine Aussagen, dass Boris Johnson ein guter Premier wäre.

Donald Trump

KEYSTONE

Um in der turbulenten amerikanischen Politik den Durchblick zu behalten, lohnt es sich am Sonntag, die grossen TV-Polit-Shows «Meet the Press» und «Face the Nation» anzuschauen (auch über Youtube möglich). Diese Sendungen – quasi ein «SonnTalk» im Weltformat – befinden sich im Ausnahmezustand und im Quotenhoch, seit Donald Trump Präsident ist.

In der jüngsten Sendung gab es eine symptomatische Szene. Die Moderatorin sagte: «Die vergangene Woche war bislang die dramatischste in Donald Trumps Präsidentschaft!», worauf ein Journalist dazwischen fuhr: «Stimmt - bis zur nächsten Woche!» Dieser Einwurf bringt das Erfolgsgeheimnis von Trumps Überlebensstrategie ziemlich gut auf den Punkt. Immer wenn die Medien oder seine politischen Gegner glauben, jetzt habe Trump einen folgenschweren Fehler begangen und sei erledigt, entfacht er den nächsten Sturm. Dieser bläst die Schlagzeilen vom Vortag wieder weg.

«Immer wenn die Medien oder seine politischen Gegner glauben, jetzt sei Trump erledigt, entfacht er den nächsten Sturm. Diese Kommunikations-Strategie funktioniert.» 

Patrik Müller

«Krieg mit Iran?»-Schlagzeile verdrängt Putin aus den Medien

Wie dieser Mechanismus funktioniert, sah man nach dem Gipfeltreffen von Helsinki. Wegen seiner Schmeichelei gegenüber Putin wurde Trump in den USA auch von Parteifreunden kritisiert. Er sei gegenüber dem Autokraten unterwürfig aufgetreten, ja er habe «Landesverrat» begangen, als er betont habe, wie klar Putin abgestritten habe, sich in die US-Wahlen 2016 eingemischt zu haben (Trumps eigene Geheimdienste erachten eine Einmischung als erwiesen). Von der «Washington Post» bis zur «Basler Zeitung», deren Chefredaktor Trump gern in Schutz nimmt, war man sich einig: Der Auftritt von Helsinki war ein Debakel. Wie reagierte Trump auf das katastrophale Echo? Er zündete eine zweistufige Kommunikations-Rakete:

Stufe 1: Verwirrung stiften und Gegenangriff starten. Zuerst irritierte Trump Freund und Feind mit wirren Korrekturen seiner eigenen Geheimdienst-Aussage, dann postete er auf Twitter Videos und frühere russland-freundliche Zitate von Barack Obama und Hillary Clinton, die diese als «wahre Freunde» Putins zeigen sollten, und behauptete, noch nie sei ein US-Präsident derart hart gegenüber Russland gewesen wie er selbst. Das überzeugte viele: Am Sonntag zeigten Umfragen, dass 80 Prozent der republikanischen Basis Trumps Gipfeltreffen mit Putin als Erfolg betrachteten.

Stufe 2: neues Thema setzen. Am Montag verdrängte Trump Helsinki aus den Schlagzeilen, indem er eine Twitter-Tirade gegen Irans Präsidenten Rohani absetzte. «Bedrohen Sie niemals wieder die USA, oder Sie werden Konsequenzen spüren, wie sie wenige zuvor in der Geschichte erleiden mussten», schrieb Trump – in Grossbuchstaben. Seither spricht niemand mehr darüber, ob Trumps Putin-Treffen Konsequenzen haben könnte. Jetzt ist das grosse Thema: «Müssen wir nun einen Krieg mit Iran erwarten?», wie die «New York Times heute titelt.

Dieses Muster wiederholt Trump bei jeder Affäre, und es funktioniert. Am Montag kam die neuste «Job approval»-Umfrage heraus, welche die Zufriedenheit der Amerikaner mit ihrem Präsidenten misst. 45 Prozent sind zufrieden, so viele wie noch nie seit Trumps Amtsantritt. Und das nach der «bisher dramatischsten Woche». Bei republikanischen Wählern ist Trump sogar so beliebt wie keiner seiner neun Vorgänger im Präsidentenamt bei seiner Basis je war.

Das Phänomen, dass Trump mit allem davonzukommen scheint, hat einen Rückkoppelungseffekt auf seine Partei: Republikanische Exponenten verzichten auf öffentliche Kritik an ihm, obwohl sie vieles von dem schrecklich finden, was er macht. Sie fürchten, andernfalls von der eigenen Basis abgestraft zu werden, und im November sind Parlamentswahlen. Darum werden die Republikaner bei jedem Skandal leiser.

Das war wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2016 noch ganz anders, als das «Access Hollywood»-Tonband an die Öffentlichkeit kam. Darin prahlt Trump damit, jede Frau anfassen zu können. Prominente Republikaner schrien auf und sagten, wenn sich Trump nun nicht selber aus dem Rennen nehme, drohe die grösste Republikaner-Niederlage aller Zeiten. Es kam anders, und das war ein Erweckungserlebnis für viele Republikaner. Nie wollen sie wieder so falsch liegen.