Attentat
Wie Kennedys Leibwächter die «sechs Sekunden» in Dallas erlebten

Über das Attentat auf John F. Kennedy in Dallas im November 1963 wurden schon Tausende von Büchern geschrieben. Erstmals sprechen jetzt aber die Secret-Service-Agenten von John F. Kennedy über den 22. November 1963.

Christian Nünlist
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Clint Hill (stehend in der Mitte) beim Attentat auf John F. Kennedy
5 Bilder
Leibwächter Clint Hill hechtet auf die Limousine
Clint Hill im Einsatz
Der Leichwächter legt sich schützend auf den angeschossenen Präsidenten
Attentat auf John F. Kennedy - Die Heldentat von Clint Hill

Clint Hill (stehend in der Mitte) beim Attentat auf John F. Kennedy

«The Kennedy Detail» von Gerald Blaine ist aber auch für Kennedy-Insider schlicht eine Sensation. Denn Blaine war einer von 34 Elite-Agenten des Secret Service, die nur eine einzige Mission hatten - das Leben des amerikanischen Präsidenten zu beschützen.

Nach fast 50 Jahren brechen Kennedys Leibwächter nun erstmals ihr Schweigegelübde. Gerry Blaine trommelte seine Secret-Service-Kollegen zusammen und beleuchtet den «Mord des Jahrhunderts» aus einer einzigartigen Perspektive - die Leibwächter fahren nur wenige Meter hinter der Präsidentenlimousine. Sie müssen hilflos mit ansehen, wie Kennedy von einem Attentäter niedergestreckt wird.

Die «sechs Sekunden in Dallas» sind in Blaines 400-seitigem Buch auf sieben Seiten beschrieben. Den ersten Knall erkennt im ersten Moment keiner der auf drei Autos verteilten zwölf Agenten als Schuss. Vier Agenten stehen im Wagen direkt hinter Kennedys Limousine auf seitlichen Trittbrettern. Jack Ready und Paul Landys, die Agenten unmittelbar hinter Kennedy, blicken nach rechts hinten, können aber im Schulbuch-Gebäude hinter ihnen nichts Verdächtiges erkennen.

Die Heldentat von Clint Hill

Clint Hill, der Leibwächter von Jackie Kennedy, reagiert am schnellsten. Er ist im Folgefahrzeug vorne links auf einem Trittbrett positioniert, direkt hinter der First Lady. Als sich Kennedy nach vorn beugt und sich an den Hals fasst, springt Agent Hill instinktiv nach vorne. Er rennt nach vorn und will von hinten auf die fahrende Präsidentenlimousine aufspringen. Der Fahrer des nachfolgenden Secret-Service-Fahrzeugs zieht nach rechts, damit er Hill nicht überrollt.

Damit fährt der Folgewagen direkt in die Spur, auf der Agent Jack Ready - Hills Gegenüber - ebenfalls nach vorne zu Kennedy hechten will. «Warte!», schreit sein Chef Emory Roberts, denn er wäre direkt vor das Auto gesprungen. In diesem Moment fällt der dritte, tödliche Schuss. Jack Ready sieht eine «grausige Fontäne aus Gehirn, Knochen und Blut» aus Kennedys Kopf schiessen. Der Fahrer des Folgewagens, Sam Kinney, hört ein Geräusch, «als ob eine Melone auf dem Asphalt aufschlägt», und spürt, «wie das warme Blut des Präsidenten über seine Windschutzscheibe fliegt».

Clint Hill hat es beinahe geschafft, als er den dritten Schuss und Kennedys Kopf explodieren hört. Er streckt seine Arme aus und klammert sich an den Handgriff hinten an der Präsidentenlimousine. Sein Fuss findet den Fusstritt und er wirft sich auf dem Kofferraumdeckel nach vorn. Er ist den Bruchteil einer Sekunde zu spät gekommen!

Jackie Kennedy klettert im Schock auf den Kofferraum und will Gehirnteile ihres Ehemannes einsammeln. Hill ergreift ihren Arm und stösst sie zurück auf den Rücksitz. Dort sieht er ein Bild des Grauens: graue Hirnfragmente, weisse Knochensplitter und eine riesige Blutblache. Kennedy liegt regungslos auf dem Rücksitz, mit einem faustgrossen Loch im Hinterkopf.

JFK pfeift Agenten in Tampa zurück

Gerry Blaine und seine Secret-Service-Kollegen beschreiben aber nicht nur das Attentat und die grausamen Stunden und Tage unmittelbar nach den tödlichen Schüssen in Dallas in faszinierenden Details. Blaine enthüllt auch, dass Kennedy explizit keine Leibwächter auf den Trittbrettern hinten an seinem Wagen positioniert haben wollte. Am 18. November 1963, vier Tage vor dem Attentat in Dallas, betrieb JFK Wahlkampf in Tampa, Florida.

Der Secret Service beorderte aus Angst vor Exilkubanern zwei Agenten hinten auf die Präsidentenlimousine. Kennedy gefiel das gar nicht und er befahl dem verantwortlichen Agenten Floyd Boring: «Lass die Ivy-League-Scharlatane zum nachfolgenden Wagen zurückfallen.» Kurz darauf betonte der Präsident nochmals, er halte diese Massnahme für exzessiv, er wolle keine Agenten hinten auf seiner Limousine. «Wir betreiben Wahlkampf. Ich muss zugänglich fürs Volks sein», erklärte Kennedy dem Agenten Boring. Der Secret Service erhielt in der Folge die strikte Weisung, Kennedys Wunsch zu befolgen.

Clint Hill macht sich nach Dallas schwere Vorwürfe, dass er eine Sekunde zu spät gekommen ist. 1990 ist er bereit, an den Tatort zurückzukehren. Erst jetzt glaubt er, dass er am 22. November 1963 sein Bestes gegeben hat.

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