Widerstand
Nach dem Militärputsch in Myanmar leben die Menschen in Angst - und protestieren mit dem Kochlöffel gegen die Junta

Die Furcht und die Hoffnungslosigkeit bei der Zivilbevölkerung in Yangon und anderswo ist gross. Widerstand regt sich in den sozialen Medien und mit hilflosem Pfannengeklapper am Küchenfenster.

Mirjam Bächtold
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Ein Soldat in Myanmars grösster Stadt Yangon: Das Militär hat die Macht im Staat übernommen.

Ein Soldat in Myanmars grösster Stadt Yangon: Das Militär hat die Macht im Staat übernommen.

Bild: Getty (Yangon, 2. Februar 2021)

«The great depression» schreibt eine Burmesin auf Facebook und postet dazu das Bild einer grossen Packung Schokoladeneis vor der Computertastatur. Dass sie in dieser Situation ihren Humor nicht verliert, ist bewundernswert, denn was in Myanmar geschieht, ist überhaupt nicht zum Lachen.

Beim Videotelefonat hat die 27-Jährige Tränen in den Augen. «Ich habe mich noch nie so hoffnungslos gefühlt», sagt sie. Als sie am frühen Montagmorgen die Meldung des Putsches hörte, konnte sie es zuerst gar nicht glauben. «Das Militär hatte in den Tagen vorher schon damit gedroht, wegen Wahlbetrugs eine eigene Regierung zu bilden, aber wir hielten das nicht für möglich. Und jetzt ist es passiert. Das ist so surreal.»

Versperrter Zugang zum Gebäudekomplex in Myanmars Hauptstadt Naypyitaw, wo sich die abgesetzten Minister aufhalten.

Versperrter Zugang zum Gebäudekomplex in Myanmars Hauptstadt Naypyitaw, wo sich die abgesetzten Minister aufhalten.

Maung Lonlan / EPA

Die Meldung habe in der ehemaligen Hauptstadt Yangon, wo sie lebt und arbeitet, Panik ausgelöst. «Es gab Masseneinkäufe, die schlimmer waren als zu Beginn der Covid-Pandemie. Alle wollten sich für den Notfall mit Lebensmitteln und Medikamenten eindecken. Vor den Banken gab es lange Schlangen, weil die Menschen ihr Geld abheben wollten, da wegen dem Ausfall des Internets auch E-Banking nicht mehr möglich war. Auch telefonieren konnten wir nicht mehr», erzählt sie. Auf öffentlichen Plätzen, wo mit Protesten gerechnet werden muss, habe sich das Militär bewaffnet positioniert. «Aber niemand geht auf die Strasse, um zu protestieren.»

Digitaler Protest in den Sozialen Medien

Die junge Frau, die nicht riskieren kann, dass ihr Name genannt wird, ist überzeugt, dass Aung San Suu Kyis Aufruf zu Protesten eine Fälschung des Militärs ist. «Ich denke, man will die Bevölkerung provozieren, damit sie auf die Strasse geht, wo das Militär beweisen kann, dass es gebraucht wird, um Proteste niederzuschlagen.» Deshalb bleibt es in Myanmars grösster Stadt verhältnismässig ruhig. Am Dienstag protestierten viele Burmesen mit Lärm von zu Hause aus. Sie haben die Fenster geöffnet und mit Kochlöffeln auf Pfannen geklopft:

zvg

Viele protestieren auch friedlich auf Facebook. Einige haben ihr Profilbild gegen das Konterfei Suu Kyis ausgetauscht.

Die Gefühle der Burmesin und ihren Freunden schwanken derzeit zwischen Angst, Wut, Verwirrung, Trauer und Hoffnungslosigkeit. Jemand schreibt: «Wir sind am Sonntag in einer Demokratie eingeschlafen, in der wir uns frei bewegen und äussern konnten, und sind am Montag in einer Diktatur aufgewacht.»

«Ich will nicht, dass sich die Geschichte wiederholt»

Sie fürchten, dass der «Notstand» länger als nur ein Jahr dauern und die schon gebeutelte Wirtschaft sich noch verschlechtern wird. «Ich habe Erinnerungen an die Diktatur und der Gedanke, dass es wieder so werden könnte, ist frustrierend. Ich will nicht, dass die Geschichte sich wiederholt», sagt die Burmesin im Videocall.

Derzeit sei auch ihre Arbeitsstelle nicht gesichert. Sie arbeitet als Beraterin bei einer Firma, die ausländische Investitionen für die Städteentwicklung in Myanmars ländlichen Regionen verwaltet. «Diese Investitionen hätten hier Hunderte Stellen geschaffen. Aber mit der aktuellen Situation sehe ich die Investitionen und somit auch meine Stelle in Gefahr.»

Das Wissen, dass sie nichts tun kann, ist frustrierend. «Wohin gehen wir nun? Was können wir tun, damit unsere Träume überleben?» Diese Fragen stellt sie sich auf Facebook. Und fordert ihre Freunde zum digitalen Protest auf.

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