Analyse
Wenn sich der Papst bewegte, dann meistens auf die falsche Seite

Mit dem Rücktritt wird der 85-jährige Joseph Ratzinger zum Hoffnungsträger einer Kirche. Bis in die katholischen Stammlande verspielte er den Glauben, die Hoffnung und die Liebe zur Kirche.

Werner De Schepper
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Unter Papst Benedikt XVI. hat es tief runtergeschneit. Letzten Sonntag sprach Pfarrer Toni Schmid in der Kirche von Sörenberg LU folgende Predigtworte: «Der Papst ist ein intellektueller Mann, hat viel gelesen, weiss viel, vor allem über das Mittelalter, aber er ist nicht bei uns. Er weiss nicht, wo uns der Schuh drückt.»

Toni Schmid stammt aus dem Sörenberg, lebte als Missionar in Kolumbien, bis er dort wegen seiner befreiungstheologischen Haltung auf eine Todesliste kam. Jetzt lebt er wieder im Sörenberg. Er ist nur wenig jünger als Papst Benedikt XVI. und doch steht er für eine ganz andere Kirche. Den Einzug des Sonntagsopfers kündete Toni Schmid so an: «Ich kann Euch das heutige Opfer für die Aufgaben des Bistums Basel wärmstens empfehlen. Ich könnte es nicht, wenn das Geld für den Papst bestimmt wäre.»

Acht lange Jahre war der deutsche Joseph Ratzinger Papst in Rom. Bis in die katholische Stammlanden verspielte er den Glauben, die Hoffnung und die Liebe zur Kirche. Es war das vorhersehbare Verhängnis. Keiner - ausser ein paar euphorisierten Deutschen im «Wir sind Papst»-Fieber - konnte ernsthaft erwarten, dass der bei seiner Wahl schon 78-jährige Mann, der notabene bis dahin als oberster römischer Glaubenswächter alles verfolgte, was nicht auf seiner Linie lag, dass also dieser Mann ein Hoffnungsträger werden würde. Und er wurde es auch nicht. Er kam nirgends vom Fleck: nicht in der Ökumene, nicht im Dialog mit den anderen Religionen und auch nicht in den innerkatholischen Diskussionen um Frauen, Geschiedene und Priesteramt.

Wie der Papst seinen Ruf verlor

Wenn er sich bewegte, dann meistens auf die falsche Seite. Das schlimmste Menetekel war seine Annäherung an die rechtskatholisch-reaktionäre Piusbrüderschaft, die jahrzehntelang gegen jedes Aufbruchszeichen zu Felde zog und lieber in der Kirche lateinisch mit Gott oder wem auch immer redet, als in der Sprache des Volkes, wie es das zweite Vatikanische Konzil vor 50 Jahren eingefordert hat. Dabei wissen wir, dass auch Jesus am Kreuz nicht lateinisch wie die römischen Machthaber, sondern in seiner Mundart auf aramäisch geschrien hat: Eli eli sabachthani. Herrgott, warum hast Du mich verlassen!

Bei der Annäherung an die auch politisch stark rechtsaussen verankerten Pius-Brüder verlor Benedikt mehr als nur die Hoffnung aller auf Veränderung Hoffenden. Er verlor seinen Ruf. Denn unter den von ihm rehabilitierten Pius-Brüdern war auch ein Holocaust-Leugner. Das hätte dem Deutschen nie passieren dürfen. Einem Manne, dem man nachsagte, er sei sehr sorgfältig und wissenschaftlich.

Und trotzdem wird dieser alte Mann jetzt durch seinen Rücktritt zum grossen Hoffnungsträger einer Kirche, die sich immer wieder verändert, meist dann, wenn man es eigentlich nicht mehr für möglich hält. Sein Rücktritt ist freiwillig, schlicht und klar: Ich bin alt, müde und kann nicht mehr. Am 28. Februar um 20 Uhr ist sein Pontifikat zu Ende. Amen. Sein Abgang ins Kloster heisst, dass das Amt des Papstes nicht erst auf dem Totenbett, sondern zuvor ein Ende haben kann. Es befreit die Kirche vom Ballast des Absoluten, des nicht mehr Mensch Seienden an der Spitze. Der über die Jahrhunderte zur Unfehlbarkeit emporstilisierte Papst wird endlich menschlich. Und das ist gut so.

Trotz allem hat sich die Kirche auch in den letzten acht Jahren nochmals massiv verändert. Der Resignation in Europa steht eine Kirche des Aufbruchs in Afrika und Lateinamerika gegenüber. Dreiviertel aller Katholiken weltweit leben heute in Lateinamerika, Afrika und Asien. Das verändert die Kirche - warum nicht schon bei der nächsten Papstwahl.