Debatte
Wer wird am Ende der neue US-Präsident? Unsere Korrespondenten sind sich da nicht einig

Schockt Amerika die Amerikaner ein zweites Mal? Die Umfragen sprechen dagegen, unsere Korrespondenten haben dazu aber so ihre eigene Meinung.

Renzo Ruf und Samuel Schumacher
Merken
Drucken
Teilen
Joe Biden, 77, Kandidat der Demokraten (links) und Donald Trump, 74, Kandidat der Republikaner (rechts).

Joe Biden, 77, Kandidat der Demokraten (links) und Donald Trump, 74, Kandidat der Republikaner (rechts).

Quelle: Keystone/AP/ROURKE/SEMANSKY

Darum wird Joe Biden US-Präsident: USA-Korrespondent Renzo Ruf glaubt an Joe Bidens Einzug ins Weisse Haus

Amerika ist sich seines Präsidenten überdrüssig. Der durchschnittliche Amerikaner hat es satt, dass sich früher oder später fast jedes Gespräch um den Mann im Weissen Haus dreht, selbst wenn man doch nur über Halloween oder Football diskutieren wollte. Diese Gespräche verlaufen stets in gewohnten Bahnen. Entweder hasst man den Präsidenten, oder man ist ein Fan.

Grautöne existieren in Trumps Amerika nicht mehr. Diese Tendenz zeichnete sich schon während der Amtszeit seines Vorgängers ab. Barack Obama polarisierte ähnlich stark wie Trump, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Und auch er vermischte das Politische mit dem Persönlichen und war im Alltag omnipräsent.

Wem die absonderliche Verehrung Trumps durch seine fanatischen Anhänger sauer aufstösst, der kommt nicht darum herum, die Wurzeln für diese Entwicklung bei seinem Vorgänger zu suchen. «Er ist der Grund, warum ich Präsident bin», sagte Trump kürzlich über Obama.

Mit der Wahl von Biden bietet sich Amerika die einmalige Chance, die Glamourisierung des politischen Betriebs zu stoppen. Jose Biden, stolzer Sohn der einstigen Arbeiterstadt Scranton (Pennsylvania), ist das pure Gegenteil des fleischgewordenen Stinkefingers im Weissen Haus.

Biden ist Mittelmass, während Trump stets der Beste sein will. Biden ist lauwarm, Trump entweder brühend heiss oder eiskalt. Biden ist demütig, während Trump ständig quasselt, am liebsten über sich selbst. Kurz: Biden ist kein Star, sondern ein Berufspolitiker. Er will über politische Inhalte diskutieren, gerne extralang.

Amerika wagte 2016 ein Experiment und übergab die Schlüssel des Weissen Hauses einem Mann, der versprach, unorthodox vorzugehen. Vier Jahre später ist es Zeit, dieses Experiment zu beenden. Das Land braucht, gerade jetzt, einen fähigen Politiker an der Staatsspitze.

Darum wird Donald Trump das Rennen machen: Auslandredaktor Samuel Schumacher traut Trump die Sensation zu

«Vergessen Sie die Umfragen, die lagen schon 2016 völlig daneben.» Wer in diesen Tagen mit konservativen Amerikanern spricht, bekommt diesen Satz oft zu hören. Ganz richtig ist er nicht. Die Umfrageinstitute haben schliesslich dazugelernt und ihre Methoden verfeinert. Trotzdem: Auch 2020 verfallen wieder viele von uns allzu leichtgläubig den Umfragewerten, die Joe Biden deutlich vorne sehen.

Dabei scheinen die Experten auch dieses Jahr eine ganze Bevölkerungsgruppe komplett zu vernachlässigen: die sogenannten «scheuen Trump-­Wähler». Sich als Unterstützer des provozierenden Präsidenten zu outen, ist je nach Umfeld auch in den USA äusserst unangenehm. Die Dunkelziffer jener Amerikaner, die in Umfragen deshalb angeben, für Biden zu sein,und dann doch heimlich Trump wählen, dürfte hoch sein.

Die scheuen Wähler aber sind nur der eine Faktor, den all jene gerne ausblenden, die jetzt Trumps vorzeitiges Aus prophezeien. Der andere: Die Amerikaner sind nach vier Jahren unter Trumps Ägide gar nicht so vergrault, wie man denken könnte. 56 Prozent geben laut dem Forschungsinstitut Gallup an, dass es ihnen besser gehe als noch vor vier Jahren – trotz der Auswirkungen der Pandemie. Warum also sollten sie Trump abwählen?

Kommt hinzu: Die Amerikaner lauschen gerne jenen Stimmen, die ihnen eine strahlende Zukunft verkünden. Roland Reagan versprach einst, es werde «wieder Morgen» nach einer langen Nacht. Barack Obama gewann mit den Schlagworten «Hoffnung» und «Wandel». Trump verkündete, er mache Amerika «wieder grossartig». Das Versprechen hat er 2020 erneuert. Wer glaubt, dass die Amerikaner ausgerechnet jetzt in dieser schweren Krise ihre Ohren vor solch wohligen Heilsversprechungen verschliessen werden, unterschätzt ihre unbändige Lust auf grossartige Zeiten.