WETTSKANDAL: «Ich bekams mit der Angst zu tun»

Er kickte für St. Pauli und geriet in die Fänge der Wettmafia. René Schnitzler über Machenschaften der Mafia und die Angst vor der Rache der dubiosen Männer.

Interview Christoph Reichmuth
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René Schnitzler, hier im Spiel St. Pauli gegen Hamburg im Februar 2004. Sein Schicksal soll jungen Spielern die Augen öffnen. (Bild: Keystone)

René Schnitzler, hier im Spiel St. Pauli gegen Hamburg im Februar 2004. Sein Schicksal soll jungen Spielern die Augen öffnen. (Bild: Keystone)

René Schnitzler (27) spielte in der zweiten Bundesliga für den FC St. Pauli. Anfang 2011 gestand er, während seiner Pauli-Zeit rund 100 000 Euro von einem Mitglied der Wettmafia erhalten zu haben. Das DFB-Sportgericht sperrte Schnitzler von Juli 2011 bis zum 30. September 2013, obwohl es für tatsächliche Manipulationen keine Anzeichen gab.

René Schnitzler, der Fussball wurde letzte Woche von einem Wettskandal riesiger Dimension erschüttert. Was ist ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie davon hörten?

René Schnitzler: Nimmt das denn gar kein Ende mehr, dachte ich. Diese Wettmafia macht den Fussball kaputt.

Als Stürmer des FC St. Pauli sind Sie selbst in den Sumpf der Wettmafia geraten. Wie ist es so weit gekommen?

Schnitzler: Ich war spielsüchtig, habe fast meine gesamte Freizeit beim illegalen Pokern und Zocken verbracht. Irgendwann einmal wurde ich durch einen Kontaktmann in Verbindung zu Leuten gebracht, die Spiele manipulieren wollten. Die Leute wussten natürlich, dass ich mich durch Zocken schwer verschuldet habe. Ich habe mich dann auf diese Leute eingelassen, ohne aber zu manipulieren.

Was waren das für Leute? Wie ist es zum ersten Treffen gekommen?

Schnitzler: Ein Bekannter von mir wusste über meine Spielsucht und meine Schulden Bescheid. Er hat den ersten Kontakt hergestellt. Wir trafen uns in einem Fünf-Sterne-Hotel. Das waren Männer aus Holland, die sahen sehr seriös aus, überhaupt nicht kriminell, eher wie Geschäftsleute. Die wussten natürlich, dass ich Geldprobleme habe. Jeder, der zockt, hat Schulden. Die fragten mich, ob ich ein paar tausend Euro verdienen wolle.

Was haben die konkret gefordert?

Schnitzler: Der FC St. Pauli sollte sein nächstes Spiel möglichst hoch verlieren. Da sagte ich: Okay, das kann man machen. Daraufhin haben die mir 30 000 Euro bar auf die Hand gegeben. Das nächste Spiel haben wir dann auch tatsächlich hoch verloren, mit 1:5. Doch ich war nicht einmal auf der Ersatzbank, ich war verletzt und hab das Spiel am Fernsehen mitverfolgt. Die nächsten beiden Spiele haben wir wieder verloren, die Leute waren zufrieden, ich hatte wieder Geld, das ich gleich am nächsten Tag verzockte. Dabei habe ich bloss geraten, dass wir verlieren, ich habe nicht manipuliert. Wir spielten gegen Teams aus der vorderen Tabellenhälfte, da war die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass St. Pauli als Verlierer vom Platz geht. Dann aber kam das erste Spiel, das nicht so lief, wie sich das diese Herren vorgestellt haben.

Was ist dann geschehen?

Schnitzler: Nach dem ersten Spiel war es noch nicht dramatisch. Die meinten, dass das mal passieren könne. Wir sollten das Geld einfach wieder einspielen, indem wir den nächsten Match verlieren. Doch wir gingen auch beim nächsten Spiel als Gewinner vom Platz. Dann wurde es langsam ungemütlich.

Wurden Sie bedroht?

Schnitzler: Ich sass sieben oder acht Männern gegenüber, die nicht sonderlich zufrieden dreinschauten. Sie wollten sicherstellen, dass wir das nächste Spiel verlieren. Einer von ihnen drohte, mich bei Ebbe an einen Pfahl in der Nordsee zu binden und zu warten, bis die Flut kommt, falls das Spiel nicht so läuft, wie er es wünschte.

Hatten Sie Angst?

Schnitzler: Am Anfang überhaupt nicht, doch nach diesem Treffen wurde mir mulmig, ich bekam es mit der Angst zu tun. Ich wechselte meine Handynummer, gab meinen Eltern einen Zettel mit Infos über diese Personen, im Falle, dass mir etwas zustossen würde. Ich habe dann nie wieder was von diesen Leuten gehört. Mein Glück war wohl, dass just zu dieser Zeit erste Verhaftungen in Zusammenhang mit dem Wettskandal stattfanden. Dadurch waren diese Männer vermutlich verunsichert und haben sich zurückgezogen.

Sie spielten als Stürmer. Wie hätten Sie alleine überhaupt eine Partie beeinflussen können?

Schnitzler: Diese Leute gingen davon aus, dass ich zwei, drei weitere Spieler im Team einweihen werde und dass wir das Geld untereinander aufteilen. Ich habe denen auch erzählt, der Torwart, ein Abwehrspieler und ein Mittelfeldmann seien informiert. Was natürlich nicht stimmte. Ich habe nie mit jemandem aus der Mannschaft darüber gesprochen.

