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WASHINGTON/PJÖNGJANG: Wer hat den grössten Atomwaffenknopf?

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un prahlt mit einem Atomwaffenknopf auf seinem Schreibtisch. US-Präsident Donald Trump behauptet, seiner sei viel grösser und mächtiger. Dabei gibt es diese Knöpfe gar nicht.
Felix Lee, Peking
Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un verfolgt einen Raketentest von einem unbekannten Standort aus. (Bild: AFP (Nordkorea, 4. Juli 2017))

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un verfolgt einen Raketentest von einem unbekannten Standort aus. (Bild: AFP (Nordkorea, 4. Juli 2017))

Felix Lee, Peking

Wer hat den Grösseren? In seiner Neujahrsrede zu Beginn der Woche hatte Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un den USA gedroht, dass sein «Atomwaffenknopf immer auf meinem Schreibtisch» sei. Das wollte US-Präsident Donald Trump nicht auf sich sitzen lassen. «Wird jemand aus seinem verarmten und ausgehungerten Regime ihn bitte darüber informieren, dass auch ich einen Atomwaffenknopf habe», twitterte er nur wenige Stunden später. Seiner sei «viel grösser und mächtiger» als der Kims, und er funktioniere auch.

Ein bizarrer Vergleich – zumal sie beide bluffen. Weder in Nordkorea noch in den USA existieren solche ominösen Knöpfe, mit denen ein Nuklearschlag ausgelöst werden könnte, wie in alten Comics oder schlechten Filmen dargestellt. Selbstverständlich steckt dahinter ein hochkomplexes und mehrstufiges Verfahren, an dem mehrere Instanzen beteiligt sind, bevor es tatsächlich zum Atomschlag kommt. Angesichts dieser plumpen Vereinfachung des US-Präsidenten wurden in Washington erneut Zweifel laut, ob man sich nicht um Trumps geistigen Zustand Sorgen machen müsse.

Der Mann mit dem Koffer

Keine Frage: Beide Präsidenten können den Befehl für einen Nuklearschlag geben. In den USA muss der Präsident entweder persönlich im Atomkriegsraum des Pentagons präsent sein oder in der unterirdischen Bunkeranlage Site R, von wo aus die US-Regierung in einem Katastrophenfall agiert. Oder aber er gibt den Befehl über ein spezielles abhörsicheres Telefon, das ihn mit den Militärs verbindet, für dessen Aktivierung er aber einen speziellen Code benötigt. Damit der Präsident sich diese Codes nicht merken muss, gibt es ständig einen Oberst an seiner Seite, der den berühmten Koffer trägt, in dem diese Codes gespeichert sind, dem sogenannten «Football».

Diese Person befindet sich stets in der Nähe des Präsidenten. Er reist immer mit ihm mit, fährt im gleichen Aufzug und übernachtet auf derselben Etage wie der Präsident. Dieser Oberst ist zudem ebenso wie der US-Präsident ständig von Agenten des Secret Service bewacht. Sobald diese Person vom Präsidenten den Befehl erhält, ihm die Codes zu überreichen, geht der Befehl dennoch erst an einer Reihe ranghoher Militärs vorbei, bevor der Atomschlag tatsächlich ausgeführt wird. Und diese denken mit.

Sollte der Präsident also den Befehl für einen Atomschlag geben, den die Generäle für völlig unsinnig halten, wird es ihn auch nicht geben. Sie wüssten ihn zu verhindern. Letztendlich gehorchen die Ausführenden in der Kette ihren unmittelbaren Befehlshabern innerhalb des Militärapparates und nicht dem US-Präsidenten. Es gibt also nicht, wie von Trump dargestellt, einen Knopf, der elektrisch verkabelt ist wie ein Lichtschalter und bei einmaligem Druck automatisch eine Atomrakete zündet. Wahrscheinlicher ist die Gefahr, dass ein durchgedrehter Kapitän von seinem atomar bestückten U-Boot eine Rakete autonom abfeuert.

Kims Knopf ist ein Geheimnis

Wie ein Machthaber in Nordkorea einen Atomangriff auslöst und welche Vorkehrungen es dafür gibt, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob Kim ebenfalls über einen «Koffer» verfügt. Experten gehen davon aus, dass die Befehlskette vom Machthaber zum ausführenden Militär zwar kürzer sein dürfte als in den USA. Doch auch dazu wird es mehr als einen Knopfdruck benötigen. Experten verweisen darauf, dass es trotz der jüngsten technischen Fortschritte im Raketenprogramm gar nicht erwiesen ist, ob Kim wirklich über Raketen verfügt, die nicht nur atomar bestückt werden können, sondern auch zielgenau treffen.

Zweifel sind angebracht. Die letzte getestete Rakete im November schaffte zwar theoretisch eine Weite, die bis an das US-amerikanische Festland reicht. Machthaber Kim behauptete, militärtechnisch damit sein Ziel erreicht zu haben. Doch erwiesen ist das nicht. Bei den meisten in letzter Zeit von Nordkorea abgeschossenen Raketen handelte es sich um Blindgänger.

Nordkorea signalisiert Dialogbereitschaft

Dessen ungeachtet: Der US-Präsident dürfte so ziemlich der Einzige sein, der die eigentlichen Signale bei der Neujahrsrede des nordkoreanischen Machthabers nicht verstanden hat. Kim ging es gar nicht um eine weitere Zuspitzung des Konflikts, sondern im Gegenteil: um Dialogbereitschaft. In derselben Rede äusserte Kim den Wunsch, eine Delegation zu den Olympischen Winterspielen im Februar in der südkoreanischen Provinz Gangwon zu schicken und Gespräche darüber zu führen.

Die Regierung in Seoul hat den Annäherungsversuch sofort verstanden und ihrerseits ein Treffen auf hoher Ebene vorgeschlagen – was Nordkorea wiederum inzwischen angenommen hat. Das Treffen soll bereits am Dienstag im Grenzort Panmunjom in der entmilitarisierten Zone stattfinden – ohne Koffer.

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