Coronavirus
Wenn der Tod zum Geschäft wird: Wie Spaniens «Sargdorf» vom Coronaboom profitiert

Während das gesamte Land unter der Coronapandemie ächzt, kann sich ein Dorf in Galicien vor Arbeit kaum retten. Der Grund: Hier haben sich mehrere Sarghersteller niedergelassen.

Manuel Meyer aus Madrid
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Bürgermeister José Luis González stellt auch Särge her.

Bürgermeister José Luis González stellt auch Särge her.

Brais Lorenzo/EPA

Piñor, ein verschlafenes Nest in Galicien. Gerade einmal 1176 Menschen leben hier zurückgezogen im grünen Hinterland der nordspanischen Atlantikküste. Touristen verirren sich nur selten dorthin. Selbst Pilger, die über den südlichen Jakobsweg ins nahe Santiago de Compostela zum Apostelgrab wandern, machen nicht in Piñor halt.

Bisher hatten die wenigsten Spanier überhaupt jemals von dieser Ortschaft gehört. Doch das hat sich mit dem Ausbruch der Coronapandemie schlagartig geändert. Denn während Spanien unter dem Virus ächzt, die Arbeitslosenquote in die Höhe schiesst und die meisten Geschäfte im Zuge des strikten Alarmzustands seit sechs Wochen geschlossen sind, blüht Piñor regelrecht auf. Der Grund: Die kleine Gemeinde gehört zu den grössten Sargherstellern Spaniens.

Wir produzieren sogar schon in Doppelschichten und am Wochenende.

Gleich neun Unternehmen mit über 50 Angestellten produzieren hier derzeit rund um die Uhr Särge, von denen derzeit leider gebraucht werden. Mit über 23'500 Todesopfern ist Spanien nach den USA das am schlimmsten von der Pandemie betroffene Land der Welt. So hört man es in den Gassen von Piñor seit einigen Wochen unentwegt hämmern, sägen und schleifen. «Wir produzieren sogar schon in Doppelschichten und am Wochenende, weil wir der Nachfrage sonst einfach nicht nachkämen», verrät Sarghersteller José Luis González. Stellte sein Familienbetrieb vor der Epidemie monatlich 200 Särge her, sind es heute um die 400.

In den anderen Unternehmen sieht es nicht anders aus. Die Bestellungen haben sich nahezu verdoppelt. Die meisten Särge schicken sie nach Katalonien, ins Baskenland, ins benachbarte Portugal und natürlich nach Madrid, wo die meisten Coronaopfer zu beklagen sind. In der spanischen Hauptstadt fielen gerade zu Beginn der Pandemie so viele Menschen dem Virus zum Opfer, dass die Madrider Regionalregierung gleich zwei Eissporthallen mit potenten Kühlsystemen in Massenleichenhallen umwandelte.

Das Netflix unter Spaniens Dörfern

So erleben Piñors Sarghersteller im Zuge der Corona-Krise einen ähnlichen Boom wie Netflix oder das Videokommunikationsunternehmen Zoom. Um dem hohen Bedarf an Särgen überhaupt nachkommen zu können, haben die Firmen aufgehört, verzierte und hochwertige Särge herzustellen. «Es ist eine traurige Zeit», meint José Luis González, der gleichzeitig auch Bürgermeister von Piñor ist. Dennoch tut die Coronakrise seiner Gemeinde wirtschaftlich gut. Zumal in den vergangenen Jahren die Sargproduktion durch Billigimporte aus China rapide zurückging.

Die Gegend ist strukturschwach. Landwirtschaft, Viehhaltung. Das wars. Piñor ist aber von riesigen Wäldern umgeben. Kiefern, Eichen, Kastanien und Eukalyptusbäume. So sah man bereits vor Jahrzehnten eine Marktlücke und wurde zum grössten Holzsarg-Produzenten Spanien.