Migration übers Mittelmeer geht zurück

Die Zahl der Ankünfte von Flüchtlingen und Migranten im Mittelmeer ist im letzten Jahr um rund einen Drittel zurückgegangen. Das hat auch mit der umstrittenen Kooperation der EU mit Libyen zu tun.

Ralph Schulze, Madrid
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In Seenot geratene Flüchtlinge werden von einer spanischen NGO im Mittelmeer gerettet. Bild: Olmo Calvo/AP (21. Dezember 2018)

In Seenot geratene Flüchtlinge werden von einer spanischen NGO im Mittelmeer gerettet. Bild: Olmo Calvo/AP (21. Dezember 2018)

Es ist eine leicht hoffnungsvolle Nachricht zum Jahresbeginn: Es werden zwar immer noch täglich einige hundert Migranten und Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet. Doch die Zahl jener, die sich von Nordafrika auf den gefährlichen Wasserweg nach Europa begeben, nimmt ab. Eine Tendenz, die der wachsenden Kooperation zwischen der EU und den Migrationstransitländern am Mittelmeer zuzuschreiben ist.

Die 2018 registrierten Ankünfte in Südeuropa lagen deutlich unter jenen des Vorjahres. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und des Flüchtlingshilfswerks UNHCR kamen 114000 Menschen in Booten an südeuropäischen Küsten an. Das sind rund ein Drittel weniger als im Vorjahr, in dem 172000 Menschen gezählt wurden. 2016 waren in Südeuropa noch 362000 Migranten verzeichnet worden.

Verschiebung nach Westen

Die Route der Bootsmigranten hat sich allerdings im Laufe des vergangenen Jahres vom zentralen ins westliche Mittelmeer verschoben: Nun ist Spanien und nicht mehr Italien das Haupt­ankunftsland in Südeuropa: 2018 wurden in Spaniens Häfen 57000 Migranten versorgt – nahezu drei Mal so viel wie im Vorjahr. Hinzu kamen 6700 Menschen, die über die Land- oder Seegrenze in die beiden spa­nischen Nordafrika-Exklaven ­Ceuta und Melilla kamen.

In Italien, das in früheren Jahren noch Hauptziel der Boots­migranten war, landeten derweil 2018 nur noch 23 000 Menschen (2017: 120 000). In Griechenland stieg die Zahl der Ankommenden leicht auf 32 000; weitere 16 000 kamen über die türkisch-griechische Landgrenze. Zudem wurden auf Malta 1200 und auf Zypern 1000 Flüchtlinge und Migranten registriert. Mit dem allgemeinen Rückgang der Bootsankünfte in Südeuropa sank auch die Zahl der bekannt gewordenen tödlichen Unglücke im Mittelmeer. Nach der offiziellen Statistik starben im vergangenen Jahr 2262 Migranten bei der Fahrt übers Mittelmeer, 2017 waren es noch mehr als 3300. Allerdings weist die IOM darauf hin, dass nicht alle Unglücke bekannt werden und die wirkliche Zahl der Todesfälle deutlich höher liegen könnte.

Die Hauptherkunftsländer der in Südeuropa registrierten Migranten waren in 2018 vor ­allem die westafrikanischen ­Armutsländer Guinea, Mali und Elfenbeinküste; die Bürgerkriegs- und Krisenländer Syrien, Afghanistan und Irak; und die nordafrikanischen Staaten Marokko, Tunesien und Algerien.

Neues Abkommen mit Marokko

Die Verlagerung der Migrationsroute Richtung Spanien ist nach Einschätzung der Experten eine Folge der Hindernisse auf dem Wasserweg zwischen Libyen und Italien: Die libysche Küstenwacht stoppt im EU-Auftrag immer mehr Migrantenschiffe. Die Zusammenarbeit mit dem sich in Bürgerkriegswirren befindenden Maghreb-Staat ist aber umstritten. Nach IOM-Angaben brachte der libysche Grenzschutz im Jahr 2018 mehr als 15 000 Bootsinsassen nach Libyen zurück. Parallel flog die IOM rund 16 000 Migranten aus Libyen in ihre Heimatländer zurück. Ein ähnliches Kooperationsabkommen strebt die EU mit Marokko an, das sich in den letzten Monaten zum Haupttransitland in Nordafrika entwickelte. Brüssel sagte Rabat bereits Millionengelder für die Aufrüstung der Küstenwacht und auch Wirtschaftshilfen zu. Als Gegenleistung soll Marokko seinen Kampf gegen die irreguläre Immigration Richtung Europa verstärken. Nur mit dem Plan, Asylzentren in Nordafrika einzurichten, ist die Europäische Union 2018 nicht weitergekommen. Alle nordafrikanischen Staaten von Marokko bis Ägypten sprachen sich gegen solche Zentren aus, in denen nach den EU-Plänen über Asylanträge entschieden werden soll.