Entführte Mädchen
Wie eine besorgte Mutter das Weisse Haus aufrüttelte

Das Schicksal der 276 entführten Schulmädchen beschäftigt auch Washington. Jedoch erst seit die amerikanische Filmemacherin Ramaa Mosley eine virtuelle Kampagne startete. Damit ist sie mittlerweile ganz oben im Weissen Haus angekommen.

Renzo Ruf, Washington
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Die First Lady setzt sich auf Twitter persönlich für die entführten Mädchen ein.

Die First Lady setzt sich auf Twitter persönlich für die entführten Mädchen ein.

Twitter

Zuerst fühlte sie sich machtlos. Als Ramaa Mosley, eine 36-jährige Filmregisseurin und Drehbuchautorin aus Los Angeles, am 19. April erstmals im Radio über die Massenentführung von 276 Schulmädchen in Nigeria hörte, brach sie in Tränen aus. «Ich traute meinen Ohren nicht.» Eine Internetsuche bestätigte aber den Vorfall.

Dann fiel Mosley auf, dass amerikanische Medien kaum über die Massenentführung und die Terrorgruppe Boko Haram berichteten. Deshalb entschied sich die zweifache Mutter, eine virtuelle Kampagne zu starten. Auf Twitter verbreitete Mosley unter dem Hashtag «Bring back our girls» Meldungen über die Massenentführung. «Ich begann, Barack Obama zu bearbeiten, meine Senatoren in Kalifornien und sämtliche Berühmtheiten, die mir in den Sinn kamen», sagte Mosley dem Fernsehsender ABC.

Hilfe vom Präsidenten

Die Botschaft wurde gehört. Zuerst wurde das Thema in amerikanischen Medien aufgegriffen. Dann meldeten sich in Washington immer mehr Politiker zu Wort. So forderten sämtliche 20 Frauen im US-Senat in einem gemeinsamen Brief an das Weisse Haus ein aktiveres Vorgehen. Daraufhin sprachen am Dienstag erstmals auch Präsident Barack Obama und sein Aussenminister John Kerry in separaten Interviews öffentlich über die Massenentführung.

Obama nannte den Vorfall «furchtbar» und sicherte der nigerianischen Regierung die Hilfe der Amerikaner bei der Suche nach den Mädchen zu. Eine Einsatztruppe aus zivilen und militärischen Spezialisten werde nach Nigeria reisen. Details gab er keine bekannt, aus informierten Kreisen hiess es aber, dass keine Streitkräfte verlegt würden. Und Kerry sagte, dass sich Amerika grosse Sorgen um das Wohlergehen der Mädchen mache.

Skepsis in Nigeria

In der nigerianischen Diaspora wurde die Ankündigung des Weissen Hauses skeptisch aufgenommen. Es habe viel zu lange gedauert, bis sich das offizielle Washington zu Wort gemeldet habe, lautete der Tenor. Mit einer gewissen Verbitterung stellten nigerianische Experten fest, dass sich Amerika wochenlang über ein vermisstes malaysisches Flugzeug den Kopf zerbrechen könne, das Schicksal von schwarzen Mädchen aber ignoriere.

Auch Twitter-Aktivistin Ramaa Mosley bekam umgehend ihr Fett ab. Empörte Afrikaner wiesen darauf hin, dass der Twitter-Schlachtruf «Bring back our girls» in Nigeria erfunden worden sei.