Italien
Wegen Schliessung der Balkanroute: Syrer kommen übers Mittelmeer

Migrationsexperten und die italienischen Behörden haben es geahnt: Hunderte Bootsflüchtlinge kamen in Sizilien an – Rom fürchtet einen neuen Ansturm von Asylsuchenden.

Dominik Straub, Rom
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Weil die Balkanroute geschlossen ist, weichen die Flüchtlinge aufs Mittelmeer aus.Reuters

Weil die Balkanroute geschlossen ist, weichen die Flüchtlinge aufs Mittelmeer aus.Reuters

REUTERS

Es ist genau das Szenario, das Migrationsexperten prognostiziert und die italienischen Behörden befürchtet haben: Die Schliessung der Balkanroute und das Abkommen zwischen der EU und der Türkei werden die Kriegsflüchtlinge aus Syrien und Irak auf ihrem Weg nach Europa nicht dauerhaft aufhalten; die Flüchtlinge werden einfach eine andere Route wählen. Diese führt über Jordanien und den Sinai nach Ägypten und von dort aus mit Booten über das zentrale Mittelmeer nach Sizilien.

Die weite und gefährliche Route ist nun erstmals in grossem Stil – nämlich von über 800 Flüchtlingen aus Syrien und Irak – benutzt worden. Sie sind von der italienischen Küstenwache am Donnerstag im Kanal von Sizilien aus zwei grossen Booten gerettet und gestern Freitag an Land gebracht worden.

«Wir haben lange keine Syrer mehr gesehen, und schon gar nicht in so grosser Zahl mit Familien und Kindern», erklärte die Sprecherin des italienischen UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), Carlotta Sami. Tatsächlich handelte es sich bei den 31 000 Flüchtlingen, die in diesem Jahr bisher nach Italien gelangt sind, fast ausschliesslich um Afrikaner. Und zu über 90 Prozent machen sie sich von Libyen aus auf den Weg nach Europa. Von Ägypten aus sind 2016 bisher nur fünf Boote aufgebrochen.

Entsprechend alarmiert sind die italienischen Behörden: «Die Nachricht von den 800 Flüchtlingen ist beunruhigend. Es könnte sich um den Anfang einer neuen Flüchtlingswelle handeln, die im Laufe des Sommers noch anschwellen könnte», zitierte die Zeitung «La Repubblica» eine Quelle im Innenministerium. Das Potenzial für einen neuen Flüchtlingsansturm ist da: In der Türkei sind derzeit 2,7 Millionen syrische Flüchtlinge blockiert; eine weitere Million lebt in Flüchtlingslagern des Libanon.

Keine Kontrollen am Brenner

Auch wenn nur ein kleiner Teil dieser Menschen die finanziellen Möglichkeiten besitzt, über Ägypten nach Italien zu gelangen, würde dies ausreichen, die ohnehin schon angespannten Aufnahmekapazitäten Italiens zu sprengen. Bereits heute werden in den Asylzentren und Auffanglagern 115 000 Migranten betreut, täglich kommen neue dazu.

Um ein «Durchwinken» der Flüchtlinge durch die italienischen Behörden nach Norden zu vereiteln, haben Österreich und die Schweiz begonnen, Vorkehrungen für rigorose Grenzkontrollen zu treffen. Italien befürchtet deshalb, in diesem Jahr zur Endstation für Hunderttausende Flüchtlinge zu werden. Der österreichische Innenminister Wolfgang Sobotka und sein italienischer Amtskollege Angelino Alfano teilten allerdings gestern Freitag bei einem Ortstermin mit, dass Österreich bis auf weiteres auf Grenzkontrollen am Brenner verzichten wird.

Beziehungen zu Kairo sind eisig

Die italienische Regierung treibt aber noch eine andere Sorge um: Dass bisher kaum Flüchtlingsboote von Ägypten in Richtung Italien losgefahren sind, lag zu einem wesentlichen Teil an einem bilateralen Abkommen zwischen Rom und Kairo zur Zusammenarbeit in der Flüchtlingsfrage. Dieses verpflichtet Ägypten zur Kontrolle seiner Küste und zur Rückübernahme zumindest eines Teils der Flüchtlinge.

Wegen dem Tod des italienischen Doktoranden Giulio Regeni, der im Januar vermutlich von ägyptischen Sicherheitsdiensten in Kairo verschleppt und auf bestialische Weise zu Tode gefoltert worden war, sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Rom und Kairo aber inzwischen eisig geworden.

Italienische Medien spekulierten gestern, dass es sich bei den beiden Schiffen mit den 800 Flüchtlingen um eine Warnung des ägyptischen Machthabers al-Sisi handeln könnte: Kairo könnte, sofern Rom wegen des «Falls Regeni» nicht endlich Ruhe gibt, auch aufhören, seine Küsten zu kontrollieren.