Ukraine
Was hat Putin vor? Die Angst des Südostens vor dem Krim-Szenario

In der ukrainischen Hafenstadt Odessa herrschen Unsicherheit und Zukunftsängste. Viele Bewohner sind pro-russisch eingestellt, befürworten aber die Souveränität der Ukraine. Derweil wurden zahlreiche pro-russische Provokateure eingeschleust.

Paul Flückiger, Odessa
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Die Demo der europafreundlichen Pro-Ukrainer unter der Statue des Stadtarchitekten Duc de Richelieu in Odessa.

Die Demo der europafreundlichen Pro-Ukrainer unter der Statue des Stadtarchitekten Duc de Richelieu in Odessa.

Keystone

«Wir warten auf Stabilität», sagt Witali. Der junge Familienvater ringt mit den Händen, zuckt die Schultern. Alles hat sich verändert in den letzten drei Wochen.

Der Regionalverwalter ist neu, die Regierung in Kiew ebenso und nun ist auch noch die Krim weg. Immerhin sei es den Ukrainern gelungen, einen Raketenkreuzer von dort in den hiesigen Hafen zu evakuieren. Den «Ukrainern» sagt Witali und zeigt damit gleich, wo seine Sympathie liegt - bei Putin.

Dennoch fragt auch er sich: Soll die Ukraine zur EU oder zu Russland? Er habe Angst, dass auch in Odessa bald Krieg sei, sagt er zum Abschied.

Am Kaffeestand bei der Potomkin-Treppe hoch über dem Hafen meinen später zwei Frauen, wenn nun die Krim weg sei, würden diesen Sommer eben mehr Touristen nach Odessa ans Schwarze Meer kommen. Galgenhumor mischt sich mit diffusen Ängsten. Die Odessa-Seite der ukrainischen Tageszeitung «Segodnia» berichtet gar von einem Psychologenteam, das den Bewohnern der südostukrainischen Millionenstadt beistehe.

Auf den ersten Blick ist davon in der Stadt wenig zu sehen. Fröhliche Teenies skaten auf der Meerpromenade, die Jeunesse Dorée feiert sich jeden Abend in den Clubs, Matrosen aus Rumänien und Georgien grasen die nahen Geschäfte ab und lächeln den lokalen Schönheiten zu.

Doch seit der lokale pro-russische Separatistenführer Antoni Dawidtschenko vor ein paar Tagen festgenommen und nach Kiew überstellt wurde und seine Anhänger einen Sturm auf den Geheimdienst versuchten, ist die Luft dick geworden. Dazu kommen die täglichen Berichte aus der Krim, welche die Machtlosigkeit des ukrainischen Staates demonstrieren, - und Anleitungen in den Medien, welche Notvorräte man für den Krieg anlegen sollte.

«Russland kriegt grosse Probleme mit China», beschwört beim allabendlichen Picket der europafreundlichen Pro-Ukrainer unter der Statue des Stadtarchitekten Duc de Richelieu ein Redner die rund 200 Zuhörer. Ein tragbarer Generator liefert den Strom fürs Mikrophon; neben einem alten weissen Lada sammelt eine Frau Spendengelder für die Ukrainische Armee.

Kaum hat die Rede über Russlands Probleme in Sibirien begonnen, schwärmen sichtbar vier Zehnergruppen in Tarnanzügen aus und bewachen sämtliche Zufahrtswege. «Habt keine Angst!», macht später ein Sowjetveteran der Menge Mut. Wenn es gelungen sei damals die Faschisten zu besiegen, so habe die Ukraine auch gegen Russland eine Chance. Bis zu 15 000 Pro-Europäer seien es jeweils am Wochenende, erzählt ein Selbstverteidiger vor dem geschossenen Restaurant «Boulevard», die Pro-Russen könnten dagegen mit maximal 5000 Demonstranten an arbeitsfreien Tagen rechnen, sagt er.

Odessas Russlandfreunde haben sich in gebührlicher Entfernung den Stadtpark «Kulikowo-Feld» beim Bahnhof für ihre Pickets auserkoren. Auch sie treffen sich täglich um 18 Uhr. Doch die als Hauptorganisatorin auftretende «Narodnaja Druschyna» (deutsch: Volksverein) hat dort vor Monatsfrist die beinahe exakte Kopie des Kopie des Kiewer Maidan im Kleinformat hingestellt.

Auch in Odessa gibt es ein Zeltlager zu Füssen eines Gewerkschaftshauses, es gibt martialische Selbstverteidiger und eine Bühne. Daneben steht die Hauptattraktion: Auf einem Grossbildfernseher wird der gerade aus dem ukrainischen Kabelnetz verbannte russische Propagandasender «Rossija 24» per Satellit gezeigt.

Sergej Marchel will im Gespräch nichts von Separatismus wissen. «Wir sind auch keine Kollaborateure des Okkupanten», wettert der Mittfünfziger in der Roten Windjacke im streng bewachten Stabszelt. Wenn bei einer Demo ein paar «Russland! Russland!» schreien würden, so sei das eben Meinungsfreiheit, doch das Ziel sei nur, mehr Kompetenzen für die ganze Südostukraine zu erhalten, säuselt Marchel, der nicht wissen will, weshalb die neue Staatsmacht, die er wie Putin als «illegitim» bezeichnet, Dawidtschenko verhaftet hat.

Die Vermutung, sein Zeltlager werde von Russland finanziell unterstützt, weist er weit von sich. «Wir sind zwar russischsprachig, aber nicht pro-russisch», sagt er. Marchel sieht natürlich mehr Demonstranten auf seiner Seite als bei den Pro-Europäern. «Am vergangenen Sonntag waren es 25 000 aber die ukrainische Presse zählte nur 5000», klagt er.

Aleksandr Ostanenko sagt, er könnte viele Forderungen des pro-russischen Zeltlagers auf dem «Kulikowo-Feld» selbst unterschreiben. Das Problem sei indes, dass diese grösstenteils einfach sowjet-nostalgischen Demonstranten in einer Kriegssituation Putin unterstützten. Der neue Vize-Gouverneur des Oblasts Odessa empfängt in einem kahlen Büro. Im Aufzug der Gebietsverwaltung ist die feindliche Stimmung mit Händen greifbar. Eine satte Mehrheit des Lokalparlaments befindet sich in der Hand der Partei des nach Russland geflüchteten und danach als Staatspräsident abgesetzten Wiktor Janukowitsch. Pro-russische Parteien halten weitere zehn Prozent, genauso viel wie die kleine lokale Fraktion des Übergangspremiers Arseni Jatsenjuk.

«Das Gebietsparlament hat sich klar zur Souveränität der Ukraine bekannt», beruhigt Ostanenko, «die Krim-Krise schweisst uns alle zusammen». Bis vor ein paar Tagen seien Busse voller russischer Provokateure aus dem nahen pro-russischen Separatistengebiet Transnistrien die 100 Kilometer nach Odessa gefahren, dem habe der Grenzschutz einen Riegel geschoben, freut er sich.

Einige russische Schläfer wurden zuvor nach Odessa eingeschleust. Am Samstag hoben die Behörden eine Gruppe gut bewaffneter Russen aus, was zum Stadtgespräch wurde. «Angst beherrscht die Stadt», sagt der neue Gouverneur am ukrainischen Staatsfernsehen. Es klingt verzweifelt.