Homeoffice-Gesetz
Whatsapp-Verbot für Portugals Chefetage: Ab sofort dürfen die Bosse ihre Angestellten nicht mehr stressen

Ein neues Gesetz schützt das «Recht auf Ruhe» aller Angestellten. Es könnte zum europaweiten Vorbild werden.

Ralph Schulze, Madrid
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Homeoffice, aber mit Recht auf Ruhe: In Portugal dürfen Vorgesetzte ihre Untergebenen nach Feierabend nicht mehr kontaktieren.

Homeoffice, aber mit Recht auf Ruhe: In Portugal dürfen Vorgesetzte ihre Untergebenen nach Feierabend nicht mehr kontaktieren.

Keystone

Portugal hat als erste Nation Europas ein Homeoffice-Gesetz verabschiedet. Das Land auf der Iberischen Halbinsel gehört in Sachen Digitalisierung zu Europas Vorreitern und weiss seit langem um die Vorteile des Homeoffice. Genauso gut kennt man hier die Gefahren des flexiblen Von-Zuhause-Arbeitens. Und diesen Gefahren will die sozialistische Regierung von Premier António Costa jetzt den Riegel schieben.

So verbietet das Gesetz allen Vorgesetzten, ihre Mitarbeitenden ausserhalb der Arbeitszeiten mit Anrufen, E-Mails oder Kurznachrichten per Whatsapp oder Telegram zu kontaktieren. Bei Verstössen gegen das «Recht auf Ruhe», wie es portugiesische Medien nennen, drohen empfindliche Geldstrafen.

Das neue Kontaktverbot schützt aber nicht nur Heimarbeiter vor übereifrigen Chefs, sondern alle Arbeitnehmer in Portugal – unabhängig davon, ob sie zu Hause oder im Unternehmen arbeiten. Ausnahmen gelten nur im Falle «höherer Gewalt», wie es etwas schwammig im Gesetz heisst. Darunter seien «nicht vorhersehbare Ereignisse im Betrieb» zu verstehen, über welche die Mitarbeiter informiert werden müssten.

Betrieb muss Extrakosten für Internet bezahlen

Grundsätzlich räumt der neue Homeoffice-Erlass allen Büroangestellten mit Kindern bis zu acht Jahren die Möglichkeit ein, von zu Hause aus zu arbeiten. Der Arbeitgeber darf dies nicht ablehnen, soweit die Telearbeit technisch und organisatorisch möglich ist. Extrakosten für Computer, Internet und Strom müssen vom Betrieb übernommen werden. Das Recht auf Heimarbeit gilt allerdings nur, wenn das Unternehmen mindestens zehn Mitarbeiter hat.

Bis zum vergangenen Sommer war das Homeoffice für Portugals Büroarbeiter sogar Pflicht, um das Coronarisiko in den Betrieben zu reduzieren.

Dank einer europaweit rekordverdächtigen nationalen Impfquote von über 88 Prozent ist die Zahl der Ansteckungen im Land inzwischen aber stark gesunken, und die Telearbeit wird von der Regierung nur noch empfohlen.

Das Gesetz war mit den Stimmen der regierenden Sozialisten verabschiedet worden. Zwei kleine Linksparteien hatten sich enthalten. Die konservative Opposition, welche die Arbeitgeber auf ihrer Seite hatte, stimmte aber geschlossen dagegen.

Die Reform war einer der letzten Beschlüsse des portugiesischen Parlamentes, das in den nächsten Tagen aufgelöst wird. Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa hat Neuwahlen für Ende Januar angekündigt, nachdem der Haushalt der sozialistischen Minderheitsregierung von Premier António Costa keine Mehrheit im Abgeordnetenhaus gefunden hatte.

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