Euro-Krise

Weshalb sich Grossbritannien immer wieder mit Europa anlegt

Das britische Verhältnis zu Kontinentaleuropa war schon immer schwierig - eigentlich bereits seit der Amtszeit von Premier Winston Churchill. Nun haben sich die Beziehungen in der Euro-Krise noch einmal abgekühlt. Warum eigentlich?

Garret Martin
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Der Turm von Big Ben steht nicht ganz gerade (Archiv)

Der Turm von Big Ben steht nicht ganz gerade (Archiv)

Keystone

Der Gipfel vom 9.Dezember entwickelte sich für die EU zu einem Drama: Der britische Premierminister David Cameron entschied sich, einen deutsch-französischen Plan von EU-Vertragsänderungen, welche die belagerte Eurozone stärken sollen, mit dem Veto zu belegen. Dass nun aber in der Folge Grossbritannien in Europa isoliert wird, während ein Kern von EU-Mitgliedern die fiskale und monetäre Integration vorantreiben, entsprach ganz sicher nicht dem, was Cameron bezweckte, als er im Mai 2010 sein Amt als Premier antrat. Das Ergebnis des Brüsseler Gipfels kann besser verstanden werden, wenn man es durch die Linse der häufig tumultreichen und ambivalenten Geschichte Grossbritanniens mit der europäischen Integration anschaut.

Winston Churchills Zürcher Rede

Im September 1946 sprach Winston Churchill in Zürich von der Notwendigkeit, eine Art Vereinigte Staaten von Europa zu schaffen; er machte aber gleichzeitig klar, dass Grossbritannien selbst nicht Teil einer solchen Organisation sein würde. Als eine Insel, die historisch auf den Handel mit ihrem grossen Imperium in Übersee konzentriert war, und als eine Siegernation, der eine Besatzung erspart geblieben war, bestand Grossbritanniens Strategie, um den Horror des Zweiten Weltkriegs bewältigen zu können, für Churchill nicht in einer engeren Union mit den kontinentaleuropäischen Nachbarn. Churchills Zürcher Rede fasste die britische Haltung gegenüber der europäischen Einigung perfekt zusammen: Britannien unterstützte zwar den europäischen Integrationsprozess, stand aber noch so gerne abseits.

Aus diesem Grund weigerte sich Grossbritannien, 1951 an der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) teilzunehmen. London distanzierte sich auch, als Frankreich, Westdeutschland, Italien, Holland, Luxemburg und Belgien die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gründeten – und zog es vor, im Gegenzug eine parallele Freihandelszone (EFTA) zu etablieren.

Grossbritannien meist im Abseits

Als Grossbritannien seine Meinung doch noch änderte, nachdem es vom Wirtschaftserfolg der EWG überrascht worden war, und um eine Mitgliedschaft im europäischen Klub ersuchte, wurde das zweimal vom französischen Präsidenten Charles de Gaulle abgelehnt. De Gaulle war extrem misstrauisch wegen Englands enger Beziehung mit den USA. Erst 1973 gelang es Britannien, die französische Opposition zu überwinden und Mitglied der EWG zu werden.

Das lange Abseitsstehen forderte aber einen hohen Preis. Die Bedeutung des späten Beitritts zur EWG kann gar nicht stark genug betont werden. Grossbritannien trat einem Club bei, als die grundsätzlichen Regeln der Zusammenarbeit längst entschieden waren – häufig nicht zum Vorteil Britanniens. Die Unzufriedenheit mit dieser Situation wuchs, und der Wunsch, sie zu verändern, wurde ein Leitmotiv der zumeist streitlustigen Beziehung Grossbritanniens zu Europa in den darauffolgenden vier Jahrzehnten.

Denn kurz nachdem Britannien EWG-Mitglied geworden war, versuchte die britische Regierung den ursprünglichen Beitrittsdeal neu auszuhandeln. 1975 wurde gar ein Referendum abgehalten, ob das Land in der Europäischen Gemeinschaft bleiben sollte oder nicht. Unter Premierministerin Margaret Thatcher verschlechterten sich die britischen Beziehungen zu Europa weiter, hauptsächlich wegen Budgetstreitigkeiten.

Der Euro hat den Streit verschärft

Die gemeinsame Agrarpolitik, beschlossen noch vor dem britischen Beitritt und der grösste Ausgabenposten in der EWG, war besonders nachteilig für die Insel. Thatcher verbiss sich in dieses Thema, bis sie von ihren Partnern auf dem Kontinent 1984 einen Rabatt erhielt – einen Rabatt, der dem Land zwar half, aber Grossbritannien blieb weiterhin grösster Nettozahler – nach Deutschland – innerhalb der EWG.

Die Briten waren zudem stets skeptisch gegenüber den endlos scheinenden institutionellen Veränderungen und neuen Verträgen ab 1986. Alle neuen Verträge lieferten denjenigen Briten Munition, die ein zu stark zentralisiertes Europa ablehnen und stattdessen eine lose Freihandelszone ohne bedeutende supranationale Autorität bevorzugten.

Die britische Abneigung gegenüber einem stark integrierten Europa wurde verstärkt durch die aus ihrer Sicht unerfreuliche Erfahrung ihrer eigenen Währung im Zuge der erfolgreichen europäischen Währungsunion. Der erste Versuch, das Pfund an die anderen europäischen Währungen anzubinden, scheiterte 1972 kläglich. 1990 trat Britannien dem Wechselkursmechanismus (ERM) bei, doch zwei Jahre später zwang eine Krise Britannien bereits wieder zum Austritt.

Beide Episoden verängstigten London zutiefst und überzeugten Premier John Major, der Wirtschafts- und Währungsunion von Maastricht fernzubleiben. Weil die britische Wirtschaft in den 1990er-Jahren und frühen 2000er-Jahren besser abschnitt als die kontinentaleuropäischen Wirtschaften, hielten Tony Blair und seine Labour-Regierung am Kurs fest, statt das Abseitsstehen zu überdenken und den Euro doch noch einzuführen.

Antieuropäische Klatschpresse

Seit 1973 stärken Meinungsumfragen – beeinflusst von der mächtigen Boulevardpresse – in Britannien immer das Lager der Euroskeptiker. Derzeit befürworten 49 Prozent der Wähler einen EU-Austritt Grossbritanniens; nur 40 Prozent wollen, dass ihr Land EU-Mitglied bleibt. David Camerons aktuelles Veto kam deshalb nicht aus dem Nichts.

Historisch hat Britannien gegenüber der Europäischen Gemeinschaft, der sie spät beigetreten ist, als die Re-geln bereits vereinbart worden waren, immer eine ambivalente und skeptische Haltung gegenüber Europa vertreten. Die britische Vision bestand immer aus weniger Europa – nicht mehr Europa. Camerons Veto ist deshalb nicht der Anfang eines britischen Rückzugs aus Europa. Es ist einfach ein weiterer Schritt in der zunehmenden Marginalisierung Britanniens im wirtschaftspolitischen Entscheidungsprozess in Europa.

Übersetzung: Christian Nünlist