Terror in St. Petersburg
Wer steckt hinter dem Metro-Anschlag?

Präsident Wladimir Putin schliesst Terror nicht aus.

Dagmar Heuberger
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Der zerstörte U-Bahn-Wagen in der Station Technologie-Institut in St. Petersburg.AFP

Der zerstörte U-Bahn-Wagen in der Station Technologie-Institut in St. Petersburg.AFP

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Im Gegensatz zu Frankreich, Belgien, Deutschland oder zuletzt England war Russland in jüngster Zeit von verheerenden Terroranschlägen verschont geblieben. Jetzt hat es aber die russische Metropole St. Petersburg getroffen. Gegen 13 Uhr (Ortszeit) kam es in der U-Bahn im Zentrum der 5-Millionen-Stadt zu einer Explosion.

«Ein unbekannter Gegenstand» sei in einem U-Bahn-Wagen auf der Fahrt zwischen zwei Stationen detoniert, meldeten die russischen Nachrichtenagenturen. Zunächst war fälschlicherweise von zwei Explosionen in verschiedenen Waggons beziehungsweise in zwei Bahnhöfen die Rede gewesen. Eine Anti-Terror-Einheit entdeckte jedoch in einer anderen U-Bahn-Station einen zweiten, nicht explodierten Sprengsatz. Dieser befand sich am Wosstanija-Platz (Platz des Aufstands) – direkt unter dem grössten Bahnhof von St. Petersburg.

Die Bombe, die zwischen den Haltestellen Technologie-Institut und Sennaja-Platz gezündet wurde, war nach Angaben der Agentur Interfax mit Schrapnellen gefüllt und soll sich in einem Aktenkoffer befunden haben. Die Polizei fahndet unterdessen nach Angaben der Agentur Interfax nach zwei Verdächtigen. Einer von ihnen soll die Bombe in der Aktentasche unter einem Sitz in der U-Bahn platziert haben. Der andere soll die Bombe an der Metro-Station Wosstanija-Platz deponiert haben.

Die Angaben über die Opferzahlen – darunter auch Kinder – waren bis gestern Abend widersprüchlich. Die russische Anti-Terror-Behörde sprach von mindestens elf Toten. Die Meldungen über Verletzte schwanken zwischen 45 und 50 Personen. Fernseh-Sender zeigten Bilder von Verletzten, die auf einem Perron lagen. Sämtliche U-Bahn-Stationen wurden nach dem Anschlag evakuiert und geschlossen. Zudem wurden auf dem Flughafen St. Petersburg und in Moskau die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt.

Putin war in der Stadt

Zum Zeitpunkt der Explosion hielt sich Präsident Wladimir Putin in St. Petersburg auf – allerdings nicht in der Nähe des Anschlagsorts. Er wollte sich in seiner Heimatstadt mit dem weissrussischen Staatschef Alexander Lukaschenko zu einer Konferenz treffen. Die Sicherheitsbehörden würden die Explosion aufklären, versprach Putin. «Wir ziehen alle Möglichkeiten in Betracht – ob es eine kriminelle Tat war oder sie einen terroristischen Charakter hat», sagte er nach Angaben der Agentur Interfax. Die Generalstaatsanwaltschaft sprach dagegen offen von einem Terroranschlag.

Wer steckt hinter dem Anschlag?

Völlig unklar ist noch, wer hinter dem – mutmasslichen – Terroranschlag stecken könnte. Vom islamistischen Terror wurde Russland in der Vergangenheit nur selten heimgesucht. Allerdings beanspruchte die Terrormiliz IS erst in der vergangenen Woche einen Anschlag auf einen russischen Militärstützpunkt in Tschetschenien für sich. Am meisten Opfer forderte im Oktober 2015 der Absturz einer russischen Passagiermaschine über dem Sinai. Zuerst war von einem Unglück die Rede, später erklärte der IS, er habe den Absturz verursacht.

Auffällig ist jedoch, dass das Attentat ausgerechnet in eine Zeit aufkeimender Proteste fällt. An den beiden letzten Wochenenden gingen in Moskau und anderen russischen Städten Tausende gegen die Regierung auf die Strasse. Dutzende Demonstranten wurden allein am vergangenen Sonntag festgenommen. Nun dürfte es dem Kreml (noch) leichter fallen, die Opposition unter der Affiche «Sicherheit» zu unterdrücken.