Internet
Wegen Firmenschelte auf Facebook entlassen

In Frankreich sind mehrere Firmenmitarbeiter entlassen worden, weil sie auf Facebook ihr Unternehmen oder ihre Vorgesetzten kritisierten.

stefan brändle, paris
Drucken
Teilen

Franzosen schimpfen gerne, im Allgemeinen über den Lauf der Welt, aber auch über ihr eigenes hartes Los. Wenn ihnen die Galle richtig überläuft, führt das gerne zu Revolutionen, Streiks – oder neuerdings Facebook-Einträgen. Sie ersetzen den Besuch im guten alten Bistro, wo man bei Bedarf noch mit der Faust auf den Tresen hauen konnte.

«Scheisstag, Scheissjob, Scheissfirma, Scheisschefs», schrieb Eric
Blanchemain auf Facebook, als er die Nase wieder einmal gestrichen voll hatte von seinem Unternehmen Webhelp in Caen (Nordfrankreich). Gewiss war das keine sehr höfliche Ausdrucksweise, doch der erboste Franzose erachtete den Anlass für angemessen: Am Tag zuvor hatte sich eine Arbeitskollegin umgebracht, und er selbst leitete das betriebsinterne Komitee für die Arbeitsbedingungen, das die innerbetriebliche Verwicklung abklären sollte.

Kein Wunder, hatte der Angestellte den Blues und wollte ihn sich von der Leber schreiben. Die Facebook-Seite seiner Gewerkschaft CGT schien ihm der richtige Ort dafür zu sein.

Verunglimpfung wird bestraft

Doch das soziale Internet-Netzwerk kann von jedermann eingelesen werden. Auch von Blanchemains Chefs. Und die zögerten nicht lange: Zunächst haben sie den Angestellten für fünf Tage suspendiert; während dieser Zeit wollen sie die endgültige Sanktion festlegen. «Aus Verantwortungs- und Ehrgefühl werden wir
jede Verunglimpfung unseres Betriebs und der Mitarbeiter bestrafen», liess die Direktion von Webhelp verlauten.

Die Gewerkschaft protestierte gegen die drohende Entlassung. Diese Sanktion hatte ein französisches Gericht im November schon in einem anderen Fall ausgesprochen. Drei
Angestellte der Pariser Beraterfirma Alten waren auf die Strasse gestellt worden, weil sie ihre Arbeitgeber und ihr Unternehmen auf Facebook als einen «Klub der Unheilvollen» bezeichneten. Die Direktion begründete den Schritt mit der unzulässigen «Anschwärzung des Unternehmens».

Die Entlassenen gingen vor Gericht, wo ihre Anwälte anführten, dass sich ihre Klienten in dem «Klub» selber mit eingeschlossen hätten; auch hätten sie ihre Litanei über ihr hartes Arbeitsleben mit vielen Smileys abgeschwächt.

Das Arbeitsgericht bestätigte die Entlassung aber im November. «Angestellte können ihre Vorgesetzten in der Öffentlichkeit nicht ungestraft kritisieren, diffamieren oder beleidigen», hiess es im Urteil. Das Gericht stuft Facebook als öffentlich zugängliches Forum ein, da Millionen von Mitgliedern rund um den Planeten die Dialoge einsehen könnten.

Dialog mit öffentlichem Charakter

Die Anwälte der Entlassenen gehen aber in Berufung, da sie meinen, es habe sich um eine private Diskussion gehandelt, die für Aussenstehende gar nicht nachvollziehbar gewesen sei. Auf der betreffenden Facebook-Seite seien nur 15 «Freunde» eingetragen gewesen, davon fünf vom gleichen Unternehmen. Ein solcher Gedankenaustausch, der zudem im scherzhaften Ton gehalten war, gleiche eher dem privaten Mail-Verkehr als einer öffentlichen Debatte. Er habe ausserhalb der Firma stattgefunden; und die Thematik, das heisst die innerbetriebliche Atmosphäre, betreffe nur einen fest umrissenen Personenkreis.

Laut dem Gericht zeigt sich der öffentliche Charakter aber schon darin, dass der Dialog bis zur Direktion vorgedrungen sei. Konkret hatte einer der fünf Facebook-«Freunde» den Diskussionsinhalt an die Unternehmensleitung weitergeleitet. Nicht überliefert ist, ob er heute noch zu den Freunden der Entlassenen zählt.

Aktuelle Nachrichten