Wer soll Europa Gas geben dürfen? Die Russen wohl eher weniger, findet jetzt sogar Angela Merkel: Wir haben fünf Alternativen

Die Nawalny-Vergiftung könnte das Aus für die Nord Stream 2-Pipeline bedeuten. Ander Möglichkeiten gibt es. Aber sie kosten.

Christoph Reichmuth aus Berlin und Remo Hess aus Brüssel
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Während am Sonntag erneut 150'000 Menschen in Minsk gegen ihn auf die Strasse gingen, besucht Alexander Lukaschenko den «grossen Bruder» Wladimir Putin in Sotschi.

Während am Sonntag erneut 150'000 Menschen in Minsk gegen ihn auf die Strasse gingen, besucht Alexander Lukaschenko den «grossen Bruder» Wladimir Putin in Sotschi.

Bild: Keystone

94 Prozent der 2460 Kilometer langen Nord Stream 2-Pipeline sind bereits verlegt. Jetzt könnte das Megaprojekt aber doch noch scheitern. Nach dem Giftanschlag auf den Kreml-Kritiker Alexej Nawalny schliesst selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht mehr aus, die Pipeline auf den letzten Metern zu stoppen.

Und dass Wladimir Putin jetzt an der Seite von Machthaber Alexander Lukaschenko in das weissrussische Drama eingreifen dürfte, gibt Europa einen weiteren Grund, auf den Gas-Deal mit Russland zu verzichten. «Dem Markt würden dadurch grosse Mengen an günstigem Gas entzogen.

Die Zeche für einen Projekt-Abbruch würde der Verbraucher bezahlen», sagt Jens Müller, Sprecher des in Zug ansässigen Projektentwicklers, der gleich heisst wie die Pipeline: Nord Stream 2.

Karte Nord Stream 2.

Karte Nord Stream 2.

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Doch: Braucht Europa die zusätzlichen 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr wirklich? Energie-Experten sind sich uneins. Unbestritten aber ist: Erdgas macht heute rund einen Viertel des europäischen Energieverbrauchs aus, rund ein Drittel davon kommt aus Russland.

Auch die Schweiz bezieht rund 35 Prozent ihres Gases aus Russland. Mit Blick auf die geplante Energiewende wird seine Bedeutung für die Stromproduktion in Zukunft zunehmen.

Die Frage, wer Europa mit Gas beliefern darf, ist hochpolitisch, weil sich der Kontinent abhängig macht vom Zulieferer. Wird Nord Stream 2 fertiggebaut, wäre das ein Entscheid für Russland. Doch das ist nicht die einzige Option für Europa. Es gibt fünf Alternativen:

Gas aus dem Mittelmeer

In den letzten Jahren wurden im östlichen Mittelmeer riesige Gasfelder entdeckt. Griechenland, Zypern und Israel wollen das Gas fördern und bis 2025 über die EastMed-Pipeline nach Italien pumpen. Das Problem: Einige der Gasfelder sind umstritten. Die Türkei ist in der Region mit Bohrschiffen und ihrer Kriegsmarine unterwegs. Deswegen war zuletzt nicht klar, ob die Pipeline wirklich gebaut wird.

Gas aus Aserbaidschan

Im Kaspischen Meer unweit von Aserbaidschans Hauptstadt Baku liegt das Gasfeld Schah Denis. Aus ihm strömt Gas über Georgien via die transanatolische Pipeline durch die Türkei. Der letzte Teil der Leitung über Griechenland und Albanien bis nach Süditalien wurde dieses Jahr unter Beteiligung des Schweizer Energieunternehmen Axpo fertiggestellt. Das Problem: Aserbaidschan und sein Nachbarland Armenien befinden sich in einem Konflikt, was Risiken mit sich bringt.

Gas aus Nordafrika

Algerien und Libyen sind wichtige Gasproduzenten. Mehrere existierende Pipelines führen nach Spanien und Italien. Die politischen Risiken sind aber auch hier hoch. Seit dem Ausbruch des libyschen Bürgerkriegs 2011 kam es immer wieder zu Lieferunterbrüchen.

Norwegisches Gas

Norwegen deckt rund 25 Prozent des europäischen Gasbedarfs ab und ist die Nummer zwei hinter Russland. Trotzdem: Europa kann sich nicht alleine aus Norwegen versorgen. Andere europäische Gasfelder sind versiegt. Die Förderung im niederländischen Groningen wird wegen Erdbebengefahr bis spätestens 2022 eingestellt.

US-Flüssiggas

Die USA sind der grösste Erdgasproduzent der Welt. Möglich macht dies die Förderung über die umstrittene «Fracking»-Methode, mit der Schiefergas aus tiefliegenden Gesteinsschichten herausgepresst wird. Die Verflüssigung des Gases zu sogenanntem LNG («Liquid Natural Gas») macht es transportfähig. In Europa wurden etliche Terminals für LNG-Spezialschiffe gebaut. Da die Fracking-Methode zu grossen Umweltschäden führt, hat das US-Gas in Europa allerdings ein Image-Problem. Zudem ist es teurer als herkömmliches Pipeline-Gas.

Treffen der ungleichen Brüder: Lukaschenko reist als verzweifelter Bittsteller zu Putin


Alexander Lukaschenko gab sich bester Laune, als er am Montag in Sotschi aus seinem Flieger stieg. Hier wollte der weissrussische Machthaber seinen «grossen Bruder» treffen, wie er den russischen Präsidenten Wladimir Putin nennt. Es ist das erste Treffen der beiden Autokraten seit Lukaschenkos Wahl; das erste Treffen, seit vor sechs Wochen die noch immer anhaltenden Massenproteste gegen ihn ausgebrochen sind. Zum Flughafen hatte Putin lediglich den lokalen Gouverneur geschickt. Schon das zeigte, welche Position Moskau dem Verzweifelten aus Minsk zugesteht.

1,5 Milliarden Dollar soll Lukaschenko von Putin erhalten. Es sei ein «schwieriger Moment für Belarus», sagte Putin in Sotschi. Gleichzeitig weiss er: Für Moskau sind die Proteste in Minsk eine Chance, das Land noch näher an sich zu binden. Minsk ist in dieser Partnerschaft der Juniorpartner. Zuletzt hatte der Kreml dieses Ungleichgewicht genutzt, um Lukaschenko mit einem Erdöllieferstopp unter Druck zu setzen.

Auf Lukaschenko kann Putin verzichten, auf Weissrussland aber nicht. Deshalb unterstützt der Kreml die Pläne einer weissrussischen Verfassungsänderung, welche die Allmacht Lukaschenkos abschwächen würde. Für seine geopolitische Ruhe braucht Moskau die Kontrolle über die Aussenpolitik und die Sicherheit Weissrusslands. Nur: Die aufgebrachte weissrussische Gesellschaft wird sich vom Gönner Putin nicht so einfach abspeisen lassen. (ihm)

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