Wie kann man überhaupt Spiele manipulieren? Da sitzen oft 30 000 bis 40 0000 Leute im Stadion, Hunderttausende vor dem Fernseher. Das fällt doch auf.

Schnitzler: Sicher bräuchte es drei, vier Spieler, die involviert wären. Abwehrspieler, der Torwart. Im Fussball kommt es immer wieder zu Fehlern, das ist menschlich. Von daher können Spiele schon manipuliert werden, ohne dass das auffällt.

Sie glauben, dass vor allem Spieler aus unteren Ligen anfällig sind für solche Manipulationen. Weshalb?

Schnitzler: Weil es in unteren Ligen weniger auffällt, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist weniger gross, es sind nicht dauernd Kameras auf die Spieler gerichtet. In unteren Ligen wird auch nicht das ganz grosse Geld verdient. Ich denke, dass diese Kriminellen niemals einen Star des FC Bayern München ansprechen würden. Die Gefahr wäre viel zu gross, dass dann die Polizei eingeschaltet würde.

Was wissen Sie heute von diesen Leuten? Waren das bloss Mittelsmänner oder richtig einflussreiche Kriminelle?

Schnitzler: Diese Frage kann ich bis heute nicht beantworten. Ich habe keine Ahnung.

Wie viel Geld haben Sie durch die Wettmafia verdient?

Schnitzler: Etwa 100 000 Euro. Insgesamt habe ich etwa 1 Million Euro verzockt, heute habe ich noch Schulden von etwa 300 000 Euro.

Fürchten Sie sich, dass diese Leute irgendwann ihr Geld zurückhaben wollen?

Schnitzler: Momentan fühle ich mich sicher, das Thema wird breit in der Öffentlichkeit diskutiert, ich bin auch oft in den Medien. Aber wenn etwas Gras über die Sache gewachsen ist, dann kann es natürlich schon sein, dass die noch einmal kommen. Ich schütze mich, so gut es geht, halte meine Handynummer verdeckt, meine Adresse ist nicht eingetragen.

Sind Fussballspieler besonders gefährdet für Spielsucht?

Schnitzler: Natürlich hängt das von der Persönlichkeit jedes Einzelnen ab. Aber wenn jemand anfällig ist für Suchtspiele, dann ist das für junge Fussballer besonders gefährlich. Die Spieler sind kaum 20, und verdienen monatlich plötzlich 15 000, 20 000 Euro. Als Fussballer hat man viel Zeit, manchmal nur ein Training am Tag, den Nachmittag dann frei. Es ist für viele junge Leute schwierig, mit so viel Geld umzugehen. Wir hatten im Team auch andere, die gerne zockten. Den Bezug zu Geld hatten viele von uns verloren.

Wie zeigte sich das?

Schnitzler: Es liefen absurde Wetten. Ein Beispiel: Einmal warteten wir nach Auswärtsspielen am Flughafen auf die Koffer, wir wetteten um 500 Euro, wessen Koffer als erster auf das Band fällt.

Hat Sie im Klub niemand darauf angesprochen? Die Mitspieler und der Trainer mussten noch merken, dass mit René Schnitzler etwas nicht mehr stimmt – oder dass er sich von der Mannschaft isoliert.

Schnitzler: Nee, es gab ja viele andere Spieler, die selbst pokerten und zockten.

Müssen die Vereine ihre jungen Spieler besser schützen?

Schnitzler: Sie sollten das Thema Spielsucht offensiv ansprechen. Die Sucht ist gerade im Fussball weiter verbreitet als dass viele wahrhaben wollen.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Mitspielern – oder gelten Sie als Verräter?

Schnitzler: Natürlich gibt es ehemalige Mitspieler, die sauer sind auf mich. Andere glauben mir aber, dass ich nicht manipuliert habe, mit denen habe ich es heute noch gut. Jeder darf denken, was er will.

Sie schildern ihren Weg in die Sucht in ihrem Buch «Zockerliga», touren durch Talkshows, geben Interviews wie dieses. Weshalb suchen Sie mit Ihrer Geschichte die Öffentlichkeit?

Schnitzler: Es fällt mir nicht immer leicht, über das Vergangene zu sprechen. Aber gleichzeitig erlaubt das mir, mit mir selbst reinen Tisch zu machen. Ich bin in Therapie, um meine Spielsucht in den Griff zu bekommen. Und vielleicht kann ich als negatives Beispiel dem einen oder anderen jungen Fussballer ja die Augen öffnen.

Sie haben nach Ihrer Aktivlaufbahn nahezu 40 Kilogramm zugenommen. Im Herbst läuft Ihre Sperre des Deutschen Fussball Bundes (DFB) ab. Wollen Sie es als Profifussballer noch einmal wissen?

Schnitzler: Ich bin dabei, mich körperlich fit zu machen, ich trainiere hart, damit ich Ende September wieder bereit bin.

Gibts ein Comeback in der Bundesliga?

Schnitzler: Kaum. Die Bundesliga ist für mich wohl vorbei. Meine Vergangenheit würde mich immer wieder einholen. Stellen Sie sich vor, ich schiesse als Stürmer an die Latte statt ins Tor. Dann heisst es wieder, ich hätte das extra gemacht.

Wie wärs mit der Schweiz – FC Luzern zum Beispiel?

Schnitzler: (lacht). Wohin mich mein Weg führen wird, wird sich weisen.
 

Hinweis:

«Zockerliga. Ein Profifussballer packt aus», Wigbert Löer/Rainer Schäfer, Gütersloher Verlagshaus.