Was tun mit Hitlers Geburtshaus? Österreich hat eine Idee – aber sie passt nicht allen

Österreich hat eine Lösung im ewigen Streit um das historische Gebäude in Braunau gefunden. Doch es gibt Widerstand gegen die Pläne.

Stefan Schocher aus Wien
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So soll Hitlers Geburtshaus in Braunau nach der Renovierung einmal aussehen.

So soll Hitlers Geburtshaus in Braunau nach der Renovierung einmal aussehen.

Bild: Marte.Marte Architekten via AP

Was tut man mit einem Haus, in dem ein Diktator, Massenmörder, der einen Weltkrieg vom Zaun gebrochen hat, geboren wurde? Soll man es abreissen und niederwalzen? Blöd nur, dass es wegen seines Alters (es stammt aus dem 17. Jahrhundert) unter Denkmalschutz steht.

Also eine Gedenkstätte daraus machen? Ein Mahnmal? Eine Bildungseinrichtung? Jahrzehntelang wurde debattiert. Nun hat die Bundesrepublik Österreich eine Lösung gefunden: In jenen Resten eines ehemaligen Gasthauses im oberösterreichischen Braunau, in dem Adolf Hitler 1889 das Licht der Welt erblickte, wird eine Polizeiinspektion angesiedelt. So viel scheint einmal fix – trotz vieler Widerstände. Bereits 2022 soll die Exekutive einziehen. Bis dahin sollen Renovierungs- und Umbauarbeiten abgeschlossen sein.

Beliebte Pilgerstätte für Neonazis aus aller Welt

Nun aber ist es ein Gedenkstein vor dem Haus, der weiter für Debatten sorgt. Die Inschrift:

«Für Frieden, Freiheit und Demokratie – nie wieder Faschismus, Millionen Tote mahnen.»

Dieser Stein also, der soll ins Haus der Geschichte übersiedeln, ein Museum der Geschichte der Bundesrepublik in Wien. Und auch das trotz vieler, wenn nicht noch intensiverer Widerstände.

Keine Gedenkstätte, keine Erwähnung – reine Anonymisierung des Ortes also?

Gerhard Baumgartner ist wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes, einer wissenschaftlichen Einrichtung, die sich der Aufarbeitung der NS-Zeit verschrieben hat. Ihm geht es vor allem um eines: Dass keine Kulisse geschaffen wird, vor der sich Neonazis gerne ablichten lassen. Denn: Das Haus war immer wieder Pilgerstätte neonazistischer Bustouristen aus aller Welt.

Baumgartner hatte aus genau diesem Grund selbst einmal vorgeschlagen, einen Humana-Markt in dem Haus anzusiedeln. Also einen Altkleider-Sozialmarkt. Mit der Nutzung des Hauses als Polizeistation kann er durchaus leben. Denn: «Jede Historisierung ist eine Art Musealisierung», wie er sagt. Und: «Die Rezeption von solchen historischen Markern kann man schwer kontrollieren.» So sei es mit dem «Berghof» bei Berchtesgaden oder dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Aber, meint Baumgartner: «Ein Gedenkstein kann nicht falsch sein.»

So alt wie die Zweite Österreichische Republik

Das Gezerre um das Haus und den Umgang mit dessen historischer Last ist so alt wie die Zweite Österreichische Republik: Vor 1945 war in dem Haus eine Hitler-Huldigung eingerichtet. Nach 1945 begann das Rätseln. Erst im Besitz der Republik wurde zunächst eine Mahn-Ausstellung über die Konzentrationslager in dem Haus untergebracht. 1952 wurde das Gebäude schliesslich den ursprünglichen Eigentümern zurückgegeben und zugleich sofort wieder von der Republik angemietet, um Kontrolle über die Nutzung zu behalten.

Danach war es Stadtbücherei, Bankfiliale, Schule und zuletzt Tagesheim für Menschen mit Behinderung. 2016 wurde die Besitzerin des Hauses nach Gerüchten über einen bevorstehenden Verkauf der Liegenschaft an einen russischen Investor schliesslich von der Republik enteignet. Es folgte ein zähes gerichtliches Nachspiel – letztlich zahlte der Bund 812000 Euro Entschädigung. Folglich wurde ein Abriss diskutiert, eine Umwidmung. Schliesslich beschloss das Innenministerium die Nutzung als Polizeikommissariat.

Und jetzt eben der Streit um den Gedenkstein: Erst seit 1989 ist der an Ort und Stelle – und war die erste öffentliche Distanzierung der Gemeinde Braunau. Laut Innenministerium soll der Stein übergesiedelt werden – wogegen sich Opferverbände, Gedenk-Institutionen und auch politische Parteien wehren.

Gerhard Baumgartner hält nicht viel von der neuen Wendung. Zum Thema Gedenkstein sagt er:

«Wieso der ins Haus der Geschichte gehen soll, weiss ich nicht – das macht keinen Sinn.»